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Geschwächter IS Terroristen verschwinden nicht einfach

Manche IS-Terroristen machen weiter, manche kehren zurück. Vorbereitung sei deshalb wichtig, sagt der Experte.

Legende: Audio «Der nächste Osama bin Laden hat in Syrien gekämpft» abspielen.
5:17 min, aus Echo der Zeit vom 25.05.2018.

Vor vier Jahren rief die Terrorgruppe «Islamischer Staat» in Teilen Syriens und Iraks ein Kalifat aus. Westliche Geiseln wurden vor laufender Kamera geköpft, es gab Terroranschläge im Westen. Inzwischen kontrolliert der IS bloss noch einen Bruchteil des eroberten Gebietes; er ist generell geschwächt.

Schliessen sich die IS-Terroristen jetzt anderen Terrorgruppen an? Oder gründen sie eine neue Organisation? Und: Was ist mit den Rückkehrern in westliche Länder? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Professor Peter Neumann am King's College in London.

Peter Neumann

Peter Neumann

Terror-Experte

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Professor Peter Neumann ist Direktor des International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence am Londoner Kings College., Link öffnet in einem neuen Fenster

SRF News: Der IS ist stark geschwächt – springen in Irak und Syrien jetzt andere Terrororganisationen in die entstandene Bresche?

Peter Neumann: Wir wissen, dass einige der IS-Kämpfer versuchen, sich Al-Kaida anzuschliessen. Zahlreiche Experten befürchten denn auch, dass die von Osama bin Laden gegründete Terrororganisation wieder zurückkommt. Ich denke, es ist vor allem wichtig, sich nicht zu sehr auf einzelne Organisationen zu fixieren.

Die Terroristen Leute könnten sich nun Al-Kaida anschliessen oder auch eine ganz neue Organisation gründen.

Es ist unklar, ob es den IS in fünf Jahren noch geben wird. Aber die Netzwerke, die persönlichen Verbindungen, die während des Syrienkonflikts entstanden sind, existieren weiterhin. Diese Leute könnten sich nun Al-Kaida anschliessen oder möglicherweise auch eine ganz neue Organisation gründen.

Schwarz gekleidete und bewaffnete Männer marschieren in zwei Reihen durch eine Ortschaft.
Legende: IS-Propagandamarsch in einem syrischen Städtchen im Januar 2014: Manche kehren nun nach Europa zurück. Reuters Archiv

Was vermuten Sie?

In fünf Jahren werden wir eine Situation haben, von der momentan niemand weiss, wie sie aussehen wird. Ich bin da genauso ahnungslos wie alle anderen auch. Es gibt allerdings Faktoren, welche die Entwicklung beeinflussen – etwa die erwähnten persönlichen Verflechtungen unter den Dschihadisten. Ich bin überzeugt, dass der nächste grosse Anführer der dschihadistischen Bewegung – der nächste Osama bin Laden – jemand sein wird, der in den letzten fünf Jahren in Syrien gekämpft hat. Denn dieser Konflikt war absolut bahnbrechend für diese Bewegung.

Die schlechte Nachricht ist, dass die Terrorgefahr keineswegs vorüber ist.

Wie es weitergeht ist offen, das macht es auch für den Westen schwierig. Was kann dieser tun, um die Terrorgefahr abzuwenden?

Die gute Nachricht ist, dass das Tempo der terroristischen Operationen in fast allen westlichen Ländern abgenommen hat. So wurden in Frankreich letztes Jahr noch rund 30 versuchte Terroranschläge registriert, dieses Jahr sind es bislang nur noch drei oder vier. Die schlechte Nachricht ist aber, dass damit die Terrorgefahr keineswegs vorüber ist.

Jetzt ist der Moment, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir mit Rückkehrern umgehen wollen.

Die Konsequenzen dessen, was in den letzten fünf oder sechs Jahren in Syrien passiert ist, wird uns noch lange beschäftigen. So wird häufig von den Rückkehrern gesprochen: Manche von ihnen sind desillusioniert, manche sind gefährlich. Deshalb ist es wichtig, dass sich die westlichen Staaten auf diese Situation vorbereiten: Wie gehen wir mit den Rückkehrern um? Wie erkennt man, welche Motivationen sie vielleicht nach wie vor haben? Wie gehen wir mit Frauen und Kindern um, die zurückkehren? Es ist jetzt der Moment dazu, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn man in Zukunft mit weniger Fällen zu tun haben will als in der Vergangenheit, muss man weiter in die Prävention investieren, aber auch in die richtigen Gesetze und in die Repression.

Wie ist die Schweiz da aufgestellt?

Relativ gut. Die Schweiz hat jetzt auch ein Präventionsprogramm, das vor Kurzem vorgestellt wurde. Und im Gegensatz zu anderen Ländern ist das hiesige Programm tatsächlich mit Geld ausgestattet. Auch steht die Schweiz nach wie vor nicht im Fokus der Überlegungen von Terroristen. Es gibt andere Länder, die wichtigere Ziele für den IS darstellen – etwa Frankreich oder Grossbritannien. Trotzdem kann man nicht ausschliessen dass ein Einzeltäter losschlägt, der sich im Internet hat inspirieren lassen. Das sind typischerweise jene Täter, die in ihrer Nachbarschaft einen Anschlag verüben. Das kann dann auch in der Provinz passieren, wie etwa in Würzburg oder in Ansbach.

Das Gespräch führte Beat Soltermann.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Andrew Simon (A. Simon)
    Dieses ständige US Bashing ist einfach nur noch peinlich. Wenn man so durch irgendwelche Leserkommentare surft, hat man das Gefühl, es gibt gerade mal zwei "böse" Länder auf dieser Welt, die für alles Übel verantwortlich sind. Wer sich fundiert mit der Region auseinandersetzt, weiss, wo das Problem liegt! Ab und zu auch mal an der Zeit, sich vertiefter mit der Poblematik auseinander zu setzen.
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  • Kommentar von Josephk Ernstk (Joseph ernst)
    Der IS hat wohl vernichtende Niederlagen erlitten. Die Gefahr besteht aber weiterhin ! Zu glauben die Aktivitäten dieser Mörderbande seien unter Kontrolle ist äusserst naiv. Höchste Aufmerksamkeit, vorallem gegenüber Rückkehrern ist absolut gefordert !
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Die USA brauchen Terroristen in Europa, um die Anschläge Iran in die Schuhe schieben zu können, damit Europa in die Anti-Iranpolitik einlenkt. Jedenfalls hat Mike Pompeo vor iranischen Terroranschlägen in Europa gewarnt. Was ja wirklich sehr schlau wäre vom Iran, gerade jetzt in Europa Terroranschläge zu verüben...
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