Extremistin, Geliebte, Täterin – Zschäpe im Porträt

Gemeinsam mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos soll Beate Zschäpe den Kern des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU) gebildet haben. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess will nun ihr Schweigen brechen. Wer ist die Frau, die nach Einschätzung der Staatsanwälte, die Terrorgruppe zusammenhielt?

Zschäpe

Bildlegende: Die Ankündigung einer Erklärung von Zschäpe im NSU-Prozess sorgt für Spannung. Kommt jetzt die ganze Wahrheit ans Licht? Keystone

Seit diesem Sommer ist ihre Dose mit den Bonbons verschwunden. Die Dose, die Beate Zschäpe zwei Jahre lang an jedem Verhandlungstag vor dem Münchener Oberlandesgericht (OLG) zwischen sich und ihrem Verteidiger Wolfgang Heer auf der Anklagebank aufbaute. Beide naschten während des Prozesstages Pfefferminz.

Bis sich Zschäpe in diesem Frühjahr mit ihren drei Pflichtverteidigern überwarf. Erst misstraute sie der Juristin Anja Sturm, es folgten Heer und sein Kollege Wolfgang Sturm. Die drei Advokaten sollen Zschäpe gegen die Vorwürfe in Schutz nehmen, die der Generalbundesanwalt auf 488 Seiten zu einer Anklageschrift formulierte.

Der schwerwiegendste Vorwurf: Beate Zschäpe habe zusammen mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in zehn Fällen heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen zehn Menschen getötet. Als letzten die Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 in Heilbronn. Zudem soll Zschäpe versucht haben, 22 weitere Personen zu ermorden.

Gemeinsam mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos soll Zschäpe den Kern des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU) gebildet haben. Eine verschworene Gemeinschaft, in dem jeder auf jeden angewiesen war. Eine Terrorgruppe ohne Anführer. Dafür mit einem klaren Ziel: «Taten statt Worte» überschrieb der NSU sein Bekennervideo – sagen die Bundesanwälte.

Katzenliebhaberin Zschäpe

Denen und ihren Ermittlern erzählt Zschäpe nur wenig über sich: Sie sei «ein Oma-Kind», das ihren Vater nicht kannte, mit ihrer Mutter über Kreuz lag und in ihren Komplizen Böhnhardt und Mundlos eine Familie fand. Katzen liebe sie, erzählt sie einem Polizisten nachdem sie sich im November 2011 selbst stellte. In den Akten des Bundestagsuntersuchungsausschusses findet sich das Profil einer V-Frau des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) aus dem rechtsextremen Milieu, das Zschäpe auf den Leib geschnitten sein könnte: Oma-Kind, Katzenliebhaberin.

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NSU-Prozess: Zschäpe bricht Schweigen

3:53 min, aus 10vor10 vom 9.12.2015

Zschäpe – so legen es die bisherigen Ermittlungen nahe – war eine einsame Jugendliche, die sich in Jena in Uwe Mundlos verliebte – und er sich in sie. Politik habe Zschäpe vor dem rechtsextremen Mundlos nicht interessiert, sagten Zeugen vor dem OLG in München aus. Vulgär sei das Mädchen gewesen. Bauernschlau. Ein Diebin, die in Supermärkten zulangte. Als Mundlos zur Bundeswehr einrückte, bandelte sie mit dessen bestem Freund, Uwe Böhnhardt an. Und dennoch, meinen die Staatsanwälte, schaffte sie es, dass Mundlos bei ihr bleibt.

Zuvorderst bei Nazi-Aufmärschen

Ausbilder und andere bekannte beschreiben Zschäpe als engagiert. Sozial. Eher intelligent. Freundlich. An rechtsextreme Parolen können sie sich nicht erinnern. Die aber, so dokumentieren es Videos und Fotos, schrie Zschäpe auch: Sie war Mitglied im rechtsradikalen «Thüringer Heimatschutz» (THS), gründete mit den beiden Uwes die Kameradschaft Jena. Aus derer ging später der NSU hervor. Bei Nazi-Aufmärschen trug Zschäpe Transparente mit Nazi-Parolen in den vorderen Reihen. Sie mietete die Garage in Jena, in der Böhnhardt und Mundlos Bomben bauten.

Als die Polizei im Jahr 1998 diese Garage durchsuchte, tauchten Böhnhardt, Mundlos und Böhnhardt ab. In Chemnitz und Zwickau sollen sie im Untergrund gelebt haben. Mehrere Wohnungen, mehrere Identitäten. Für die Legenden und das Geld, sind sich die Ankläger sicher, war Beate Zschäpe zuständig.

Wer ist die Frau, die nach Einschätzung der Staatsanwälte den NSU zusammenhielt? Fest steht: Es gibt keine Schublade mit dem Aufdruck «Beate Zschäpe».

Beate

Vom Sozialarbeiter bis zu Besucher des Jugendclubs in Jena-Winzerla: Alle beschreiben Zschäpe als junge, sympathische Frau, die nach einer Perspektive sucht. Ihre Mutter sagt in ihrer ersten Vernehmung: «Beate war eigentlich ein liebes, nettes Mädchen. Sie hat sich immer mal Überraschungen überlegt. Sie war eigentlich immer beliebt, hatte viele Freundinnen.» Höflich und nett war sie für die Eltern von Uwe Böhnhardt.

Dessen Mutter Brigitte, eine Lehrerin, sagte vor dem OLG in München aus: «Für mich war sie ein ganz normales Mädchen». Für die Mitbewohner des mutmasslich letzten Unterschlupfes in Zwickau war Zschäpe die «Diddl-Maus», mit der man ein Bier trank, schwatzte und Pizza ass. Ein «herzensguter, hilfsbereiter Mensch». Einer, bei «dem einem das Herz aufging, wenn sie in die Runde kam».

Extremistin

Ein Bekannter aus der Zeit, wo Jugendliche nur mit einer bescheidenen Perspektive zwischen den Plattenbauten in Jena-Winzerla herumhingen, beschreibt Beate Zschäpe in seinen Vernehmungen durch das Bundeskriminalamt als vulgär, primitiv und ordinär. Unterschwellig sei sie aggressiv gewesen, unsympathisch. Zschäpe kommt mit dem Gesetz in Konflikt: Weil sie stiehlt, vietnamesische Zigarettenhändler beraubt und bedroht, Gleichaltrige mit einer linken Weltanschauung hetzt und jagt.

Geliebte

Womöglich stecken auch Zurückweisungen hinter solchen Charakterisierungen. Fest steht, dass Beate Zschäpe Anfang der 1990er-Jahre zuerst mit Uwe Mundlos liiert war.

Als ihr Freund Uwe Mundlos zur Bundeswehr einrückt, schläft Beate Zschäpe mit dessen besten Freund Uwe Böhnhardt. Später soll sie mit dem Neonazi Thomas Starke liiert gewesen sein, recherchiert der NSU-Sonderermittler des Bundestages. Nie bewiesen ist, ob das Trio nach seinem Untertauchen 1998 wirklich in der sexuellen Dreiecksbeziehung lebte, von der viele Medien wissen wollen. Fakten dazu haben die Journalisten nie geliefert.

Hausfrau

Die Nachbarn aus den verschiedenen Häusern, in denen das Trio sich versteckte, berichten von einer kochenden, putzenden Beate Zschäpe. Eine Frau, mit denen andere Frauen gerne schwatzen, sie um Rat baten. Und die in ihre Katzen Heidi und Lilly vernarrt war. Uwe Böhnhardts Mutter muss Rezepte für Kekse in den Untergrund liefern.

Opfer

Zschäpes altes Verteidiger-Trio Heer, Stahl und Sturm sah in der 40-Jährigen eine Mitläuferin, die erst im Nachhinein von den Taten ihrer Mitbewohner Böhnhardt und Mundlos erfuhr. «Nehmen Sie nur einmal für einen Moment an, Frau Zschäpe hat erst im Nachhinein von den Taten von Böhnhardt und Mundlos erfahren. Sie hat verständlich Angst, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. So nach dem Motto: mitgegangen, mitgehangen», sagte einer ihrer Verteidiger einmal.

Täterin

Die Ankläger vor dem Münchener OLG sind sich sicher: Beate Zschäpe ist eine Mörderin. Sie soll durch «27 rechtlich selbstständige Handlungen gemeinschaftlich mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen zehn Menschen getötet und einen Menschen schwer verletzt» haben. Zwei Sprengstoffanschläge gehen demnach auf ihr Konto, bei denen 22 Menschen verletzt wurden. 15 Raubüberfälle. Eine schwere Brandstiftung.

Zschäpe, so haben es die Staatsanwälte immer wieder in die Anklageschrift geschrieben, habe den Rückzugsraum für die beiden NSU-Männer geschaffen, deren Bewegungen getarnt. Sie haben die Wagen angemietet. Das Geld verwaltet. Die Urlaubsreisen der mutmasslichen Terrorgruppe an die Ostsee organisiert.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy, (Mitte rechts) Parlamentspräsident Norbert Lammert (Mitte links) sowie andere Mitglieder des Ausschusses präsentieren den Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses zur NSU in Berlin am 22. August 2013.

    NSU-Abschlussbericht: Behörden haben systematisch versagt

    Aus Echo der Zeit vom 22.8.2013

    Der Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestags zu den rechtsradikalen NSU-Terrorzellen kritisiert die Behörden in seinem Abschlussbericht scharf. Sie hätten systematisch und historisch beispiellos versagt. Der Ausschuss legt Vorschläge für Reformen vor.

    Gespräch mit Deutschlandkorrespondent Casper Selg in Berlin.

    Roman Fillinger