Fairtrade-Mitarbeiter mit miserablen Löhnen

Faitrade-Gütesiegel wie Max Havelaar versprechen, die Hersteller des Produkts besser zu entlöhnen. Doch oft ist das Gegenteil der Fall, wie eine Studie zeigt. Vielmehr lohne es sich, auf Qualität zu achten.

Eine Frau mit einem rosaroten Tuch auf dem Kopf bückt sich in einer Kakao-Plantage.

Bildlegende: Eine Frau arbeitet auf einer Kakao-Plantage in der Elfenbeinküste. Reuters/archiv

Wer Kaffee, Honig, Blumen oder Bananen mit Fairtrade-Gütesiegel kauft, bezahlt etwas mehr für das Produkt. Im Gegenzug rechnet er aber damit, dass die Hersteller des Produkts etwas mehr verdienen. Das ist häufig nicht der Fall, wie eine umfangreiche Untersuchung zeigt.


Tiefe Löhne trotz Fairtrade

4:56 min, aus Echo der Zeit vom 07.06.2014

Wissenschaftler des Afrika-Instituts der Universität London haben in Uganda und Äthiopien während vier Jahren hunderte Interviews durchgeführt: Wer arbeitet zu welchen Bedingungen auf konventionellen und auf Fairtrade-Landwirtschaftsbetrieben?

Die Auswertung der Daten von über 1700 Personen zeigt: Die angestellten Lohnarbeiter, welche die Ernten in erster Linie einfahren, sind generell sehr schlecht bezahlt. Und auf kleinen Fairtrade-Kooperationen meist sogar noch schlechter als auf konventionellen Plantagen.

«Lohnarbeiter im ländlichen Afrika profitieren nicht»

«Fairtrade nennt ihre Arbeit eine Strategie zur Armutsbekämpfung. Aber Lohnarbeiter im ländlichen Afrika profitieren nicht», sagt Bernd Müller. Und diese seien gemäss langjährigen Forschungen die Ärmsten der Armen. Das gehe oft vergessen.

Doch allzu überrascht von dem Ergebnis ist der Ökonom und Studienautor nicht. Konventionelle, grosse Plantagen benötigten in kurzer Zeit sehr viele Lohnarbeiter. Deshalb bezahlten sie für kurze Zeit bessere Löhne. Die meist eher kleinen Fairtrade-Betriebe könnten da nicht mithalten. «Speziell auf kleinen Farmen sind viele Arbeiter Taglöhner, die für sehr tiefe Löhne arbeiten. Das findet man weniger auf den sehr grossen Firmen.»

Alles nur ein Etiketten-Schwindel also? Müller verneint. Das sei zu weit gegriffen, Doch «vielleicht ist auch der Anspruch von Fairtrade selbst etwas zu hoch. Und zudem kommt es wohl unbewusst auch zur Verbreitung von gewissen Halbwahrheiten.»

Max-Havelaar-Sticker auf einer Banane

Bildlegende: In der Schweiz vergibt die Max-Havelaar-Stiftung das Fairtrade-Label. Keystone

«Fairtrade ist ein Prozess»

Was sagt die Max-Havelaar-Stiftung zu den «Halbwahrheiten»? Sie vergibt das Gütesiegel in der Schweiz. Der stellvertretende Geschäftsführer Fred Lauener spricht von einem Prozess: «Fairtrade beansprucht nicht, vom ersten Tag an Lösungen zu haben. Es belgeitet die Kooperativen auf dem Weg zu existenzsichernden Löhnen. Was immer auch damit gemeint ist.»

Grundsätzlich begrüsse man kritische Untersuchungen wie jene der Universität London. Sie würden helfen, das System zu verbessern. Der internationale Fairtrade-Verband versuche darum, seine Standards laufend anzupassen - auch in Bezug auf die zu zahlenden Löhne, sagt Fred Lauener. Doch: «Die Standards können zwar festgelegt werden. Aber wenn sie nicht in die Köpfe der Leute übergehen, werden wir langfristig die Probleme nicht lösen können.»

«Es lohnt sich, Qualität zu kaufen»

Für Studienautor Bernd Müller stösst die Fairtrade-Idee an Grenzen. Bessere Faitrade-Standards, mehr Kontrollen – alles sinnvoll. Den grössten Erfolg hat er aber anderswo entdeckt: «Wenn man gewillt ist, für Kaffee oder Schnittblumen etwas mehr auszugeben, dann lohnt es sich, Qualität zu kaufen.» Den diese erreichten Betriebe vor allem dann, wenn sie ihre Angestellten ausbildeten und gut bezahlten. Gütesiegel hin oder her.