Freudentränen nach 60 Jahren Wiedersehen

Grosse Aufregung und starke Emotionen bei den Familien-Zusammentreffen von Südkoreanern im Norden des kriegsgeteilten Landes. Erstmals seit vier Jahren lagen sich Angehörige beider Länder wieder in den Armen.

Der alte Mann im grauen Anzug tänzelt zwischen seinen Nichten in weissen Kimonos gekleidet.

Bildlegende: Der Südkoreaner Yoo Youn-shick, 92, tanzt vor Freude nach dem Wiedersehen seiner zwei Nichten aus Nordkorea. Keystone

Dutzende alte Menschen fallen sich in die Arme, weinen, lachen, halten sich fest an den Händen – ein Wiedersehen nach sechzig Jahren! 82 Südkoreaner trafen am Donnerstag 180 Angehörige aus Nordkorea. Die meisten hatten sich zuletzt während des Korea-Kriegs (1950-53) gesehen. Nach Angaben des Wiedervereinigungsministeriums in Seoul waren die meisten Teilnehmer über 80 Jahre alt.

Nach einer ersten Zusammenkunft und einem gemeinsamen Abendessen folgen am Freitag private Treffen. In einer zweiten Runde soll dann am Sonntag eine Gruppe von knapp 360 Südkoreanern nach Nordkorea gebracht werden.

Grosse Emotionen für die alten Menschen

Das Wiedersehen-Treffen im nordkoreanischen Feriengebiet Kumgang war für viele der alten Menschen zu aufregend: Zwei Südkoreanerinnen brachen zusammen und mussten die Reise in der Ambulanz zurücklegen. Andere wurden auf Tragbahren zu dem Treffen gebracht, viele liessen sich von jüngeren Angehörigen begleiten

Benimmregeln für Angereiste

Die Südkoreaner verbrachten die Nacht zuvor in einem Hotel der östlichen Hafenstadt Sokcho, wo sie von Regierungsvertretern kurze Lektionen über das richtige Verhalten erhielten – vor allem wurden sie angewiesen, politische Themen zu meiden.

Länger als über ihr Benehmen hatten sie jedoch vor der Abreise über die richtigen Mitbringsel nachgedacht. Die meisten entschieden sich für Medikamente, Lebensmittel, Dollars sowie für Fotos von früher und heute.

Die nordkoreanischen Teilnehmer waren leicht zu erkennen: Die Frauen trugen klassische Kimono-ähnliche Trachten, die Männer dunkle Anzüge, und alle Anstecknadeln mit den früheren Staatsführern Kim Il Sung und Kim Jong Il.


Nordkorea: Land fast ohne Hoffnung

9:16 min, aus Echo der Zeit vom 17.02.2014

Tod oft schneller als die Bürokratie

Vor seiner Abfahrt nach Nordkorea sorgte sich der 81-jährige Kim Dong Bin, ob er seine ältere Schwester überhaupt erkennen werde. «Ich glaube, wenn ich ihr Gesicht sehe, werde ich glauben, dass ich träume», sagte er.

Choi Byung-Kwan, dessen Vater während des Kriegs nach Nordkorea verschleppt worden war und dort wieder geheiratet hatte, verlor Stunden später beim Anblick seiner Stiefgeschwister die Fassung. Nur schwer konnte er sich aus ihrer Umarmung lösen. «Wenigstens war er nicht völlig allein», sagte der 67-Jährige anschliessend über seinen Vater.

So gross die Freude über die Wiederaufnahme der Familienzusammenführungen ist – die Zeit für weitere Treffen drängt: Derzeit stehen allein in Südkorea mehr als 70'000 Bewerber auf der Warteliste, aber allein im vergangenen Jahr starben 3800 der Wartenden, ohne ihre Angehörigen wiedergesehen zu haben.

Grenzkonflikt sorgte für Unterbruch der Besuche

Das Programm zu den Familienzusammentreffen hatte im Jahr 2000 begonnen. Bislang haben einige tausend Menschen für eine kurze Zeit ihre Angehörigen sehen können. 2010 wurden die Treffen nach einem nordkoreanischen Artillerieangriff auf eine im Grenzgebiet gelegene südkoreanische Insel unterbrochen und erst jetzt nach schwierigen Verhandlungen wieder aufgenommen.

Nord- und Südkorea

Karte der geteilten koreanischen Halbinsel

Der Korea-Krieg endete 1953 mit einem Waffenstillstand, aber zwischen den beiden Ländern gibt es immer noch keinen Friedensvertrag. Bis heute sind direkte Briefwechsel oder Telefongespräche nicht möglich.