Gewappnet gegen Raketen – aber nicht gegen Messer-Attacken

In Israel gehen Palästinenser mit Messern auf Juden los. Die Angst vor Attacken ist gross – gerade weil es sich dabei um simple, einfach zu versteckende Waffe handelt.

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Attacken in Israel

0:42 min, aus Tagesschau am Mittag vom 13.10.2015

Messer sind die bevorzugten Waffen der jüngsten Gewaltwelle im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Innerhalb von knapp zwei Wochen ereigneten sich bereits mehr als zwanzig Messerattacken auf Israelis oder jüdische Besucher Israels.

Dabei wurden seit dem 3. Oktober sechs Israelis getötet. Etwa 25 Menschen wurden verletzt, darunter mehrere Kinder. Die psychologische Wirkung ist massiv.

Bilderflut auf sozialen Netzwerken

«Messerterror wird uns nicht besiegen», versicherte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Montag vor der Knesset. Bilder von bei Anschlägen verwendeten Stichwaffen überfluten zugleich die sozialen Netzwerke in Israel und illustrieren die Zeitungsartikel.

Sie reichen von simplen Küchenmessern bis hin zu mächtigen gezackten Klingen, unter den verwendeten Waffen sind aber auch Schraubenzieher und sogar ein Kartoffelschäler. Augenzeugen nahmen an den Tatorten mit ihren Smartphones die zum Teil blutverschmierten Messer auf; auch die Polizei verteilte Bilder von Tatwaffen an die Medien.

Israelische Polizisten untersuchen den Ort einer Messer-Attacke

Bildlegende: In Israel geht die Angst vor weiteren Attacken um: Israelische Polizisten am Ort eines Angriffs. Reuters

Angst verbreiten

«Das sind Alltagsgegenstände, die jeder zu Hause hat, die ohne Training als Waffe einsetzbar und leicht zu verbergen sind», erläutert der Psychologe Schaul Kimhi. «Messerattacken zielen oft nicht auf die Tötung der Opfer, sondern sollen Furcht verbreiten. Und dieses Ziel erreichen sie», sagt der Psychologe und konstatiert: «Die Ängste der Israelis stehen gegenwärtig in einem Missverhältnis zur tatsächlichen Bedrohung.»

Die zahlreichen Anschläge der vergangenen Tage mit Stichwaffen wurden vor allem von heranwachsenden Palästinensern aus dem besetzten Ost-Jerusalem und dem Westjordanland verübt. In Einzelfällen waren die Täter israelische Araber.

Die Opferzahlen sind bisher nicht zu vergleichen mit denen der Selbstmordanschläge während der Zweiten Intifada. Durch diese waren in den Jahren 2000 bis 2005 mehr als 500 Israelis in den Tod gerissen worden.

«Wir können Messer nicht verbannen»

Es ist mithin mehr die empfundene Hilflosigkeit als die Opferbilanz, die bei den Israelis allgemeine Verunsicherung ausgelöst hat. So schützt das hochmoderne Raketenabwehrsystem Eiserne Kuppel vor den meisten Raketeneinschlägen.

«Hier aber haben wir es mit Leuten zu tun, die das einfachste Terrormittel überhaupt einsetzen. Wir können Messer nicht völlig verbannen», erklärt der frühere Oberst im Armeegeheimdienst, Miri Eisin.

«Messer-Intifada»

Attacken mit Stichwaffen fanden in den vergangenen Tagen zunehmend Nachahmer. So wurden sie zum spontanen Kennzeichen der aktuellen Revolte von palästinensischen Jugendlichen, die jegliche Zukunftshoffnung verloren haben.

Auch auf den von Palästinensern genutzten Internetportalen dreht sich alles um die «Messer-Intifada». Ein anonymer Blogger verkündete dort: «Hallo, Besatzer! Bei Messern helfen Euch die Luftalarm-Sirenen nicht. Es gibt keine Warnung.»

Gute Ratschläge und schwarzer Humor

In den hebräischen Fernsehprogrammen zeigen derweil Experten für Selbstverteidigung ihre Abwehrtechniken; die israelischen Rettungsdienste veröffentlichten einen kurzen Lehrfilm zu Ersthilfemassnahmen nach Messerverletzungen. Insbesondere solle die Stichwaffe nicht aus dem Körper des Opfers entfernt werden, um die Blutungen nicht zu verstärken.

Manche Israelis verarbeiten die Bedrohung aber auch mit schwarzem Humor. Einer posiert auf Facebook in einer selbstgebastelten Ganzkörper-Rüstung an der Wohnungstür. Er ruft seiner Frau zu: «Schatz, ich bringe mal kurz den Müll runter und bin gleich zurück.»