«Für Frauen gibt es in unserer Kultur keinen Platz»

Der britische Dokumentarfilm «India's daughter» sorgt in Indien für Schlagzeilen. Im Film geht es um die Massenvergewaltigung und Tötung einer jungen Studentin im Dezember 2012 in Neu Delhi. Die indische Regierung verbot den Film und heizte so die Kontroverse erst recht an.

Indische Frauen jeden Alters.

Bildlegende: Frauen demonstrieren in New Delhi am internationalen Tag der Frau, dem 8. März 2015. Keystone

Mukesh Singh ist zum Tode verurteilt. Er ist wegen Vergewaltigung und Mordes an einer 23-jährigen Studentin in jener Nacht im Dezember 2012 schuldig gesprochen worden.

Weit und breit keine Reue

Die britische Filmemacherin Leslee Udwin interviewte den 28-jährigen Busfahrer im Tihar Gefängnis in Delhi. Er sagt: «Mädchen sollen Hausarbeiten erledigen und nicht in der Nacht in Discos und Bars herumhängen und schlechte Sachen machen und falsche Kleider tragen. Ein Mädchen gehört nachts um neun nicht auf die Strasse. Wird sie vergewaltigt, ist sie viel mehr dafür verantwortlich als der Junge.»

Die Filmemacherin verbrachte 16 Interviewstunden mit dem Verurteilten Singh. Er habe nicht ein einziges Mal Reue gezeigt, sagt Udwin. «Im Gegenteil. Seine Einstellung war: ‹Was machen alle für ein Tamtam um uns? Alle tun, was wir getan haben.› Das ist das Schockierende. Gewalt an Frauen ist in Indien ein Gesellschaftsproblem», sagt sie.

«Ich würde meine Schwester anzünden»

Einer der Anwälte der Verurteilten, ML Sharma, bestätigt das durch sein eigenes Interview: «Frauen und Männer können in unserer Kultur keine Freunde sein. Frauen bedeuten Sex für Männer. Unsere Kultur ist die beste Kultur. Aber in unserer Kultur gibt es keinen Ort für Frauen», sagt er.

Und AP Singh, ein weiterer Anwalt der Vergewaltiger, führt aus: «Falls meine Tochter oder Schwester Sex vor der Hochzeit hätten, und damit Schande über sich und die Familie brächten, dann würde ich sie zu meinem Landhaus bringen. Vor der versammelten Familie würde ich sie dort mit Benzin übergiessen und anzünden.»

Zu gerne hätten viele geglaubt, dass zwei Jahre nach der Vergewaltigung in Delhi heute alles anders ist. Schliesslich gibt es heute schnellere Gerichtsprozesse und härtere Strafen bei Sexualdelikten, mehr Polizeipräsenz, Frauenhäuser. Aber ein Kulturwandel passiert nicht über Nacht und auch nicht in zwei Jahren.

Indische Regierung verbietet den Film

Doch in Indien kann nicht sein, was nicht sein darf. Das hat die Regierung vergangene Woche entschieden. Sie verbot die Ausstrahlung des Films. Grund: Der Film könne zu Unruhen führen. In den Zeitungen, auf Facebook und bei Twitter brach ein Sturm der Entrüstung über das Verbot los. Die Regierung fürchte nicht die Unruhen, sondern Scham und Schmach, schrieben viele.

Doch statt sich kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen, ging Innenminister Rajnath Singh im Parlament zum Gegenangriff über: «Unsere Regierung verurteilt die Vorfälle vom 16. Dezember 2012 aufs Schärfste. Aber wir werden nicht erlauben, dass jemand aus diesem unglücklichen Ereignis wirtschaftlichen Profit schlägt», sagte er.


Kein Platz für Indiens Frauen

4:48 min, aus Echo der Zeit vom 09.03.2015

Regisseurin flieht aus Indien

Auf einmal war die Filmemacherin Leslee Udwin die Angeklagte. Sie musste Hals über Kopf abreisen, weil ihr die Regierung mit einem juristischen Nachspiel drohte. Udwin habe sich nicht an die Regeln gehalten und ohne die nötigen Bewilligungen gearbeitet, hiess es.

Die Filmerin bestritt die Vorwürfe in einem Interview mit der BBC. Der Spiess werde jetzt umgedreht, weil es kein Recht gebe, diesen Film zu verbieten und die Meinungsäusserungsfreiheit zu beschneiden. «Sie versuchen mich einzuschüchtern, aber ich lasse mich nicht einschüchtern. Meinungsäusserungsfreiheit ist ein Grundrecht in jeder Demokratie.»

Udwin bat den Ministerpräsidenten der sogenannt grössten Demokratie der Welt, Narendra Modi, er möge den Film freigeben. Modi antwortete nicht. Am gestrigen Weltfrauentag sagte er jedoch, er sei tief beschämt über die Gewalt, die den Frauen angetan werde. Deshalb werde er Frauenzentren und eine Helpline für Gewaltopfer einrichten.

Das sind Versprechen, die nicht trösten können. Nicht in einem Land, in dem Probleme lieber weggesperrt und totgeschwiegen werden.

«Indian's Daughter»

«Indian's Daughter»

Die BBC hat den Dokumentarfilm von Leslee Udwin (Bild) bereits am 4. März gezeigt, heute hat er Premiere in New York. In Indien wurde er dagegen verboten. Hier ist der Film per Streaming abrufbar.