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International «Früher hätte ich Sie getötet oder für sehr viel Geld verkauft»

In Somalia verbreiten die islamistischen al-Shabaab-Milizen seit Jahren Angst und Schrecken. Seit einiger Zeit versuchen UNO, EU und afrikanische Staaten übergelaufene Miliz-Mitglieder wieder in die Zivilgesellschaft zu integrieren. Nuer ist eine davon. Wer mit ihr spricht, kommt ins Grübeln.

Ein Hinterhof
Legende: Das Demobilisierungslager für Al-Shabaab-Kämpfende: Hier lernen sie handwerkliche Tätigkeiten. SRF

Den Menschen hinter diesem Eisentor hätte man nie begegnen wollen. Hinter dem streng bewachten Tor am zerschossenen Stadtrand von Baidoa, 240 Kilometer südwestlich von Mogadischu, versucht ein geheimes Team, aus Terroristen friedliche Mitbürger zu machen.

«Das ist ein sehr gefährlicher Ort. In diesem Gebäude werden Al-Shabaab Milizionäre demobilisiert. Sie wohnen hier, bekommen eine handwerkliche Ausbildung, Religions- und Friedensunterricht, lernen lesen, schreiben und rechnen. Sie dürfen das Gebäude aber nie verlassen. Die Gefahr vor Racheanschlägen von Al Shabaab gehört zu unserem Alltag, deshalb werden wir streng bewacht», erklärt Hussein Mohamed, der Leiter des Demobilisierungslagers in Baidoa.

Handwerk anstatt Handgranaten

Im Hof hinter den dicken Mauern, fällt als erstes der Lärm auf. Es wird geschraubt, gehämmert und geschweisst. Ein muskulöser Mann in einem orangen Overall versucht einen Generator zum Laufen zu bringen. Vier dreckige Hühner beobachten verdutzt, wie zwei junge Somalier einen Stall bauen, und unter einem Mangobaum schraubt eine junge Frau einen Sicherungskasten zusammen. Sie ist 25 Jahre alt. Bis vor wenigen Monaten wusste sie besser mit einer Handgranate umzugehen als mit einer Sicherung.

«Ich war bei Al-Shabaab Kommandantin einer Amniyat-Gruppe, das sind jene Leute, die Exekutionsaufträge ausführen. Ich gab ihnen die Befehle, die notwendigen Informationen wie Namen und Aufenthaltsorte der Opfer, ich rüstete die Leute mit dem notwendigen Geld, Waffen und Munitionen aus. Getötet habe ich selber nicht, aber ich war talentiert, ich gab sogar Trainings und war immer eine der Besten, und so war klar, dass ich in der Hierarchie aufgestiegen bin», sagt sie. Sie heisst Nuer.

Die zierliche Frau mit den haselnussbraunen Augen war viereinhalb Jahre lang Kadermitglied der Terrormiliz Al-Shabaab. Wie viele Menschen wurden unter ihrem Kommando getötet? «Es waren sehr, sehr viele. Ich habe sie nicht gezählt.» Der Dolmetscher blickt auf den Boden. Der Journalist, der Nuer befragt, rutscht unruhig auf dem Stuhl herum. Er denkt: Wie fällte sie ihre Todesurteile? Nach welchen Kriterien wählt Al-Shabaab die Opfer aus? Gotteslästerung? Brechen religiöser Regeln?

Nuer sagt: «Alle Leute, die mit Hilfswerken zusammenarbeiten oder mit der Regierung oder Geschäftsleute, die Geld haben. Alle Leute, die Vermögen haben, müssen einen Teil davon Al-Shabaab abgeben. Wenn sie zahlen, sind sie sicher. Sie müssen jeden Monat eine Rate zahlen. Wenn sie nicht zahlen, werden sie umgebracht. Jeder kann selber entscheiden. Zahlen oder getötet werden. Wenn jemand flieht, dann wird seine Familie getötet.»

Inkasso unter Morddrohung

Nicht nur Geschäftsleute in der Stadt müssten zahlen, erklärt Nuer, sondern auch die Nomaden im Busch. Wenn einer 20 Kamele habe, müsse er zwei Al-Shabaab abgeben. Wenn einer 20 Ziegen besitze, gehörten 10 Al-Shabaab. Nur wer bezahle, sei sicher vor der islamistischen Miliz. Dieses Inkasso-System unter Todesdrohung tönt weniger nach einer fundamentalen Glaubensgemeinschaft, sondern eher nach einem kriminellen Kartell?

«Al-Shabaab benutzt die Religion nur als Vorwand, sie wird aber nicht praktiziert. Sie benutzen den Koran als Vorwand für ihre kriminellen Machenschaften. Sie sagen, wie würden den heiligen Koran predigen, aber sie haben ihre eigenen Bücher gedruckt, mit denen sie die Leute ideologisch vergiften», sagt Nuer.

Die Aussagen von Nuer decken sich mit verschiedenen UNO-Berichten. Gemäss diesen soll Al-Shabaab in Somalia den Grossteil des illegalen Holzkohle-Exports kontrollieren. Grossen Gewinn bringe der Miliz auch der Handel mit Elfenbein. Im Vergleich zur somalischen Regierung, deren Machteinfluss mehr oder weniger am Stadtrand von Mogadischu endet, verfügt die Miliz über Einfluss und Geld. Sie bietet Einkommen, Nahrung und Ansehen. Das hat eine grosse Anziehungskraft auf junge Somalier.

Nuer sagt, sie habe sich Al-Shabaab nicht freiwillig angeschlossen, sondern sei mit 16 Jahren gezwungen worden: «Als Mädchen spielte ich fürs Leben gern Volleyball, ich war gerne mit dem Fahrrad unterwegs, ich hatte eine schöne Jugend, bis sie von Al-Shabaab zerstört wurde. Sie gaben mir ein Ultimatum. Entweder du schliesst dich uns an, oder wir sehen dich im Jenseits wieder. Ich ging zu Al-Shabaab, um mein Leben zu retten.»

«Anschlag war ein Fehler»

Sie rettete ihr Leben und gab bald einmal Aufträge, das Leben anderer Leute auszulöschen. Hatte sie nie Skrupel? Wie reagierte sie, als sie hörte, dass ihre Kampfgefährten in Nairobi im Einkaufszentrum 70 unschuldige Väter, Mütter und Kinder exekutiert haben?

Nuer sagt: «Ich habe den Anschlag hier am Fernsehen verfolgt, und ich war sehr glücklich. Die Täter waren meine Kameraden und wir machten ein grosses Fest. Heute weiss ich, dass dieser Anschlag ein grosser Fehler war, und ich bitte Gott um Verzeihung.» Gab es die Möglichkeit einen Befehl zu verweigern?

Nuer: «Wir lebten abgelegen im Busch, oft gab es nicht genug Nahrung, es gab viele Malaria-Mücken, keinen Kontakt zur Bevölkerung, und das Leben war immer sehr hektisch. Wenn man gegen die Regeln verstossen hat, wurde man hart bestraft: man wurde eingesperrt, vergewaltigt, mit Salz eingerieben, einige wurden in der Wüste ausgesetzt.» War dieses harte Leben der Grund, weshalb sie die islamistische Terrormiliz verlassen hat?

Die junge Frau sagt: «Ich änderte meine Haltung, weil mich die Verbrechen von Al Shabaab immer mehr störten. Sie schlachten Menschen wie Tiere ab, sie sprengen Unschuldige in die Luft. Nachdem ich diese teuflischen Dinge über vier Jahre gesehen habe, wusste ich, dass ich mein Leben ändern muss. Hier traf ich auf einen Imam, der mich wieder auf den richtigen Weg brachte.

Ein Journalist ist eine Million Dollar wert

Gut ein Jahr verbrachte Nuer hier im Demobilisierungs-Lager in Baidoa. Sie lernte ein Handwerk, bekam Religions- und Friedensunterricht. Sie habe der Al Shabaab-Ideologie abgeschworen. Man wünscht es sich zu glauben, wenn am Ende nicht dieser Abschied wäre: «Schade, dass wir uns nicht früher begegnet sind. Es wäre für mich sehr hilfreich gewesen. Entweder hätten wir Sie getötet oder für sehr viel Geld verkauft. Menschen wie Sie sind sehr einträglich. Ein weisser Journalist hat in Somalia einen Verkaufswert von einer Million Dollar», sagt Nuer und lächelt den Journalisten freundlich an.

Die ehemalige Al-Shabaab-Kommandantin hat vor wenigen Tagen ihr Entlassungszeugnis erhalten. Begegnen möchte man ihr auf dem gefährlichen Weg zurück nach Mogadischu trotzdem nicht.

Patrik Wülser

Porträt Patrik Wüsler.

Patrik Wülser ist Leiter der Auslandredaktion von Radio SRF. Von 2011 bis 2017 war er Afrikakorrespondent für SRF und lebte mit seiner Familie in Nairobi (Kenia).