Zum Inhalt springen

International Frischer Wind in Taiwan – aber wohl kaum ein Sturm

In Taiwan tritt heute Tsai Ing-wen ihr Amt als Staatspräsidentin an. Ein Akt, der auf dem chinesischen Festland undenkbar ist: Die Macht wird nach einer demokratischen Wahl an die bisherige Oppositionsführerin übergeben. Wer ist Tsai Ing-wen?

Tsai Ing-wen
Legende: Tsai Ing-wen bei der Rede zu ihrem Amtsantritt in der Hauptstadt Taipeh. Reuters

In die erste Präsidentin Taiwans setzt die Bevölkerung grosse Hoffnungen: Einen wirtschaftlichen Aufschwung oder mehr Distanz zur Volksrepublik China sind da die Stichworte. Doch so einfach werden sich die Wünsche vieler Taiwanesen nicht verwirklichen lassen.

Die fast 60-jährige Tsai Ing-wen tritt ein schwieriges Erbe an. Sie ist die Chefin der wichtigsten Oppositionspartei und tritt nach einer Niederlage vor vier Jahren nun an die Spitze der Macht.

«Zog den Karren aus dem Dreck»

Den Wahlsieg konnte Tsai unter anderem für sich verbuchen, denn die zweite und letzte Amtszeit ihres Vorgängers Ma Ying-jeou war eine einzige Katastrophe. Die Wirtschaft stagnierte und Ma konnte seine Versprechen nicht einlösen. Zudem schüttelten verschiedene Skandale die damalige Regierung durch. «Davon hat Tsai Ing-wen profitieren können», erklärt SRF-China-Korrespondent Martin Aldrovandi.

Dass sie durchgreifen kann, bewies sie bereits noch als Parteichefin der Demokratischen Fortschrittspartei DPP. «Sie war es, welche die von Korruption gebeutelte DPP aus dem Dreck gezogen hat», so Aldrovandi weiter.

Doch nun ist Konsens gefragt – und das weiss auch Tsai Ing-wen. Auch wenn die DPP der Inbegriff für die neue China-kritische taiwanesische Identität ist, muss die Taiwan-stämmige Juristin einen Mittelweg finden, wie der SRF-Taiwan-Kenner weiter meint.

Die Verflechtungen mit China sind mannigfaltig

Wirtschaftlich ist Taiwan sehr stark von China abhängig. Zwar ist Taiwan ein potenter Hightech-Standort, doch zahlreiche taiwanesische Unternehmen sind in China tätig. Auch der Tourismus floriert zwischen den beiden Ländern und macht sie voneinander abhängig. «Viele Taiwanesen leben in China. Zudem sind viele taiwanesische Stars auf dem chinesischen Festland tätig», sagt Aldrovandi.

Chinesische und taiwanesische Flagge in einer Strasse.
Legende: Die Beziehungen zu China sind mannigfaltig. Reuters / Archiv

Allein schon wegen des Tourismus sollen die Beziehungen zu China nicht beschädigt werden. Das Reisen zwischen Taiwan und China ist speziell geregelt, wie Aldrovandi weiss.

Für Reisen ins Ausland – ausserhalb Chinas – haben Taiwanesen einen Pass auf dem die offizielle Bezeichnung des Staates «Republik China» steht. Wenn aber ein taiwanesischer Mitbürger nach China reisen will, dann muss er sich einen Reiseschein ausstellen lassen, der ihm die Einreise nach China erlaubt. Aldrovandi: «Das ist ja das Paradoxe: Einerseits hat China keine Kontrolle über Taiwan. Andererseits sieht Peking Taiwan als Teil von China.»

Ein China mit verschiedenen Traditionen

Eine weitere Zwickmühle für Tsai Ing-wen ist das politische Verhältnis zu China. Die Machthaber in Peking pochen auf ihr «Ein-China-Prinzip»: Taiwan soll sich nicht von China entfernen und die China-freundliche Politik beibehalten. Die neue Präsidentin äussert sich sehr selten dazu, will aber den ungeschriebenen Konsens «Ein China mit unterschiedlichen Interpretationen» nicht, wie der SRF-China-Korrespondent erklärt.

Der Konflikt zwischen Taipeh und Peking ist somit vorprogrammiert. Tsai versucht, mit der Durchhalteparole «Status quo für Frieden und Stabilität in der Taiwan-Strasse» die Wogen zu glätten.

Und trotzdem: Tsai ist zwischen Hammer und Amboss. «Auf der einen Seite darf sie China nicht vor den Kopf stossen und auf der anderen muss sie ihren Wähler gerecht werden», betont Aldrovandi.

Schützenhilfe erhält sie vielleicht von Taiwans Jugend. Diese identifiziert sich immer mehr als Taiwanesen und nicht als Chinesen. Zudem sind die Jungen der vielen Skandale und pro-chinesischen Politik überdrüssig. Und so könnte es in Taiwan unter Tsai eher zu Spannungen kommen – aber auch sie wird nicht die Unabhängigkeit ausrufen.

Martin Aldrovandi

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen
Martin Aldrovandi

Martin Aldrovandi ist seit 2016 Korrespondent für Radio SRF in Nordostasien mit Sitz in Schanghai. Zuvor hatte er mehrere Jahre lang als freier Journalist aus dem chinesischsprachigen Raum berichtet.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Felix Zimmermann (f-zim)
    Dieser Artikel ist voller Schreibfehler: Es fehlt ein Komma hinter “Tsai versucht, …”; und bei “die … gebeutelte DDP, aus dem Dreck” ist ein Komma zuviel. Der Genitiv “wegen des Tourismus' (sollen…)” wird ohne Apostroph geschrieben. Im Dativ Plural (“ihren Wählern gerecht werden”) braucht es im Schriftdeutsch immer ein -n. Zudem wechseln Sie zwischen Taiwanesen/taiwanesisch und Taiwaner/taiwanisch, statt eine Form konsequent durchzuziehen. Auch stilistisch (“bereits noch”) gibt es viele Mängel.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von SRF News
      Korrekt, Herr Zimmermann. Wir haben die Fehler ausgemerzt. Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. ^cs
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Das Verhältnis Taiwans zu China ist ähnlich demjenigen der Schweiz zur EU. Man will sich den grossen nachbarn nicht zum Feinde machen - und trotzdem möchte man selbständig arbeiten, wirtschaften und das eigene Land gestalten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christian Szabo (C. Szabo)
      Die Verbindungen zwischen Taiwan und China sind schon etwas komplexer. In einigen Punkten haben Sie Recht. Die CH hat sich ihr Staatgebiet von ehemaligen Reichen erstritten und konnte sich durch glückliche Umstände aus den grössten Konflikten raushalten und gleichzeitig von ihnen profitieren.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen