GB: Mutmasslicher Pädophilenring löst sich im Nichts auf

Scotland Yard hat sich verrannt: Die britische Polizei stellt die Ermittlungen zu einem mutmasslichen Pädophilenring ein. Der Kronzeuge «Nick» habe sich als Fantast erwiesen. «Es ist eine Blamage für die Polizei», sagt SRF-Korrespondent Martin Alioth in London.

Schild New Scotland Yard

Bildlegende: Scotland Yard stellt die Ermittlungen zum Pädophilenring «Midland» ein: Sie ist ins Leere gelaufen. Keystone

Auslöser der Untersuchung «Operation Midland» war der Fall des TV-Entertainers und DJs Jimmy Savile. Nach seinem Tod wurde bekannt, dass er hunderte Kinder und Erwachsene sexuell missbraucht hatte. Die Polizei geriet in Verdacht, in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts Missbrauchsvorwürfe unterdrückt und vertuscht zu haben.

Wohl aus diesen Grund hat die Polizei vor zwei Jahren an einer Pressekonferenz den einzigen Kronzeugen des mutmasslichen Pädophilenrings im Herzen der Macht als «glaubwürdig» bezeichnet, wie SRF-GB-Korrespondent Alioth vermutet. Sie habe damit das frühere Vertuschen von Kindsmissbrauchsfällen mit der Operation Midland überkompensiert, so Alioth. Entsprechend konnte Scotland Yard nicht genügend Anhaltspunkte oder Beweise für eine Anklage im Falle des Pädophilenrings liefern.

Der Kronzeuge «Nick» hat namhafte Politiker beschuldigt, in den siebziger- und achtziger-Jahren in sexuelle Straftaten und drei Morde an Jugendlichen verwickelt gewesen zu sein. Der einzige noch lebende dieser Beschuldigten ist Harvey Procter, ein ehemaliger Tory-Abgeordneter. «Procter ist ruiniert und entsprechend empört. Er verlangt, dass dieser Zeuge strafrechtlich verfolgt wird.» Ausserdem fordere er den Rücktritt vieler von ihm namentlich genannter Polizeioffiziere, darunter auch der Chef der Londoner Polizei.

Keine Beweise gefunden

Die «Operation Midland» hat in sechzehn Monaten Untersuchung durch 31 Beamte rund 2,2 Millionen Euro gekostet. Sie wird nun offiziell eingestellt. Er gehe davon aus, sagt Alioth, dass das Fehlverhalten der Polizei keine nennenswerten Konsequenzen haben werde.

Trotz der Einstellung des Verfahrens schreibt die Zeitung «The Guardian» in ihrer Onlineausgabe, dass gewisse Aussagen von Nick durchaus plausibel gewesen seien. Zum Beispiel habe er das Innere einer Militärkaserne, wo ein Übergriff stattgefunden haben soll, exakt beschreiben können. Dies habe die Polizei zum Schluss geführt, dass er tatsächlich als Kind oder Jugendlicher mal dort gewesen sei. Die Polizisten hätten laut der Zeitung auch nicht widerlegen können, dass die Vorfälle nicht stattgefunden haben könnten.

Alioth sagt denn auch: «Es gibt keinen Rauch ohne Feuer. Wir wissen, dass in jenen Jahren die pädophilen Verbrechen von Politikern, Geistlichen und Geheimdienstlern unterdrückt und vertuscht wurden.» Aber diese Straftäter seien seither entlarvt worden, meist erst nach ihrem Tod. «Die Vermutung, dass die aufgeklärten Fälle nur die Spitze eines Eisbergs darstellten, erhielten neue Nahrung durch den Fall des erwähnten Jimmy Savile. Aber der Eisberg konnte nicht dingfest gemacht werden.»

Akten verschwunden

2014 wurde bekannt, dass die Akten von 114 Fällen von mutmasslichem Kindsmissbrauch zwischen 1979 und 1999 aus den Archiven der zuständigen Ministerien verschwunden waren. Zum Verschwinden der Akten gab es zwar eine Untersuchung. Diese förderte laut Alioth keine nennenswerten Resultate zutage. Diese Akten hätten durchaus Licht ins Dunkel bringen können.