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Fehlbildungen und Todesopfer Vor 50 Jahren kam der Contergan-Skandal vor Gericht

Das vermeintlich harmlose Schlaf- und Beruhigungsmittel hatte für tausende Schwangere und deren Kinder drastische Folgen. Auch in der Schweiz.

Legende: Video Ein Wendepunkt in der Regulierung von Arzneimitteln abspielen. Laufzeit 2:15 Minuten.
Aus Tagesschau vom 27.05.2018.

Der Skandal: beispielloses Ausmass. Mit dem Namen Contergan ist eine der grössten Arzneimittel-Katastrophen verbunden. Weltweit wurden gegen 12'000 Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft das vermeintlich ungefährliche Schlafmittel genommen hatten, bereits als Embryos schwer geschädigt: Sie kamen ohne Schultergelenke und Arme oder mit Fehlbildungen an Armen, Beinen, Hüftgelenken oder an den Ohren auf die Welt.

Die Geschädigten: Folgen bis heute. Laut dem deutschen Bundesverband Contergangeschädigter leben heute noch rund 2400 Betroffene. Allerdings haben sie mit schweren Folgeschäden ihrer Behinderungen zu kämpfen. Verursacht durch fehlbildungsbedingte jahrzehntelange Fehlbelastung von Wirbelsäule, Gelenken und Muskulatur. Auch nähmen bei den Betroffen psychische Beeinträchtigungen zu, darunter depressive Störungen.

Geschädigte in der Schweiz: In der Schweiz war der in Contergan enthaltene Wirkstoff Thalidomid unter dem Namen Softenon verkauft worden. Dieses Mittel war aber im Gegensatz zu Contergan rezeptpflichtig. Neun «Contergan-Kinder» kamen laut offiziellen Angaben in der Schweiz zur Welt, darunter der heutige Thurgauer CVP-Nationalrat Christian Lohr.

Legende: Video Christian Lohr: «Bewusstsein für gesellschaftliche Gesamtverantwortung fehlte» abspielen. Laufzeit 1:04 Minuten.
Aus News-Clip vom 25.05.2018.

Das Medikament: «harmlos»! Das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan war am 1. Oktober 1957 rezeptfrei in den Handel gekommen. Selbst bei Überdosierung sollte Contergan keine Gefahr sein, hiess es. Weil es überdies im Gegensatz zu anderen Schlafmitteln auch nicht abhängig machte, wurde es fatalerweise schnell auch bei Schwangeren zum Verkaufsschlager. Nach vier Jahren nahm das deutsche Pharmaunternehmen Grünenthal Contergan Ende 1961 aus dem Handel.

Contergan-Verpackung
Legende: Contergan enthält den Wirkstoff Thalidomid. Dieser war in Deutschland – anders als in der Schweiz unter dem Namen Softenon – nicht rezeptpflichtig. Keystone

Der Prozess: «geringe Schuld der Verantwortlichen». Nach jahrelangen Ermittlungen und über sechs Jahre, nachdem das Medikament vom Markt genommen worden war, begann am 27. Mai 1968 der Prozess gegen mehrere Pharmamanager. In einem der bis dahin aufwändigsten Verfahren der deutschen Rechtsgeschichte traten zahlreiche Eltern betroffener Kinder als Nebenkläger auf. Nach 283 Verhandlungstagen wurde der Prozess jedoch eingestellt – wegen geringer Schuld der Angeklagten.

Der Vergleich: Rente und eine späte Entschuldigung. Noch vor Abschluss des Strafprozesses wurde im April 1970 ein Vergleich geschlossen. Contergan-Herstellerin Grünenthal zahlte gut 100 Millionen D-Mark an eine Stiftung. 2009 überwies das Unternehmen noch einmal 50 Millionen Euro als Sonderzahlung. Die Conterganstiftung für behinderte Menschen zahlt seither den Opfern eine monatliche Rente – je nach Grad der körperlichen Schädigung. Laut Kritikern jedoch viel zu wenig. Eine explizite Entschuldigung für das Contergang-Desaster gab es von Grünenthal erst im Jahr 2012.

Legende: Video Erst 2012 entschuldigt sich Grünenthal-Chef Harald Stock erstmals bei Contergan-Geschädigten abspielen. Laufzeit 0:11 Minuten.
Aus News-Clip vom 25.05.2018.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Margrit Holzhammer (Margrit Holzhammer)
    Für all die Betroffenen ist das ganz schlimm und ich staune und bewundere diese Leute, wie sie ihr Leben meistern, ABER machen wir heute nicht auch Dinge, welche in 50 Jahren nur Kopfschütteln auslösen werden???? Heute rast Jeder und Jede mit dem Handy am Ohr durch die Gegend..........welche Folgen kann das ev. nach sich ziehen???
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    1. Antwort von Kurt E. Müller (KEM)
      @Holzhammer: Kopfschütteln auslösen werden z.B. auch unsere todsicheren Atomkraftwerke, resp. die Milliardenkosten für Rückbau und Endlos-Lagerung der radioaktiven Abfälle. Falls uns die Schrottmeiler nicht vorher schon eines Tages um die Ohren fliegen.
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  • Kommentar von Willi Meier (wm)
    Man sollte dazu auch immer wieder erwähnen, dass sich diese Katastrophe hätte vermeiden lassen, wenn man die heutzutage vorgeschriebenen Tierversuche korrekt durchgeführt hätte.
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    1. Antwort von B. Moser (moser.b)
      Hätte, hätte, Fahrradkette. Leider gibt es immer Fehler beim Fortschritt (zugegeben die Opfer wurden mit wenig entschädigt, und der Hersteller brauchte zu lange um sich zu entschuldigen), dies ist das Risiko. Und der Wirkstoff ist heute in dem Gebrauch gegen Lepra, dies ist die andere Seite des Fortschritt.
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    2. Antwort von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
      Man hätte Tierveruche machen umd Studien machen können, man hätte und hätte können. Unseren Umgang mit Medikamenten, wie wir sie benutzen und verschreiben lassen hinterfragt niemand. Tierversuche haben ihre Wirkung verpufft: Neonicotine werden weiter benutzt obwohl jeder weiss dass Bienen aussterben, Antibiotika werden verfuttert wie Zucker obwohl jeder weiss in welches Desaster laufen. Unsere Gesellschaft ist derart Pharmahörig das den Grundsatz niemand mehr hinterfrägt. Än Guätä mitänand.
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    3. Antwort von Ludwig Zeier (Louis)
      @Willi Meier Klar wurden diverse Tierversuche gemacht. Aber bei diesen hat es halt keine Missbildungen gegeben. (Ausser bei einer seltenen Kanichenart welche für Tierversuche üblicherweise nicht verwendet wurden.) Das beweist auch dass Tierversuche überflüssig sind und Tiere völlig anders reagieren können als Menschen. Es ist eine Schande was wir den Tiere in Namen der Wissenschaft antun und dabei nur Medikamente entwickeln welche mehr abhängig und krank als gesund machen.
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