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International Flüchtlinge: Warum die Deutschen Haltung zeigen

Vom Dunkel ins Licht: Deutschland heisst die Flüchtlinge willkommen. Dies, nachdem Flüchtlingsheime brannten, nachdem Demonstranten mit Parolen gegen die Islamisierung auf die Strasse gingen. Was ist passiert?

Legende: Video Deutsche zeigen Solidarität abspielen. Laufzeit 02:05 Minuten.
Aus 10vor10 vom 01.09.2015.

Plötzlich ist sie da, die Solidarität. Die Deutschen bringen Wasser, Früchte, Windeln an den Münchner Bahnhof. So viele Nahrungsmittel, dass die Polizei dazu aufrufen muss, nicht noch mehr zu spenden. Auf Plakaten werden die Flüchtlinge willkommen geheissen. «Refugees welcome» steht da. Oder «Welcome to Germany».

Diese Bilder stehen in krassem Widerspruch zu dem, was wir noch vor ein paar Tagen gesehen haben: Neonazis, die skandierend durch die Strassen marschieren. Und mit ihnen erschreckend viele Familien, Menschen aus dem Mittelstand. Noch vor Tagen brannten Asylunterkünfte. Was ist passiert?

Nur noch Gutes in den Medien

Fritz Dinkelmann ist ehemaliger SRF-Korrespondent in Berlin und beobachtet Deutschland schon seit über einem Jahrzehnt. Er sagt: «Mir ist aufgefallen, dass die deutschen Medien plötzlich umschwenkten. Plötzlich war da nicht mehr von den Neonazis die Rede, sondern von den Menschen, die helfen.» Den Ursprung dieses medialen Fokus‘ ortet Dinkelmann in einem Beschluss der deutschen Regierung, offenbar zustande gekommen vor gut drei Wochen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

«Die Regierung wollte das Thema Flüchtlinge wegschweigen und hat dann plötzlich begriffen, dass sie nicht länger schweigen kann, dass sie Gegensteuer geben muss. Sie wollte nicht, dass dieses negative Bild Deutschlands noch länger nach aussen getragen wird.» Ein Deutschland, das die Griechen im Schuldenstreit demütigt. Ein Deutschland, in dem die Neonazi-Szene mehr Zuspruch findet als in andern Ländern. Ein Deutschland, das die Länder an der Peripherie der EU alleine lässt mit dem Flüchtlingsansturm.

Deutsche Regierung: Flucht nach vorn

Also wählte die Regierung nach dem langen Schweigen die Flucht nach vorn. Die Flucht nach vorn fand einen ersten Höhepunkt darin, dass die Bundesrepublik offiziell bekannt gab, syrische Flüchtlinge vorläufig nicht mehr in jenes EU-Land zurückzuschicken, in dem sie zuerst registriert werden und gipfelte am Montag in der Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel: «Gegen Pöbler und Gewalttäter» werde «mit der ganzen Härte des Rechtsstaates» vorgegangen. «Wir wenden uns gegen die, die zu Demonstrationen mit ihren Hassgesängen aufrufen.»

Der Appell der Kanzlerin hat seine Wirkung nicht verfehlt. Die Medien nahmen euphorisch auf, was sie schon lange von den Politikern gefordert hatten: eine Haltung zur Flüchtlingskrise. Eine Haltung, die nun auch auf einen Teil der Bevölkerung übergeschwappt ist.

Gespaltenes Deutschland

Freilich repräsentieren die Helfer am Hauptbahnhof in München nicht ganz Deutschland. Regelmässig stellen Studien der Statista bei etwa einem Drittel der Deutschen fremdenfeindliche Tendenzen fest. Mit der neuen Haltung ist das Flüchtlingsproblem nicht gelöst, «denn ein gewichtiger Teil der Bevölkerung trägt die neue Politik nicht mit», so Dinkelmann.

Viele Kritiker, viel Erfolgsdruck. Das ist der Grund, weshalb die Bundeskanzlerin, jetzt ein Europa beschwört, das endlich zu einer gemeinsamen Flüchtlingspolitik zusammenfinden soll. «Damit kann nicht eine Politik gemeint sein: gemeinsam gegen die Flüchtlinge», sagt Dinkelmann. Die Lösung ist um einiges komplizierter, langwieriger, kostspieliger. «Eine Lösung muss auf Augenhöhe mit den Flüchtlingen, mit den Herkunftsländern geschehen.»

Portrait des ehemaligen SRF-Deutschland-Korrespondenten Fritz Dinkelmann.
Legende: . srf

Fritz Dinkelmann arbeitete von 1992 bis 1997 als Inland-Redaktor, danach bis 2003 als Deutschland-Korrespondent und bis 2006 als Bundesgerichts-Korrespondent bei SRF. Heute lebt er als freier Deutschland-Korrespondent in Berlin und Solothurn.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Sascha Freitag (SF)
    Unter Medien wird hier aber auch nur verstanden, was am Zipfel des Staates hängt, und nach dessen Programm tanzt. Es gibt auch andere Medien, die unabhängig lieber über die Wahrheit berichten, auch wenn diese nicht rosig und schön ist. Wer suchet, der findet.
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  • Kommentar von Jürg Sand (Jürg Sand)
    Angesichts dieser Millionen-Invasion anonymer Massen aus aller Welt von Fremdenhass zu reden, wenn sich besorgte und entsetzte Bürger dagegenstellen, ist schon ein starkes Stück Unverschämtheit. Eine Begriffsverdrehung, die einem den Magen umdrehen könnte.
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    1. Antwort von P. Studer (P. Studer)
      Allein die Tatsache, dass Sie sich gegen Menschen stellen, ist erbärmlich. Dass Sie vor allem Menschen auf der Flucht vor Krieg, Elend und Hunger pauschal als Schmarotzer unserer Sozialwerke beschuldigen, ist schlicht jämmerlich. Und dass Sie sich selber als "Opfer der Rassismuskeule" selbstbemitleiden, ist geradezu lächerlich. Besorgter Bürger? Von wegen!
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  • Kommentar von D. Schmidel (D. Schmidel)
    Was fehlt ist die Nachhaltigkeit. Mittelfristig bleibt die Situation nicht stabil, da Migration unkontrolliert und chaotisch abläuft. Ein diktatorischer Frieden ist nie stabil.
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