Flüchtlinge als Wirtschaftsmotor

Viele sehen Flüchtlinge als Belastung. Es gibt aber auch Ökonomen, die Migranten als eine Art Konjunkturprogramm einschätzen. Sie betrachten die Flüchtlinge als Chance. Ein deutscher Wirtschaftsforscher erklärt seinen Optimismus.

Ein riesiges Zelt und vielen Flüchtlingen und vierlen Kleiderkisten.

Bildlegende: Im deutschen Nickelsdorf werden die Flüchtlinge versorgt. Keystone

Knapp 10 Milliarden Euro sind im deutschen Bundeshaushalt für Flüchtlinge eingeplant. Das ist eine Menge Geld. Wirtschaftsforscher Michael Hüther betrachtet Flüchtlinge aber trotzdem als ökonomischen Glücksfall. Im SRF-Gespräch weist er auf die kurzfristige und mittelfristige Perspektiven hin.

Nur 0,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts

Kurzfristig: «Der Bundeshaushalt ist im Überschuss», so Hüther. Die 10 Milliarden Euro verpuffen ja nicht in der Luft, sondern bleiben im Wirtschaftskreislauf erhalten. Zum Beispiel in Form von Infrastrukturen und der Verpflegung der Flüchtlingen. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) relativiert denn auch die schiere Zahl von 10 Milliarden Euro: Diese Zahl stelle 0,2 bis 0,3 Prozent des Bruttoinlandproduktes dar.

DEr Geschäftsführer mit Brille und blonden Haaren.

Bildlegende: Michael Hüther, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Keystone

Die wirtschaftlichen Chancen seien aber vor allem mittelfristiger Natur. Die Flüchtlinge sollen in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden. Hüther deutet auf ein bekanntes Problem hin: Deutschlands Gesellschaft sei stark alternd.

30 Prozent sind jünger als 18 Jahre

«Im technischen und sozialen Sektor leidet Deutschland an einem Fachkräftemangel. Etwa die Hälfte der Flüchtlinge sind unter 34 Jahren. 30 Prozent der Menschen sind jünger als 18 Jahre», so der Wirtschaftsforscher. Vor allem die Jugendlichen, die noch keine Ausbildung haben, versteht er als Chance: «Diesen können wir einen Weg anbieten.» Mit Blick auf die Demografie in Deutschland, stellen sie ein riesiges Potential dar, ist Hüther überzeugt.


Flüchtlingszuwanderung als Glücksfall?

9:38 min, aus Echo der Zeit vom 14.10.2015

Die deutsche Regierung hat ein Gesetzespaket aufgegleist, das ab dem 1. November in Kraft tritt. Das Paket sieht unter anderem Sprachkurse für Flüchtlinge vor. Hüther gibt sich nicht blauäugig. Er weist darauf hin, dass es sich hier um keine gesteuerte Zuwanderung handelt, so der Forscher. Umso mehr gibt er sich davon überzeugt, dass der beste Zugang zum Arbeitsmarkt die Sprachkompetenz darstelle.

Integrationskurse als Gesellschaftskitt

Auch die kulturellen Besonderheiten von Deutschland seien ein Knackpunkt für die Integration. Damit diese glückt, seien die Integrationskurse und die duale Berufsausbildungen von zentraler Wichtigkeit. Hüther zeigt sich aber optimistisch, dass das gelingt.

«  Noch nie war die deutsche Gesellschaft so offen wie heute. »

Michael Hüther
Wirtschaftsforscher

Auf die Frage hin, dass nicht jeder Flüchtling ein Arzt oder leicht zu integrierender Akademiker sei, weist der Forscher wieder auf die Altersstruktur der Migranten hin. Es stimme, dass die Hälfte der Flüchtlinge nicht ausgebildet seien. Das sei aber auch ihrer Jugend zuzuschreiben.

Deutschland habe nun alle Möglichkeiten, diese Menschen auszubilden. Und er lobt die Deutschen: «Noch nie war die deutsche Gesellschaft so offen wie heute. Die Abwehrhaltung gegenüber den Flüchtlingen ist gering.»