Fakt oder Artefakt? Drei Fragen zum Turiner Grabtuch

Während es Skeptiker als listige Fälschung betrachten, legen es Gläubige als Abbild Christi aus. Was das Turiner Grabtuch genau ist, warum es seit Jahrhunderten interessiert und was es – auch heute – allenfalls nützt, lesen Sie hier.

In einem Negativ aus dem Jahr 1979 sind die Gesichtszüge eines Mannes deutlich erkennbar.

Bildlegende: In einem Negativ aus dem Jahr 1979 sind die Gesichtszüge eines Mannes deutlich erkennbar. Keystone

Was genau ist es?

Das Turiner Grabtuch ist 4,36 Meter lang und 1,10 Meter breit und im Fischgrätmuster aus Leinen gewirkt. Aufbewahrt wird es in einer Seitenkapelle des Turiner Doms.

Es zeigt ein Ganz-Körper-Bildnis von der Vorder- und Rückseite eines Mannes und gilt Gläubigen als Reliquie: Im Textil soll, so ihre Idee, Jesus von Nazareth nach seiner Kreuzigung eingewickelt worden sein, so dass es heute den leibhaften Christus bezeuge. Tatsächlich wirkt das Turiner Grabtuch, als wäre es dreidimensional.

Das Turiner Grabtuch wird im Jahr 1353 erstmals erwähnt. Damals gehörte es dem französischen Adligen Geoffroy de Charny. 1453 erwarb das Herrscherhaus Savoyen das Tuch und überführte es 1578 in seine neue Residenzstadt Turin.

In der dortigen Kathedrale wird es bis heute aufbewahrt. Umberto II. von Savoyen, der letzte König von Italien, vermachte das Textil 1983 dem Heiligen Stuhl. Seither ist es auf Veranlassung des Papstes in der Obhut der Erzbischöfe von Turin.

Das Tuch wird selten, seit den letzten beiden Jahrzehnten aber immer häufiger gezeigt. In der laufenden Ausstellung wird es in einer kugelsicheren Vitrine präsentiert, die 2500 Kilogramm wiegt.

Die katholische Kirche hat die Echtheit des Turiner Grabtuchs bis heute nicht offiziell bestätigt.

Warum interessiert es?

Das Turiner Grabtuch erachten die einen als Beweis für die Existenz vom Heiland, die anderen tun es als Humbug ab.

Die bemerkenswertesten Aspekte sind derweil erst 650 Jahre nach seiner ersten Ausstellung ans Licht gekommen. Gesicht, Körper, Wundmale treten namentlich erst in fotografischen Negativen deutlich hervor. Diese sind 1898 erstmals gemacht worden.

Radiokohlenstoffdatierungen von drei unabhängigen Instituten haben 1988 das Tuch als Textil aus dem 13./14. Jahrhundert registriert. Es kann somit nicht aus Christi Lebzeit stammen.

Aber auch die Forscher, die das Tuch als künstlerisches Erzeugnis begreifen, rätseln über dessen Entstehung. Dass der Körper mittels einer rudimentären fotografischen Technik auf das Leinen gebannt worden sei, leuchtet vielen ein, lässt aber im Detail doch Fragen offen.

Was nützt es?

Das Tuch ist gemäss jüngsten Forschungsresultaten zu einem Zeitpunkt entstanden und präsentiert worden, als sich der heilige Stuhl in der Krise befand: Die Kreuzzüge hatten sich damals als Misserfolg entpuppt, der Papst musste sich der französischen Politik unterordnen, die Laienbewegung erstarkte gegenüber dem Klerus. Laut Historikern kam da ein Zeugnis wie das Turiner Grabtuch goldrichtig: Es lieferte dem Papst ein handfestes Zeugnis der Heilsgeschichte und wertete so seine Stellung als Kirchenvorsteher und Turin als Pilgerort auf.

Auch heute dürfte die Ausstellung des Textils einen pragmatischen Zweck verfolgen: Turin, norditalienische Industriestadt, ist von der wirtschaftlichen Krise in den vergangen Jahren arg getroffen worden. Da mag der Pilger-Tourismus eine gewisse Erleichterung bringen. Dass Schätzungen zufolge Millionen Gläubige anreisen werden, hängt aber nicht nur mit dem Textil, sondern auch mit der Präsenz eines berühmten Betrachters zusammen: Auch Papst Franziskus wird in Turin das geheimnisumwobene Tuch bestaunen.