Fifa-Kongress in Zürich: Darum geht es

Beim ausserordentlichen Kongress des Weltfussballverbandes soll am Freitag ein neuer Präsident gewählt werden. Mindestens ebenso wichtig sind jedoch die Strukturreformen, über die im Hallenstadion entschieden wird. Ihr Scheitern wäre für den unumgänglichen Neuanfang ein Desaster.

Schatten eines Fussballers auf einer Bretterwand mit Fifa-Logo

Bildlegende: Der Lack ist definitiv ab. Noch mehr als den neuen Präsidenten braucht die Fifa die beantragte Strukturreform. Reuters

Wie läuft der Kongress ab?

Der vielleicht wichtigste Kongress in der Geschichte der Fifa beginnt am Morgen um 9.30 Uhr und wird von Issa Hayatou geleitet, der den Verband seit der Dispensierung von Sepp Blatter interimistisch führt. Auch Hayatou ist jedoch Teil des gescheiterten Systems Fifa. Die ARD berichtete jüngst, er habe eine Millionen-Zahlung erhalten, um bei der Vergabe für die WM 2022 für Katar zu stimmen. Als erstes bedeutendes Traktandum steht unter Punkt 9 die Abstimmung über das vorgeschlagene Reformpaket auf der Tagesordnung. Erst zum Schluss folgt die Wahl des neuen Präsidenten. Wie lange der Kongress am Freitag dauert, ist völlig ungewiss.

Wie läuft die Präsidentenwahl ab?

Vor der Wahl haben die Kandidaten das Recht, während 15 Minuten ihr Programm darzulegen. Das dürfte dauern: Allein die Wiederholung der oft zitierten Wahlkampf-Ansagen dauern 75 Minuten.

Die geheime Abgabe der Wahlzettel erfolgt in alphabetischer Reihenfolge. Das Prozedere dürfte pro Wahlgang bis zu eineinhalb Stunden dauern.

Vor jedem Wahlgang können die Kandidaten ihre Kandidatur zurückziehen. Spekuliert wird beispielsweise darüber, dass Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino vor einem allfälligen letzten Wahlgang zugunsten von Scheich Salman verzichten könnte, um später unter diesem das – durch das Reformpaket massiv gestärkte – Amt des Generalsekretärs zu übernehmen.

Wer wählt den neuen Präsidenten?

Jedes der 209 Mitgliedsländer hat eine Stimme. Die Stimmengewichte sind damit wie folgt auf die Kontinentalverbände verteilt:

  • Afrika: 54 Stimmen
  • Europa: 53 Stimmen
  • Asien: 46 Stimmen
  • Nord- und Mittelamerika: 35 Stimmen
  • Ozeanien: 11 Stimmen
  • Südamerika: 10 Stimmen

Um im ersten Wahlgang gewählt zu werden, benötigt ein Kandidat zwei Drittel der Stimmen der anwesenden Mitglieder. Diese wird jedoch keiner der Kandidaten bekommen. Ab dem zweiten Wahlgang genügt die absolute Mehrheit, der Kandidat mit den wenigsten Stimmen scheidet aus.

Wer sind die Kandidaten und Favoriten für das Präsidium?

Fünf Kandidaten bewerben sich um die Wahl zum Fifa-Präsidenten.

Als Topfavorit gilt allgemein Scheich Salman aus Bahrain und Mitglied des dortigen Königshauses. Trotz seinen angeblichen Verwicklungen in Menschenrechtsverletzungen gegen Sportler nach Oppositionsprotesten in seiner Heimat im Jahr 2011. Der Präsident des asiatischen Kontinentalverbandes hat auch den afrikanischen Verband hinter sich.

Allerdings haben zuletzt zahlreiche afrikanische Landesverbände angekündigt, dennoch für den Schweizer Gianni Infantino zu stimmen. Auch der europäische «Ersatzkandidat» für Michel Platini scheint damit nicht aussichtslos, zumal er die Uefa sowie die grossen südamerikanischen Landesverbände hinter sich weiss. Die übrigen Kandidaten gelten als chancenlos.

Was verspricht ein neuer Präsident?

Die grosse Revolution sei vom neuen Mann an der Spitze der Fifa nicht zu erwarten, meint Jean François Tanda, Fifa-Experte bei SRF. Beide Kandidaten mit intakten Wahlchancen seien Kandidaten des alten Systems.

«Uefa-Generalsekretär Infantino vertritt jene Konföderation, die sich in der Vergangenheit am heftigsten gegen Reformen gewehrt hat», sagt Tanda. «Und von Scheich Salman kam die Forderung, sich schon vor dem Kongress auf einen einzigen Kandidaten zu einigen. Das sagt alles über sein Demokratieverständnis.»

Entscheidender als der Name des neuen Präsidenten sei die Zustimmung zu den vorgeschlagenen Reformen, sagt Tanda. Und der Name des neuen Generalsekretärs. Denn dieses Amt wird durch die geplante Beschränkung des Präsidiums und des Exekutivkomitees auf Aufsicht und strategische Aufgaben deutlich an Bedeutung gewinnen.

Verspricht das Reformpaket echte Neuerungen?

«Ja», sagt Jean François Tanda mit Blick auf die zentralen Punkte des vorgeschlagenen Reformpakets. Insbesondere die Trennung von Aufsicht und operativem Geschäft beende ein System, das in der Wirtschaft längst verpönt ist. Der zweite zentrale Punkt des Reformpakets seien die klaren Vorgaben bezüglich der Transparenz von Finanzströmen.

Für den Beschluss des Reformpakets ist eine 3/4-Mehrheit nötig. Für diese haben Interimspräsident Issa Hayatou und der interimistische Generalsekretär Markus Kattner am Donnerstag bei diversen Meetings der Konföderationen nochmals intensiv geworben.

Hintergrund ist der enorme Druck durch die US-Justiz. Bei einer Ablehnung der Reformen droht der Fifa in den USA die Einstufung als «kriminelle Institution».

Was ist mit Sepp Blatter?

Die Sperre des Wallisers gilt für sämtliche Fifa-Veranstaltungen und damit auch für das Hallenstadion. Den Kongress für die Wahl seines Nachfolgers nicht selbst zu leiten und gar davon ausgeschlossen zu sein, kommt für den bald 80-Jährigen, der den grossen Auftritt als «Mr. Fifa» seit Jahrzehnten zelebrierte, einer Schmach gleich.

Live vom Fifa-Kongress

Live vom Fifa-Kongress

SRF News berichtet ab 9.30 Uhr über den Fifa-Kongress im Zürcher Hallenstadion – im Livestream und im Ticker.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • FOKUS: Die wichtigsten Fifa-Reformen

    Aus 10vor10 vom 25.2.2016

    Am Fifa-Kongress in Zürich soll nicht nur ein neuer Präsident bestimmt werden, sondern auch das von langer Hand ausgearbeitete Reformpaket behandelt werden. «10vor10» zeigt, was für Reformen das sind und welche Rolle die grossen Fifa-Geldgeber spielen.

  • FOKUS: Die Fifa vor der Wende

    Aus 10vor10 vom 25.2.2016

    Der Fifa-Kongress vom Freitag soll ein Wendepunkt markieren. Im Zürcher Hallenstadion wählt die Fifa ihren neuen Präsidenten. Bereits am Donnerstag haben sich die Kandidaten in den Zürcher Nobelhotels ihren Wählern präsentiert.

  • Vor dem FIFA-Kongress

    Aus Tagesschau vom 25.2.2016

    Am FIFA-Kongress morgen in Zürich stehen neben der Wahl des Nachfolgers von Sepp Blatter viele Reformen im Zentrum. Diese müssen von den 209 Landes-Verbänden angenommen werden. Live dazu die Einschätzungen von SRF-Sonderkorrespondentin Monika Schönenberger.