Extremisten bedrohen das tunesische Modell

Es war ein schwarzer Tag für Tunesien. Auf offener Strasse wurde der bekannte Oppositionspolitiker Chokri Belaïd erschossen. Ein politischer Mord, mitten in Tunis, im Februar 2013. Nun beginnt der Prozess. Die Täter sollen zur Terrorgruppe Ansar al-Scharia gehören.

Eine tunesische Fahne mit dem Konterfei von Chokri Belaid. Daneben zwei brennende Kerzen.

Bildlegende: Gut zwei Jahre ist der Mord an Chokri Belaïd her. Stecken dieselben Drahtzieher dahinter wie in Sousse? Reuters

SRF News: Inwiefern war der Mord an Chokri Belaïd eine Zäsur für Tunesien?

Beat Stauffer: Dieser Mord hat das Vertrauen breiter Bevölkerungsschichten in Tunesien in die Regierung die damals von der islamistischen Partei Enachta angeführt wurde, ganz tief erschüttert. Man kann sagen, der Mord war der Anfang vom Ende der Enachta-Regierung. Es zeigt sich auch, dass Tunesien in zwei grosse Lager gespalten ist: Nämlich ein religiös-konservatives, bis islamistisches Lager und ein säkulares Lager. Und diese Spaltung hält bis heute an.

Wer sind die mutmasslichen Mörder Belaïds?

Es sind Personen aus dem Umfeld der Terrororganisation Ansar al-Scharia, einer extremistischen Organisation, die nach der tunesischen Revolution entstanden ist. Der Haupttäter und seine Komplizen sind flüchtig oder in Libyen umgekommen. Die grosse Frage ist eigentlich eher, wer stand hinter diesem Attentat? Wer ist der Auftraggeber? Denn diese Täter und Komplizen waren eher marginalisierte Personen, die so etwas kaum aus eigenem Antrieb getan hätten.

Welche Antworten hat man heute darauf?

Man geht davon aus, dass eine extremistische Organisation, höchst wahrscheinlich eben Ansar al-Scharia, dieses Attentat ausgeheckt hat. Unklar ist, ob die Enachta davon gewusst hat, ob sie sie gedeckt hat, oder ob sie selber davon schockiert war, was aus den Gruppen geworden ist, die sie am Anfang ihrer Regierungszeit haben gewähren lassen.

Tunesien wurde im Anschluss von weiteren Anschlägen erschüttert, zum Beispiel auf das Bardo-Museum in Tunis und jetzt auf Strandbesucher in Sousse. Steckt da die gleiche Organisation dahinter?

Die tunesischen Experten sind sich nicht ganz einig, wer wirklich hinter den Anschlägen steckt. Das Problem ist, dass Ansar al-Scharia abgetaucht ist, dass viele Mitglieder ins Ausland oder in die Berge geflohen sind und heute unter anderem Namen operieren. Klar ist, es sind terroristische Organisationen – ob das jetzt der IS oder die al-Kaida im Maghreb ist.

Wegen des neuesten Anschlags wird die Regierung kritisiert. Es habe viel zu lange gedauert, bis die Polizei vor Ort gewesen sei. Ist das so?

Ja, da ist leider etwas dran. Es dauerte je nach Augenzeugenberichten zwischen 20 und 30 Minuten, bis die Elitetruppen der Polizei vor Ort waren und den Täter erschiessen konnten. Der Innenminister hat selber eingeräumt, dass gravierende Sicherheitsmängel vorhanden seien. Ob da noch andere Dinge im Spiel sind, ob eine klammheimliche Sympathie seitens der Sicherheitskräfte für diese Islamisten da ist, kann man nur vermuten. Es ist sehr schwierig, darüber etwas zu erfahren.

Weiss man inzwischen Näheres über den Attentäter von Sousse?

Der Attentäter Seifeddine Rezgui hat in Kairouan studiert. Das war vor allem im Jahr 2013 die Hochburg der Salafisten und von Asar al-Scharia. Er ist in dieser Stadt radikalisiert worden. Er ist dort in Moscheen gegangen, die für ihre extremistischen Predigten bekannt waren. Er hat dort auch Internet-Kontakte geknüpft. In dem Sinn kann man sagen, dass sich der Bogen hier schliesst. Er hat auf jeden Fall mit dieser extremistischen Organisation Kontakte gehabt. Er hat anschliessend eventuell autonom gehandelt. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht klar.

Wo führt die aktuelle Regierung das Land hin?

Der Tourismus ist essentiell in Tunesien. Die Regierung muss unbedingt dafür sorgen, dass keine weiteren Anschläge passieren, sonst bricht dieser Wirtschaftszweig vollends zusammen. Die Lage ist sowieso schon sehr angespannt. Das tunesische Modell, das einzigartig ist im arabischen Raum, weil es Islam und Demokratie vereint, droht zu scheitern, wenn es jetzt nicht gelingt, die Sicherheit im Land nicht zu garantieren.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovitsch.

Beat Stauffer

Portrait von Beat Stauffer

Friedel Ammann

Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.