Zum Inhalt springen
Inhalt

«Cinque Stelle» in Italien Fünf Sterne und noch mehr leere Versprechen

In Rom und Turin ist die Protestbewegung des Komikers Beppe Grillo an den Schalthebeln der Macht. Sie tut sich schwer.

Legende: Audio Cinque Stelle in Italien: Wer Kritik übt, ist weg abspielen. Laufzeit 08:39 Minuten.
08:39 min, aus Rendez-vous vom 08.09.2017.
  • Die italienischen Grossstädte Rom und Turin haben eines gemeinsam: Sie werden seit gut einem Jahr von der Protestbewegung des Ex-Komikers Beppe Grillo regiert.
  • Dabei ist oft von Rom die Rede und davon, wie schwer sich die Protestbwegung dort mit dem Regieren tut.
  • Doch auch in Turin besteht eine Kluft zwischen Wahlkampfversprechen und Realität.

Vallette ist ein Quartier weit draussen, am Rande Turins. Hier spielt Juventus Turin, hier steht dessen Stadion. In Vallette stehen aber auch zahlreiche Wohnblöcke aus der Nachkriegszeit. Kein schöner Anblick. Viele Häuser sind heruntergekommen, die Strassen haben Löcher. Im Quartier wohnen viele Arbeitslose, Alte, Ausländer. Quartierpräsident von Vallette ist Marco Novello. Er kennt die Probleme, doch etwas dagegen zu tun, sei schwierig:

Wir haben keine Mittel für Projekte, um den Bewohnern zu helfen. Uns fehlt sogar das Geld, das Gras der öffentlichen Grünanlagen regelmässig zu schneiden.
Autor: Marco NovelloQuartierpräsident von Vallette

Erst im Juni habe man einer Firma den Auftrag geben können, das Gras ein erstes Mal zu mähen. An Investitionen, etwa in die Quartierbibliothek, sei schon gar nicht zu denken, sagt Novello, der dem sozialdemokratischen Partito Democratico angehört.

Ernüchterung nach dem furiosen Wahlsieg

Vor gut einem Jahr verlor seine Partei wie in der ganzen Stadt auch in Vallette – und zwar haushoch. Seither regieren in Turin Chiara Appendino und das «Movimento Cinque Stelle». Jetzt, ein Jahr später, sei Ernüchterung eingekehrt: Appendino habe den Bürgern im Wahlkampf etwas vorgespielt, sagt Novello. «Sie hat zu hohe, falsche Erwartungen geweckt. Das rächt sich jetzt.» Denn bisher habe sich hier rein gar nichts zum Besseren gewendet. Im Gegenteil. Die vernachlässigten Aussenquartiere hätten noch weniger Geld als zuvor.

Der Wahlsieg in Rom wird zur Hypothek

Auch in Rom, wo seit gut einem Jahr die 5-Sterne-Frau Virginia Raggi Bürgermeisterin ist, ist die Bewegung unter Druck. Raggi hat sich wiederholt mit Leuten aus dem eigenen Regierungsteam überworfen: Im letzten Jahr heuerte sie allein vier Stadträte für Finanzen an und entliess sie kurzerhand wieder. Im politisch breit aufgestellten Movimento herrscht Unruhe.
Die Breite des Movimento, das den Protest links und rechts abholt, führt gerade in einer schwierigen Stadt wie Rom dazu, dass die Spannungen zunehmen. Im Unterschied zu Turin, das zwar Probleme mit der Arbeitslosigkeit hat, gibt es in Rom weit grössere Baustellen: der öffentliche Verkehr, die Müllabfuhr oder der Strassenunterhalt sind in prekärem Zustand. Im Sommer drohte der Stadt sogar das Wasser auszugehen.
Die Probleme in der ewigen Stadt sind enorm. Und auch das Movimento tut sich äusserst schwer damit, sie zu lösen. Kommt hinzu: Rom ist das Schaufenster der Nation – die Misswirtschaft des Movimento in der Hauptstadt wird damit zur Hypothek für die Bewegung. Gerade, weil Raggi mit grossen Versprechen in den Wahlkampf gegangen ist.

In Vallette holte Appendino 70 Prozent der Stimmen. Hier müsste die Turiner Bürgermeisterin eigentlich ansetzen und ihre Wahlversprechungen umsetzen: mehr Busse, mehr Trams, schnelles Internet, Projekte für Arbeitslose, für Senioren. Doch nichts davon ist bisher Realität, bestätigt auch Alberto Unia, Er ist Gründungsmitglied des Turiner Movimento und gehört zu Appendinos Regierungsteam: «Uns stehen unter dem Strich 100 Millionen Euro weniger zur Verfügung», klagt er.

Chiara Appendino steht am Po.
Legende: Tristesse in Turin: Chiara Appendino steht mit bescheidenem Leistungsausweis da. Reuters

Die Schuld dafür weist er der linken Vorgängerregierung zu, die in der Kasse ein schwarzes, gähnendes Loch hinterlassen habe. Es sei ihnen gar nichts übriggeblieben, als 100 Millionen einzusparen. Doch Unia sieht Licht am Ende des Tunnels: «Endlich fangen wir an, auch in den Vorstädten zu arbeiten», sagt er. Doch Geld dafür hat Turin weiterhin keines.

Es würde kaum erstaunen, würde das Gras in Vallette auch im nächsten Frühjahr spriessen ohne geschnitten zu werden. Doch Alberto Unia beharrt: Kehren Sie im nächsten Jahr zurück. Noch sei es zu früh für eine Bilanz.

Appendino und auch Grillo dulden nur Leute um sich, die ihnen treu ergeben sind. Nur wer brav nickt, kommt weiter.
Autor: Vittorio BertolaGründungsmitglied des Turiner Movimento

Den Stab bereits gebrochen hat Vittorio Bertola. Er gehört wie Unia zu den Gründungsmitgliedern des Turiner Movimento, ist unterdessen aber ausgetreten. Das Movimento habe, erst ein Jahr an der Macht, fast alle Ideale über Bord geworfen: «Seit jeher hat das Movimento verlangt, den Lohn von Politikern zu begrenzen. Keiner sollte mehr als 2500 Euro verdienen.»

Mann liest Zeitung in Turin.
Legende: Das Movimento versprach die Runderneurung der Politik: Einmal an der Macht, blieb davon wenig übrig. Keystone/Archiv

Doch Appendino und ihre Leute würden deutlich mehr kassieren.Solches und anderes habe er kritisiert, deswegen sei er in Ungnade gefallen, sagt Bertola: «Appendino und auch Grillo dulden nur Leute um sich, die ihnen treu ergeben sind. Nur wer brav nickt, kommt weiter. Das hat die Fünfsternebewegung erheblich geschwächt.»

Dabei, sagt Bertola, hätte Appendino die Chance gehabt, Turin tatsächlich zu verändern. Das Argument, dass das Geld dazu fehle, weist er zurück: «Einige der Versprechungen, zum Beispiel das Volk vermehrt mitbestimmen zu lassen, sind zum Nulltarif zu haben.» Doch das Movimento regiere über die Köpfe der Bürger hinweg. Genauso wie die traditionellen Parteien, gegen die es einst angetreten war. Davon ist Bertola überzeugt.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Viele Italienische Regierungen bestehen aus Elenden Feiglingen und Grossmäulern. Wenn es brenzlig wird, stellen sie sich durch Tricks und Spielen der beleidigten Leberwurst aus der Verantwortung. Da gibt es nur ein Mittel. Richtig in die Verantwortung nehmen und nötigenfalls ihre laute Gosche behandeln. Das würde Wunder wirken. Aber die allgegenwärtige Fernsehflut mit Privatkanälen hat viele Italiener bereits total benebelt. Schlimmer geht immer.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von U.E. Romer (romeru)
    So ist es eben: Die grössten politischen Schreihälse sind die Unfähigsten. Sie kritisieren und versprechen alles. Und wenn sie dann in der Verantwortung stehen, haben sie die "Hosen voll".
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Tim Buesser (TimBue)
    Politiker jeglichen Couleurs machen Versprechungen mit viel weniger Inhalt als sie angeben, bei Links-Grünen sind sie allzu oft sehr leer. Auch BR in CH: 6'000-8'000 Zuwanderer pro Jahr bei PVZ mit EU, um Faktor von mehr wie 10 daneben, UNO koste CH maximal 50 Mio Fr pro Jahr, heute liegen wir bei 350 Mio Fr, um Faktor 7 daneben, usw.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Tim Buesser (TimBue)
      Energiewende von BR Leuthard mit versprochenen 40 Fr pro Haushalt wird das Alles noch um Grössenordnungen toppen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Kurt Meier (Kurt3)
      Tim Buesser , ich weiß nicht , zu welchem Thema Sie einen Kommentar verfassen . Hier geht es um das Versagen einer Protestpartei . Übrigens , ich kenne keine solche , die irgendeine Postive Veränderung gegbracht haben .
      Ablehnen den Kommentar ablehnen