Europa ist für die meisten Syrer unerreichbar

Fast vier Millionen Flüchtlinge zählt das Flüchtlingshilfswerk der UNO in der Region um Syrien. Nach Europa haben es seit Kriegsausbruch nur 253'856 Frauen und Männer geschafft. Die Reise ist teuer und gefährlich.

ein mann mit dunkler jacke trägt ein kind mit blauer daunenjacke in seinen armen. er schaut ernst in die ferne, das kind hat weit aufgerissene augen und starrt in die kamera des fotografen. im hintergrund sind weitere flüchtlinge zu sehen. das foto ist pastellfarben, es wurde wohl im morgengrauen aufgenommen.

Bildlegende: Sie kamen von Syrien über die Türkei mit der Fähre nach Griechenland: Die Odyssee hat in Piräus geendet. Reuters

Seit vier Jahren tobt der Krieg in Syrien. Inzwischen ist die Zahl der Flüchtlinge auf 3'980'623 Personen angestiegen. Soviele sind dem UNHCR per Ende Mai zumindest bekannt. Die meisten haben es vorerst nur in ein Nachbarland geschafft: In Libanon gibt es über eine Million syrische Flüchtlinge, in Jordanien 600'000 und in Irak 250'000.

Lage rund um Syrien spitzt sich zu

«Die Flucht ins Nachbarland ist die schnellste, die günstigste und deshalb die nächstliegende Lösung», sagt Anja Klug, die das UNHCR-Büro für die Schweiz und Liechtenstein leitet. Ausserdem hofften die meisten Flüchtlinge auf eine baldige Rückkehr in ihre Heimat. «Doch je länger der Krieg dauert, fragen sie sich: Wo kann ich mir ein neues Leben aufbauen?»

Die Flüchtlinge aus Syrien suchen Arbeit, wollen Schulbildung für ihre Kinder und medizinische Versorgung. Besonders in Libanon sinken die Chancen auf einen Neuanfang zunehmend. «Will ein Syrer bleiben, muss er seine Aufenthaltsbewilligung verlängern. Diese kostet neuerdings 200 Dollar. Er darf zudem keiner Arbeit nachgehen und muss jemanden im Land kennen, der für ihn garantiert», sagt Klug. Viele gleiten in die Illegalität ab.

Legale Ausreisewege sind rar

Nur wenige der Millionen Flüchtlinge zieht es weiter. Einige versuchen die Flucht via Türkei in Richtung Europa. Sie gelingt meist nur mit Unterstützung von Schmugglern. «Weil die europäischen Staaten den Grenzschutz verstärkt haben, sind die Preise für die illegale Überfahrt gestiegen.» Sie ist nicht nur teuer, sondern auch gefährlich. Es droht der Tod.

«  Weil die europäischen Staaten den Grenzschutz verstärkt haben, sind die Preise für die illegale Überfahrt gestiegen. »

Anja Klug
Leiterin Büro UNHCR für die Schweiz und Liechtenstein

Für die meisten Syrerinnen und Syrer ist Europa deshalb unerreichbar. Das UNHCR versucht, ihnen vermehrt legale Fluchtwege zu ermöglichen. Mit dem sogenannten Resettlement-Programm will sie anerkannte Flüchtlinge unter anderem an europäische Staaten vermitteln. Der Bundesrat hat entschieden, auf diesem Weg 2'500 syrischen Flüchtlingen Schutz zu bieten.

Europäische Solidarität gefordert

Die Schweiz gehe als gutes Beispiel voran, sagt Anja Klug des UNHCR. «Der Bundesrat setzt ein Zeichen, das hoffentlich auch in anderen europäischen Ländern registriert wird.» Trotz zahlreichen Appellen des UNO-Flüchtlingshilfswerks gebe es noch Staaten in Europa, die keine Resettlement-Programme kennen.

«  Der Bundesrat setzt ein Zeichen, das hoffentlich auch in anderen europäischen Ländern registriert wird. »

Anja Klug
Leiterin Büro UNHCR für die Schweiz und Liechtenstein

Eine europäische Solidarität mit den Nachbarländern Syriens sei nötig. Das UNHCR müsse den syrischen Flüchtlingen in Libanon, Jordanien und Irak weiterhin Schutz bieten können, sagt Klug. «Das gelingt nur, wenn diese Staaten spüren, dass sie die Last des Syrien-Kriegs nicht alleine tragen.»

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • EU verhandelt neue Asylpolitik

    Aus Tagesschau vom 16.6.2015

    Die EU-Innenminister suchen in Luxemburg nach Lösungen für die Flüchtlingspolitik. Künftig sollen Asylsuchende auf alle EU-Staaten verteilt werden. Die zahlenmässige Aufteilung unter den Staaten ist noch ungeklärt. Einschätzungen von SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck.

  • Flüchtlingsdrama in der Türkei

    Aus Tagesschau vom 15.6.2015

    Tausende Syrer suchen in der Türkei Zuflucht. Seit Tagen versuchen Kurdenkämpfer in heftigen Kämpfen die Grenzstadt Tal Abjad von der Terrormiliz IS zurückzuerobern.

  • Frauen in der IS-Sittenpolizei

    Aus 10vor10 vom 12.6.2015

    In der Terrormiliz Islamischer Staat haben auch Frauen eine besondere Rolle. Ihre Verhüllung wird akribisch kontrolliert. Sie wachen aber auch mit den Männern zusammen über die Ordnung des IS. In der Türkei in der Nähe der Grenze zu Syrien ist der Fluchtort für Menschen, die dem IS-Terror entronnen sind. Hier lebt eine junge Frau, die bis vor kurzem ein Mitglied der IS-Sittenpolizei war.

  • Flüchtlinge aus Syrien

    Aus Tagesschau vom 11.6.2015

    Die Schweiz wird 2000 besonders gefährdete Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen – ihnen wird dauerhafter Aufenthalt gewährt. Sie müssen unter anderem integrationsbereit sein. Das wird im Vorfeld geprüft.