Frau Radhamma kämpft für ihre Rechte

Indiens Verfassung verbietet jegliche Diskriminierung aufgrund der Kaste. Vor allem auf dem Land sind aber die kastenlosen Dalits – die Unberührbaren – weiterhin Demütigungen ausgesetzt. Zu ihnen gehört Schulköchin Radhamma. Doch sie wusste sich zu helfen, als Zöglinge ihr Essen verweigerten.

Das indische Kastensystem ist Tausende von Jahren alt und höchst diskriminierend. Die indische Verfassung verbietet seit 1949 zwar jede Diskriminierung aufgrund von Kaste. Die Realität ist aber oft weniger gerecht.

Vor allem auf dem Land werden die traditionellen Strukturen nämlich weiterhin aufrechterhalten. Dort leben Angehörige höherer Kasten noch immer getrennt von niedereren Kasten. Und die Dalits, die Unberührbaren, stehen gar ausserhalb des Kastenssystems, ohne Rechte.

Die Dalit-Frau Radhamma hat die diskriminierende Tradition am eigenen Leib erlebt, als sie vor zwei Jahren in einer Regierungsschule in einem Dorf ausserhalb der südindischen Stadt Bangalore eine Stelle als Köchin bekam.

Mit einem Ochsenrennen fing es an

Die Geschichte trug sich vor zwei Jahren zu. Seither ist die Harmonie im Dorf Kagganahalli nicht zurückgekehrt. Begonnen habe alles beim Fest der Kühe vor zwei Jahren, sagt Schuldirektor Krishna, der erst seit wenigen Monaten im Amt ist: «Bei diesem Fest lassen wir die Ochsen durchs Dorf rennen. Vor zwei Jahren liessen die Kastenlosen ihre Ochsen zuerst rennen. Das verärgerte die Angehörigen der oberen Kasten. Sie forderten, dass die Schuldigen der unteren Kasten und Dalits aus dem Dorf verbannt werden.

Anschuldigungen und Handgreiflichkeiten folgten. Und da die unterschiedlichen Kasten auch politischen Parteien nahestehen, wurde der Konflikt bald auch von Lokalpolitikern ausgeschlachtet. Der lokale Magistrat musste einschreiten und für Ruhe sorgen. Doch die Streithähne warteten nur auf die nächste Gelegenheit, um den Streit erneut aufflammen zu lassen. Diese kam, als Radhamma, eine Dalit-Frau, einen Monat nach dem Ochsenrennen eine Anstellung als Schulköchin bekam.

Dorfchef drohte den Schülern

Die füllige, in einen pinken Sari gekleidet Radhamma wohnt wie die anderen Dalit am Rande des Dorfs in einem kleinen Haus aus Kuhdung und Lehm. Sie erinnert sich nur zu gut, an jenen Tag im Februar vor zwei Jahren, als sie in der Schule das erste Mittagessen kochte: «126 Schüler waren damals in der Schule, aber kaum jemand rührte mein Essen oder die Milch an, die ich auftischte.» Shankar Reddy, der Dorfchef, hatte sie angewiesen, kein Essen von den Händen einer Dalit anzunehmen. Er hatte gedroht, alle Schüler abzuziehen und die Schule zu schliessen, falls Radhamma bleibt.

«Niemand hat heuet gegessen»

Von 126 Schülern blieben nur deren 18. Alle anderen wurden von den Eltern auf Druck des Dorfchefs in andere Schulen geschickt. Auch fürchteten die Eltern, dass ihre Kinder zwischen die Fronten geraten und nichts mehr lernen könnten, weil auch die Lehrer der Schule fernblieben. Radhamma aber blieb und notierte jeden Tag auf ihrer Essensliste: «Niemand hat heute gegessen».

Obschon Radhamma nur wenig gebildet ist, wusste sie, dass Diskriminierung aufgrund von Kaste per Verfassung strafbar ist. So beschloss sie, ihre Rechte einzufordern: «Ich habe mit Hilfe meines Onkels gegen den Schulleiter und die anderen Hetzer eine Klage eingereicht.»

Ranghohe Unterstützung

Die Geschichte gelangte auf diesem Weg in die Medien und kam auch Thrilok Chandra, dem höchsten Distriktbeamten, zu Ohren. Der junge, energische Mann schüttelt noch heute den Kopf, wenn er sich daran erinnert, wie er die Rädelsführer von Kagganahalli zur Vernunft zwang: «Wir machten ihnen klar, dass die Dalit-Köchin nicht ersetzt wird. Es war ein mühsamer Dialog und ich fuhr mehrere Male zur Schule. Am Ende drohte ich mit rechtlichen Konsequenzen, wenn sie nicht sofort einlenken und alle Kinder an die Schule zurückholen.»

Leider sei das Kastensystem noch immer tief in der indischen Denkstruktur verankert, erklärt Thrilok Chandra: «Wir bekämpfen dies, indem wir das Gesetz anwenden. Es braucht aber auch ein Umdenken in der Gesellschaft, eine soziale Bewegung.» Um ein Exempel zu statuieren, besucht er deshalb regelmässig die Häuser von Dalits und isst mit ihnen.

Noch kein Friede in Kagganahalli

In Kagganahalli ist seither noch kein Gras über die Sache gewachsen. Der Sohn des Dorfchefs Shankar Reddy, der die Hetze initiiert hatte, sieht sich als Opfer in einem bösen Spiel: «Ich bin erst 33-jährig und muss mich bereits in drei Gerichtsfällen verteidigen. Das ganze Problem wurde aufgebauscht. Ich habe nichts gegen Dalits, aber mit ihnen werde ich sicher nicht mehr essen. Schliesslich haben sie gegen mich geklagt.»

In der grüngestrichenen Schulküche feiert Radhamma derweil ihren kleinen Sieg beim Abwasch. «Jetzt bin ich glücklich, auch wenn die Familie des Dorfchefs nicht mehr mit mir spricht. Der Beamte hat mich unterstützt. Ich werde bleiben.» Noch sind zwar nicht alle Kinder an die Schule zurückgekehrt. Doch jene, die wieder kommen, essen jetzt alle Radhammas Linsen und den Reis.