Experte: «Eine Hirnverletzung ist nie folgenlos»

Michael Schumacher kämpft in der Grenobler Uni-Klinik um sein Leben. Bei der Einlieferung lag er im Koma und ein sofortiger Eingriff war nötig. Diagnose: Schädel-Hirntrauma. Was bedeutet das und wie wird diese Verletzung behandelt? Das Magazin «Puls» berichtete 2009 aus dem Uni-Spital Zürich.

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Was ist ein Schädel-Hirntrauma?

2:57 min, aus Puls vom 26.1.2009

Mit dem Begriff Schädel-Hirn-Trauma bezeichnen Ärzte Schädelverletzungen, bei denen auch das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen worden ist.

Reto Stocker war früher Leiter der Intensivmedizin am Unispital in Zürich und führt nun das Institut für Anästhesie und Intensivmedizin in der Klinik Hirslanden. Er erklärt in der Sendung «Puls»: Das Hirn ist einer knöchernen Kapsel eingeschlossen. Bei einer Gewalteinwirkung auf den Kopf kann es entweder zu einer Blutung im Schädelinnern oder zu einer Hirnschwellung kommen – oder beides zusammen.

Erste Massnahme: Ruhig stellen

In jedem Fall aber muss der Patient ruhig gestellt werden, indem man ihn in ein künstliches Koma versetzt. Dabei handelt es sich um eine lange Narkose, mit der man weitere Schäden vermeiden will. Intravenös bekommt der Verunfallte starke Schlaf- und Schmerzmittel. Die Aktivität des Gehirns wird herabgesetzt.

Mit einer Sonde wird direkt im Hirn ständig der Hirndruck gemessen. Er darf nicht zu hoch sein. Stocker erklärt: «Wenn der Hirndruck gleich hoch ist wie der Blutdruck, dann gibt es keine Hirndurchblutung mehr. Es kommt zu Zellschädigungen im Bereich des Gehirns.»

«  Eine Hirnverletzung ist nie folgenlos. »

Reto Stocker
Intensivmediziner am Unispital ZH

Das künstliche Koma ist mittlerweile eine Routinemassnahme in der Medizin. Es lässt sich mehrere Wochen aufrechterhalten. Erst wenn sich der Hirndruck und die anderen Werte wieder normalisiert haben, wird der Patient nach und nach aufgeweckt.

Reto Stocker

Bildlegende: Reto Stocker war Leiter der Intensivmedizin am Universitätsspital in Zürich, bevor er zur Klinik Hirslanden wechselte. SRF

Wie schwer die Schäden sind, sieht man erst, wenn der Patient wach ist. Stocker hält aber fest: «Eine Hirnverletzung ist nie folgenlos.» Der Patient müsse lernen, mit den Defiziten umzugehen. Dann sei in vielen Fällen ein ganz normales Leben wieder möglich. Bis es aber so weit ist, brauchen die meisten Patienten viel Zeit.

Pro Jahr und pro 100‘000 Einwohner ereignen sich 200 bis 300 Unfälle mit Hirnverletzungen, wie die Schweizerische Neorologische Gesellschaft mitteilt. Die Mehrzahl dieser verläuft glimpflich und ohne bleibende Schäden. Ein Viertel der Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma versterben. Die häufigsten Ursachen von Schädel-Hirn-Traumen sind Stürze, Sportverletzungen und Auto- oder Fahrradunfälle.