Genozid an Armeniern: Alles, was Sie wissen müssen

Vor 100 Jahren wurden Hunderttausende Armenier von den Osmanen deportiert und getötet. Hans-Lukas Kieser, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, nimmt zu einigen der wichtigsten Punkten Stellung.

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Massentötungen an Armerniern 1915/16

0:59 min, vom 22.4.2015

Ausgangslage

Das armenische Siedlungsgebiet lag seit dem 19. Jahrhundert in der Türkei (damals Osmanisches Reich) und in Russland. Die Armenier stellten schon früh Forderungen nach Reformen für eine Gleichstellung innerhalb des Osmanischen Reiches. Das niedergehende Osmanische Reich reagierte vor allem mit Repression und ersten Massakern.

Männer vor Bergen von Skeletten.

Bildlegende: Undatierte Aufnahme aus dem 1. Weltkrieg in Ostanatolien. Keystone

Russland-Feldzug als Auslöser

Noch schlimmer wurde die Lage für die Armenier, als Ende 1914 eine Grossoffensive des Osmanischen Reiches gegen Russland im Kaukasus mit einer verheerenden Niederlage endete. Armenier hatten auf beiden Seiten gekämpft. Obwohl die Mehrheit der armenischen Zivilisten und Soldaten gegenüber dem Osmanischen Reich loyal geblieben war, machte die Regierung die Armenier kollektiv für die militärischen Probleme verantwortlich – zumal einige von ihnen den Krieg kritisierten und auf den Sieg der Gegner hofften. Die Armenier wurden zu Sündenböcken.

Armenier 1915 auf einem Todesmarsch

Bildlegende: Armenier werden auf die Todesmärsche geschickt. Keystone

Deportationen

Am 24. April 1915 liess die jungtürkische Regierung armenische Intellektuelle in Konstantinopel verhaften, deportieren und töten. Die treibende Kraft war dabei Innenminister Talaat Bey. Dieses Datum gilt als Auftakt zum Völkermord und wird heute von den Armeniern als Genozid-Gedenktag begangen.

Vorsatz und Planung

Die Armenier wurden in den kommenden Wochen aus ganz Anatolien deportiert. Alles war telegrafisch gesteuert. Die zentrale Planung war tödlich angelegt. Ein Grossteil der armenischen Männer wurde hingerichtet. Viele Frauen und Kinder starben auf den Todesmärschen in Richtung syrische Wüste. Die Überlebenden verhungerten in den Wüstenlagern oder wurden im August 1916 bei Deir al-Sor im Osten des heutigen Syriens massakriert. Etwa eine Millionen Armenier kamen ums Leben. Die Armenier sprechen sogar von bis zu 1,5 Millionen Toten.

Sicht der Türkei

Die Türkei weist den Vorwurf des Völkermordes zurück und spricht von kriegsbedingten Ereignissen. Das Hauptproblem Ankaras, den Genozid an den Armeniern anzuerkennen, liegt in der Gründungsgeschichte des türkischen Nationalstaates. Eine Anerkennung würde seine Helden in Frage stellen und ein grelles Licht auf die Rolle des Massenraubmords von 1915/16 für den Aufbau des Nationalstaates werfen.

Ein Türke macht auf einer Pritsche einen Mittagsschlaf. Unter ihm tote Armenier.

Bildlegende: Ein makabres Bild von 1919: Ein Türke macht auf einer Pritsche einen Mittagsschlaf. Unter ihm tote Armenier. Keystone

Sicht der Historiker und Politiker

Die Massaker an den Armeniern 1915/16 gelten für viele Historiker als erster staatlich organisierter Genozid des 20. Jahrhunderts in Europa und den angrenzenden Gebieten. Auch zahlreiche Regierungen, Parlamente und Organisationen sprechen von einem Völkermord.

Rolle des Schweizers Jakob Künzler

Vor Ort leisteten einige Schweizer Hilfe für die Armenier. Ein wichtiger Helfer war der Appenzeller Diakon Jakob Künzler (1871-1949), der zusammen mit seiner Frau Elisabeth im Missionsspital von Urfa in Ostanatolien als Laienmediziner arbeitete. Während des Ersten Weltkriegs bewahrte das Paar eine Grosszahl von Armeniern vor Völkermord und Deportation. 1922 organisierten sie dann die Ausreise von rund 8000 armenischen Waisen.

Auswirkungen auf die Schweiz

Das Leiden der Armenier in der Osttürkei hatte Auswirkungen bis in die Schweiz. Seit dieser Zeit gibt es in der Schweiz eine armenische Diaspora. Zudem wurden Hilfsprojekte für die Opfer der Massaker in Anatolien auf die Beine gestellt. In der armenisch-apostolischen Kirche in Troinex im Kanton Genf wird jeweils am 24. April eine Messe zum Gedenken an den Armenier-Völkermord zelebriert.

Schweiz und der Fall Perinçek

Heisst Meinungsfreiheit, dass alles gesagt werden darf? Auch, dass der Völkermord an den Armeniern eine «internationale Lüge» sei? Dies hatte der türkische Politiker Dogu Perinçek 2005 gesagt und damit einen Rechtsstreit mit der Schweiz ausgelöst.

Der türkische Nationalist hatte die Aussage bei Reden in der Schweiz gemacht, worauf ihn die Waadtländer Justiz wegen Rassendiskriminierung zu einer bedingten Geldstrafe verurteilte. Das Bundesgericht bestätigte das Urteil 2007. Perinçek zog das Urteil jedoch an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) weiter, der 2013 zum gegenteiligen Schluss kam. Derzeit behandelt der EGMR den Fall Perinçek noch einmal.

Die Armenier

Die Armenier sind das älteste christliche Volk der Welt, das seit über 2700 Jahren im Gebiet zwischen dem Hochland Ostanatoliens und dem Südkaukasus heimisch ist. Zugleich sind die Armenier die Titularnation der heutigen Republik Armenien, wo sie mit Abstand den Grossteil der Bevölkerung ausmachen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Streit über Armenier-Genozid

    Aus Tagesschau vom 18.4.2015

    Vor hundert Jahren wurden hunderttausende Armenier Opfer eines gezielten Vernichtungsfeldzuges des damaligen Osmanischen Reiches. Die Türkei wehrt sich jedoch noch heute gegen den Begriff «Völkermord». Im Vorfeld des 100. Jahrestages ist die politische Kontroverse neu entbrannt. Auch in der Schweiz wird darüber diskutiert. Der Bundesrat hat den Völkermord bis heute nicht als solchen anerkannt.