«Frieden hat nicht dieselbe Lobby wie der Krieg»

Was kostet ein Krieg? Was ein toter Soldat? Die Fragen klingen hartherzig. Doch sie sind zentral – auch für den Frieden. Tilman Brück setzt sich intensiv mit solchen Themen auseinander. Er ist seit neustem Direktor an einem der renommiertesten Friedens-Forschungsinstitute der Welt.

US-Soldaten in Afghanistan..

Bildlegende: So zynisch es klingen mag: Die Debatte um Kosten des Krieges müsse sein, sagt der Experte. Keystone

Für Pazifisten ist jeder Krieg falsch. Doch man braucht kein Pazifist zu sein, um festzustellen, dass manche Kriege unnötig sind. Bloss: Wenn entschieden wird, ob ein Krieg geführt werden soll, hat die Vernunft, haben rationale Argumente oft einen schweren Stand.

Tilman Brück, der neue Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri, will zu einer Versachlichung der Debatte über Krieg und Frieden beitragen. Deswegen sollten Politiker nicht nur moralisch, ethisch oder ideologisch argumentieren. Sondern auch mit nüchternen Zahlen.

Das bedingt, dass die Verantwortlichen die Kosten des Krieges kennen. Diese gehen weit über die Ausgaben für Soldaten und Waffen hinaus. Brück: «Es entstehen Kosten bei der Entwicklungsarbeit, in der Diplomatie, im Gesundheitswesen. Und es gibt Kosten für die gesamte Wirtschaft. Soldaten, die kämpfen, können nicht in der Privatwirtschaft tätig sein.»


Wie viel kostet ein toter Soldat?

6:24 min, aus Echo der Zeit vom 05.02.2013

Ein Opfer = sieben Millionen Dollar

Mehr noch: Es ist sogar nötig, das Leben eines Menschen mit einem Preisetikett zu versehen. Beispielsweise beim Engagement der USA in Afghanistan, sagt Brück: «Wenn man in der amerikanischen Öffentlichkeit über die Kosten des Krieges sprechen will, ist es wichtig, diese Zahlen so objektiv wie möglich auf den Tisch zu legen.» 

Konkret: Ein amerikanisches Opfer am Hindukusch wird zurzeit mit einem Preis von etwa sieben Millionen Dollar bewertet. Addiert man wirklich alle Kosten, ergibt das eine gigantische Summe. Sicherlich hunderte von Milliarden, möglicherweise gar Billionen.»

Erst wenn diese Zahlen bekannt seien, kann eine Gesellschaft vernünftig entscheiden. Etwa, indem man sich frage, ob man das Geld sinnvoller ausgeben könnte. «Wir müssen uns überlegen: Wäre das Geld besser in Schulen, Sozialsystemen oder Strassen investiert? Das sind politische Entscheidungen, für die es sich lohnt, alles durchzurechnen.»

Dass aber oft für den Krieg entschieden wird, hängt auch damit zusammen, dass es Profiteure des Krieges gibt. Oft solche, an die man gar nicht denkt – etwa der Gesundheitssektor, der Feldlazarette ausrüstet. Oder der Soldat, der dank des Kriegs Karriere machen kann.

Dazu kommt, dass einige sehr gut am Krieg verdienen: «Der Frieden hat nicht dieselbe Lobby wie der Krieg.»

«Es gibt viele günstige Kriege»

Schliesslich gebe es noch eine weitere Schlüsselfrage, sagt Kriegsökonom Brück: Ist es teurer, Krieg zu führen – oder fallen erst beim Wiederaufbau nach dem Krieg die Hauptkosten an?

Wo sehr teure westliche Armeen aktiv sind verschlingt bereits die Kriegführung Unsummen – wie zurzeit noch in Afghanistan. Doch viele sogenannte vergessene Kriege, etwa in Afrika, kosten weitaus weniger, sagt Brück: «Es gibt viele Kriege, die sehr günstig geführt werden. Ich denke etwa an Zentralafrika. Trotzdem ist die Zerstörung enorm. Und es ist sehr schwierig, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft danach wieder aufzubauen.»