Folter statt Schutz: Schwere Vorwürfe an Nigerias Militär

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft dem nigerianischen Militär Kriegsverbrechen im Kampf gegen die Extremistengruppe Boko Haram vor. Gefangene seien gefoltert und getötet worden. Ranghohe Offiziere hätten davon gewusst.

Ein Soldat und Zivilisten vor ausgebombten Autos.

Bildlegende: Nicht nur Boko Haram geht grausam gegen die nigerianische Bevölkerung vor – auch das Militär. Keystone

Nicht nur hat die nigerianische Armee in den vergangenen Jahren im Kampf gegen die Terror-Organisation Boko Haram versagt, sie hat auch Kriegsverbrechen gegen die eigene Bevölkerung verübt. Zu diesem Schluss kommt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) in einem Bericht. Sie übt scharfe Kritik am Vorgehen der Armee in Nigeria und fordert rechtliche Schritte gegen hochrangige Mitglieder des Militärs.

«Die Regierung hat auf Terroranschläge von Boko Haram allein mit Repression reagiert», sagt auch SRF-Afrikakorrespondent Patrik Wülser. «Die Zentralregierung schickte nicht Vermittler in den Nordosten des Landes, wo Boko Haram wütet, sondern Soldaten. Diese waren für den Einsatz weder trainiert noch ausgerüstet. Von korrupten Generälen geführt, schützten sie die Bevölkerung nicht, sondern misshandelten sie.»

Alle Männer unter Generalverdacht

Im Verlauf der Vergeltungsaktionen der Armee seien ganze Dörfer niedergebrannt und anstelle einer gezielten Fahndung nach Attentätern alle männlichen Bewohner unter Terrorverdacht festgenommen worden. So sollten Islamisten unter den Gefangenen herausgefischt und zum Reden gebracht werden.

Seit 2011 seien so mindestens 7000 Männer und Jungen im Militärgewahrsam verhungert, verdurstet, erstickt oder zu Tode gefoltert worden, heisst es in dem Bericht von AI.

Ranghohe Offiziere müssten von den Verbrechen zumindest gewusst haben. Konkret fordert die Organisation Ermittlungen gegen neun namentlich genannte Soldaten.

Der Bericht basiert laut der Menschenrechtsorganisation auf jahrelangen Recherchen sowie der Analyse zugespielter Militärberichte. Zudem führte die Gruppe nach eigenen Angaben mehr als 400 Interviews mit Betroffenen, Augenzeugen und ranghohen Vertretern der nigerianischen Sicherheitskräfte.

Versuch, das Ansehen der Armee zu beschmutzen

Das nigerianische Militär wies den Bericht als «extrem einseitig» zurück. Die von Amnesty genannten Offiziere hätten «keinerlei Veranlassung», sich den gegen sie erhobenen Vorwürfen zu stellen, erklärte ein Armeesprecher. Es handle sich um einen Versuch, das Ansehen der Betroffenen und der gesamten Armee zu beschmutzen.