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Europawahlen Schauplatz Osteuropa: Europawahl? Welche Europawahl?

Vor zehn Jahren traten acht Länder aus Osteuropa der EU bei. Die Hoffnungen waren gross. Wie sieht die Bilanz heute aus? Wie europäisch denken die Menschen im Osten? Eine Bestandsaufnahme wenige Wochen vor der Europawahl.

Endlich eingebunden sein in die westlichen Strukturen, endlich stabile Demokratie, endlich mehr Wohlstand. An Erwartungen mangelte es nach dem Beitritt acht osteuropäischer Länder (plus Malta und Zypern) zur EU nicht. Längst nicht alle Hoffnungen haben sich erfüllt. Aber: Im Grossen und Ganzen fällt die Bilanz positiv aus.

Wie europäisch denken die Menschen im Osten? Eine Bestandsaufnahme in Ungarn, der Tschechischen Republik und Polen.

Budapest: Arm im Club der Reichen

Geradezu euphorisch war die Stimmung in Ungarn vor dem EU-Beitritt. Seither hat die Zufriedenheit mit Brüssel stetig abgenommen. Zwar tickt das Land immer noch mehrheitlich pro-europäisch. Aber es fühlt sich auch ständig benachteiligt.

An einer Info-Veranstaltung zur Europawahl in Budapest ist zu hören: Die EU behandle ihre Mitglieder nicht alle gleich. Dabei habe doch jedes Land die gleichen Rechte. Und wenngleich die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene wichtig sei – die nationalen Interessen müssten doch berücksichtigt werden.

Die Euphorie: weg. Das einstige Liebesverhältnis: merklich erkaltet. Was ist passiert? Zu viel Goodwill habe Ungarn verspielt, analysiert der Politologe Lazslo Lengyel. Das Land habe Mühe, seine Rolle zu finden.

Dabei begann es gut, Ungarn startete mit Vorsprung in den so genannten Transformationsprozess. Doch Professor Lengyel ist der Meinung, sein Land habe die 10 Jahre EU-Mitgliedschaft nicht gut genutzt. Politisch und gesellschaftlich sei es nicht vorangekommen. Und was die Wirtschaft betrifft, so werde dank den europäischen Fonds zwar viel in die Infrastruktur investiert. Aber die Wirtschaftsstruktur und das Wohlstandsniveau hätten sich letztlich kaum verbessert.

Ungarn findet sich heute an der Peripherie wieder. Oder wie es Laszlo Lengyel ausdrückt: «Früher waren wir die Reichen im Club der Armen. Jetzt sind wir die Armen im Club der Reichen.»

Prag: Zwischen Skepsis und Gleichgültigkeit

Die Tschechische Republik hat sich besser entwickelt als Ungarn. In Sachen Wohlstand hat das Land inzwischen die westlichen Schlusslichter Portugal und Griechenland überholt.

Der Schönheitsfehler, zumindest aus Brüsseler Sicht: Die wenigsten Menschen schreiben diesen Erfolg der EU-Mitgliedschaft zu. Nirgends ist die EU-Skepsis grösser, nirgends das Interesse an der EU geringer als in Tschechien.

In Zahlen heisst das: Vielleicht 20 oder 25 Prozent der Stimmberechtigten werden an die Urne gehen. Entsprechend flau ist der Europa-Wahlkampf, es fehlen die Themen.

Mit abstrakten EU-Angelegenheiten seien die Leute kaum zu erreichen, sagt der Prager Politologe Ondrej Matejka. Eine europäische Debatte? Fehlanzeige. Wenn europäische Themen mal zur Sprache kämen, dann oft im negativen Kontext: Wenn die EU-Kommission mit einer kruden Entscheidung wie etwa der Gurkenkrümmung übers Ziel hinausschiesse etwa. Oder wieder ein neues Verbot aus Brüssel die Menschen piesacke.

Warschau: Wohlwollend desinteressiert

Europawahlen? Das sei doch für Leute, die sich speziell damit auseinandersetzten, sagt eine junge Kellnerin. Und fügt mit einem Lächeln an: Sie habe Besseres zu tun. Desinteresse auch hier.

Mit einem Unterschied. Gerade das Beispiel Polen zeigt, dass mangelndes Interesse nicht unbedingt mit Unzufriedenheit einhergehen muss.

Von einer paradoxen Situation spricht Politologe Wojciech Przybylski. 70 Prozent der Menschen in Polen befürworteten die EU-Mitgliedschaft und hätten grosses Vertrauen in die Brüsseler Institutionen. Doch wählen gehen, das wollten sie nicht – die Leute meinten, dass es auf ihre Stimme und überhaupt auf das EU-Parlament nicht gross ankommt. Ohnehin würden die wirklich wichtigen Entscheide auf Regierungsebene getroffen.

Und da hat Polen in den letzten Jahren gute Erfahrungen gemacht. Es ist das östliche Land, das am meisten von der EU profitiert hat. Allerdings nicht nur wegen der Milliarden für Strukturprojekte, die ins Land flossen, sondern weil Polen generell die Chance zur Erneuerung und Modernisierung nutzen will, wie Wojciech Przybylski meint - darüber herrsche parteiübergreifender Konsens.

Ungarn, Tschechische Republik, Polen: Die osteuropäischen EU-Länder ziehen eine unterschiedliche Bilanz ihrer 10-jährigen Mitgliedschaft. Gemein ist ihnen nur eines: das markante Desinteresse an europäischen Wahlen.

Europawahl 2014

Halbkreis mit farbigen Segmenten gemäss der Fraktionsstärke im EU-Parlament

Die Fraktionen im Europäischen Parlament

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2 Kommentare

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  • Kommentar von peter müller, zürich
    Die Euphorie von SRF über Polen hält der Realität einfach nicht stand. Das Land hat ein geringeres Pro Kopf Einkommen als Russland und nur ein unwesentlich höheres als Kasachstan. Bulgarien etwa ein vergleichbares mit Weissrussland / Turkmenistan obwohl diese von der EU boykottiert werden. Nimmt man die Grösse und Bevölkerung dann entwicklen sich die Eurasischen Länder besser als diejenigen der EU Eintritte ab 2000. Nur die 3 kleinen Lettland, Estland, Litauen haben recht positive Werte.
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  • Kommentar von Armin Hug, Kreuzlingen
    Bei den Polen dürften auch die Auswanderungsmöglichkeiten positiv zu Buche schlagen: In Großbritannien lebten im Jahr 2011 etwa 580.000 Polen, etwa zehn Mal so viele wie sieben Jahre zuvor zum Zeitpunkt des Beitritts Polens zur Europäischen Union.
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