Frankreichs Jugend kämpft für ein Wunder

Wenn in Frankreich die Jugend den Aufstand probt, zittern die Mächtigen. Zurzeit droht gerade Hollandes Arbeitsmarkt-Reform der Schiffbruch. Warum Frankreichs Junge eine für sie gezimmerte Reform bekämpfen, hat viel mit politischer Kultur zu tun. Und mit einer überraschend wachen Jugend.

Ein vermummter Jugendlicher in Paris wirft am 1. Mai einen Gegenstand. Um ihn herum ist Rauch zu sehen.

Bildlegende: Allerdings legen nicht alle Jugendlichen Frankreichs das Demonstrationsrecht so rigide aus. Reuters

Im März 2016 ächzte die EU unter einer Jugendarbeitslosigkeit von 19,1 Prozent. In besonders prekären Staaten wie Griechenland oder Spanien ist so gut wie jeder zweite jugendliche Arbeitnehmer ohne Beschäftigung. Aber nirgends sind die Proteste dieser Jugend gewaltiger und konzertierter als in Frankreich. Das Land hat eine Jugendarbeitslosigkeits-Rate von 24 Prozent.

Versprechen gebrochen – Vertrauen weg

Derzeit halten auf Frankreichs Strassen tausende Jugendliche das politische System des Landes im Würgegriff. Stein des Anstosses ist die geplante Arbeitsmarktreform der Regierung von François Hollande. Unter dem Druck der Strasse hat Hollande das Vorhaben bereits kräftig zurückstutzen müssen.

Für SRF-Frankreich-Korrespondent Michael Gerber hat dieses Phänomen seine Wurzeln in der politischen Kultur des Landes. Und in einem Arbeitsgesetz, das über die Jahre sehr komplex geworden ist und Investoren abschreckt. Nur, warum bekämpfen diese Jugendlichen eine Reform, die das Gesetz vereinfachen und neue Investoren anziehen soll?

«Viele Jugendliche befürchten, dass ihnen die Reform mehr schaden als nützen wird. Dass die einfacheren Kündigungsregeln zu einer Entlassungswelle führen werden – was ihre Chancen weiter schmälern könnte, eine Stelle zu finden», sagt Gerber. Das Vertrauen der Jugend in ihren Präsidenten sei erschüttert. Viele Jugendliche fühlten sich von Hollande verraten.

«Frankreich ist eine Präsidial-Demokratie, in der das Volk den Präsidenten direkt wählt», erklärt Gerber. Das führe dazu, dass in Wahlkämpfen möglichst viele Wähler mit möglichst vielen Versprechungen geködert werden. «Naturgemäss können aber viele dieser Versprechungen nicht eingehalten werden.»

Die Protest-Kultur der Mündigkeit

«Frankreich pflegt seit jeher eine politische Philosophie, die einen starken, lenkenden Staat vorsieht», analysiert Gerber die Grundlagen des politischen Selbstverständnisses in Frankreich. Dass es die Regierung nun den Sozialpartnern überlassen will, unter anderem die Arbeitszeiten zu regeln, das enttäusche viele.

Dass die Jugend dieser Enttäuschung so kraftvoll Ausdruck verleiht, kann gemäss Gerber mit ihrer politischen Kompetenz erklärt werden. «Frankreich liebt es, zu debattieren», sagt Gerber, «und ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie bereits 17-Jährige ihre Meinungen und Ansichten differenziert und überzeugend darlegen können.» – Wenn sich diese Kompetenz in einer Bewegung wie «Nuit debout» kumuliert, kann das in Frankreich für eine Regierung rasch zur Hypothek werden.

Der Beispiele sind viele: 1986 torpedierte Frankreichs Jugend erfolgreich eine Hochschulreform. Im Generalstreik 1995 liefen sie zu Hochform auf. Und auch in den Unruhen 2005 gerät Frankreichs Regierung unter massiven Druck, nachdem Tausende frustrierter Jugendlicher das ganze Land in einen Quasi-Kriegsschauplatz verwandeln. Nicht verwunderlich, dass die Regierung Hollande heute professionell monitoren lässt, wie sich diese Bewegung entwickelt.

Warten auf ein Wunder

Wie damals ist die Wut der Jugend heute gross. «Fast 90 Prozent aller Arbeitsverträge für Jugendliche sind befristet», schildert Gerber die Notlage der Arbeitsmarkt-Novizen. «Manchmal dauern sie nur drei Wochen.»

Zwar habe Hollande mit verschiedenen Anreiz-Programmen versucht, dass die Unternehmen vermehrt Jugendliche einstellen. «Doch die meisten dieser Versuche liefen ins Leere», sagt Gerber. Für Hollande und seine sozialistische Regierung eine bittere Pille.

«Die Jugend glaubt ihm nicht mehr, das Vertrauen in den Staat ist erodiert», so Gerber weiter. Und selbst, wenn die Reform für die Jugendlichen sinnvoll sein könnte, sie riecht nach Liberalisierung und damit nach einem Versuch, traditionelle politische Werte Frankreichs zu untergraben.

Was den Jugendlichen bleibe, sei auf das Wunder einer Konjunktur-Erholung zu warten. «Aber das ist natürlich illusorisch.»

Aussitzen und schönreden

Für Gerber sind Frankreichs Wirtschaftsprobleme sehr schwer zu lösen. «Frankreichs Wirtschaftsleistung hängt zu fast 60 Prozent direkt oder indirekt vom Staat ab», erklärt er. «Für Impulsprogramme fehlt der Regierung das Geld. Und drastische Sparprogramme wiederum würden das Wirtschaftswachstum bremsen.»

Und weil nicht nur Frankreichs Arbeitsgesetz dem Wirtschaftsmotor zusetzt, sondern auch eines der komplexesten Unternehmenssteuer-Systeme, fehlen auch Investoren, die für die so dringend benötigte Entspannung sorgen könnten.

Wird Frankreichs Jugend also Hollands Wiederwahl-Absichten in einem Jahr ins Reich der Träume verbannen? Gerber ist sich nicht sicher: «Hollande will die Reform durchziehen – in der Annahme, dass der Protest versiegen wird.» Hollande werde nicht müde werden, auf das anziehende Wirtschaftswachstum hinzuweisen und hoffen, dass sie ihm bald glauben werden, dass es Frankreich besser geht.

Michael Gerber

Michael Gerber

Michael Gerber war von 2011 bis 2017 Frankreich-Korrespondent des SRF. Davor war der 46-Jährige vier Jahre Korrespondent in der Westschweiz und ebenfalls vier Jahre Redaktor und Reporter von «10vor10».

Die Reform auf einen Blick

Charlie Chaplin in Zahnrädern feststeckend. Aus dem Film «Modern Times».

keystone

  • Lockerung der 35-Stunden-Woche auf Unternehmens-Ebene (keine Branchenvereinbarung mehr nötig)
  • Aufweichung der Regelung für betriebsbedingte Kündigungen
  • Entschärfung der Entschädigungspraxis bei 'unrechtmässigen' Kündigungen
  • Einführung einer flächendeckenden, finanziellen Unterstützung arbeitsloser Jugendlicher jenseits der Erstausbildung

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • SRF-Frankreichkorrespondent Charles Liebherr.

    Im Tagesgespräch: SRF-FRankreichkorrespondent Charles Liebherr

    Aus Rendez-vous vom 18.5.2016

    Mehr als dreieinhalb Millionen Menschen sind in Frankreich arbeitslos, ein trauriger Rekord. Der Staatspräsident will Arbeitsmarktreformen, dagegen laufen aber fast alle Sturm. SRF-Frankreich-Korrespondent Charles Liebherr ist Gast von Susanne Brunner.