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Giftanschlag in Salisbury Warum der Kreml tun sollte, was er niemals zugeben wird

Hat Russland mit einem ehemaligen Doppelagenten abgerechnet? Das riecht nach Kaltem Krieg – und wirft Fragen auf.

Legende: Audio Spurensuche nach dem Giftanschlag abspielen. Laufzeit 03:19 Minuten.
03:19 min, aus Echo der Zeit vom 14.03.2018.

Ungeschriebene Regeln im Spionagegewerbe: Früher galt: ausgetauschte Agenten geniessen Immunität. Im Fall Skripal wäre diese Regel grob missachtet worden, falls tatsächlich Moskau den Giftanschlag verübt haben sollte. «Alles Quatsch», findet Aussenminister Sergej Lawrow und bestreitet jegliche Verantwortung des Kreml.

Ein ungeheuerlicher Verdacht: Was spricht für Russland als Täter, also für die, laut Premierministerin Theresa May, «höchstwahrscheinliche» Variante? Vorläufig gibt es nur Vermutungen, mehr oder minder plausible. Die eine lautet: Die Russen glaubten, Skripal sei wieder zurück im Geschäft. Bloss: Über welch brisante Informationen sollte Skripal, der seit acht Jahren im britischen Exil im Ruhestand lebt, noch verfügt haben?

Die Präzedenzfälle: Verwiesen wird auch darauf, etliche russische Regimegegner seien in den letzten Jahren in Grossbritannien eines mysteriösen Todes gestorben. Der berühmteste Fall, inzwischen nachgewiesen, ist der Mord an Alexander Litvinenko, dem 2006 in London von russischen Agenten Polonium in den Tee geträufelt wurde. Oder der rätselhafte Mord an Alexander Perepilichny 2012 in Surrey.

Porträt: Alexander Litvinenko
Legende: Mehrere der Getöteten (im Porträt: Alexander Litvinenko) besassen Informationen über Verbindungen zwischen dem Kreml und dem organisierten Verbrechen. Hat Waldimir Putin Angst vor solchen Enthüllungen? Reuters

Kontrollverlust über Geheimdienste: Denkbar ist auch, dass Skripal tatsächlich von russischen Geheimdienstleuten vergiftet wurde, aber ohne Befehl, ohne Wissen des Kremls. Die Dementis aus Moskau wären also wahr. Das hiesse: Teile des russischen Sicherheitsapparates führen ein Eigenleben. Auszuschliessen ist das nicht. In Zeiten grosser Spannungen wächst die Bedeutung der Geheimdienste – auch im Westen. Ausgerechnet diese politisch nur begrenzt kontrollierten Organisationen weiten zurzeit ihre Macht aus.

Kraftmeierei des Kremls: Als wahrscheinlichste These gilt aber: Es ging gar nicht um den vergifteten Skripal. Es ging Moskau darum, ein Signal zu senden. Wir tun etwas, weil wir es uns erlauben können. Ihr bedrängt uns: mit der Nato-Osterweiterung, mit Dauerkritik, mit Sanktionen – wir reagieren, wo immer wir können. In Syrien, mit Cyberangriffen, mit der Einmischung in Wahlen in den USA, mit Verletzungen des Nato-Luftraums – und eben auch im Spionagegeschäft. Die Vergiftung wäre also Teil einer Strategie. Genau deshalb, so die These, wurde ausgerechnet eine C-Waffe verwendet, deren Spuren klar auf Russland deuten.

Putin-Bild hinter einer Russland-Flagge
Legende: Ein Anschlag mit Signalwirkung: Der Täter soll erkennbar sein. Wir wären also mitten in einem neuen Kalten Krieg – den zwar offiziell niemand so nennen mag -, jedoch mit den alten Reflexen und den alten Praktiken. Reuters

Lauwarme Unterstützung für London: Die Regierung in London droht nun Russland mit Strafen. Bloss mit welchen? Und zögen Verbündete mit? Die Nato, die EU, die USA, gar die Uno? Vorläufig bleibt die Unterstützung für London lauwarm. In der EU, aus der die Briten ohnehin austreten wollen, gibt es inzwischen mehr Stimmen für eine Lockerung der Russland-Sanktionen als für eine Verschärfung. Die Nato übt verbal Kritik an Russland, mehr zurzeit nicht. Die Uno, die schon in Syrien gelähmt ist durch das russische Veto, wird auch im Fall Skripal untätig bleiben.

Misstrauen statt Aufklärung: In den USA räumt Präsident Donald Trump, der in der Russlandpolitik einen Zickzackkurs fährt, lediglich ein, die Russen «könnten» hinter der Giftattacke stecken. Eine Solidaritätsadresse klingt anders. Premierministerin May ist also recht einsam. Vermutlich dringt deshalb auch in diese Spionageaffäre noch lange kein Licht. Möglicherweise gar nie. Und selbst falls die Wahrheit zutage tritt, wird nicht viel oder nichts passieren. Ausser, dass das Misstrauen zwischen den grossen Mächten weiter wächst.

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49 Kommentare

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  • Kommentar von Georg Benad (kreanga)
    Intressant ist doch meiner Meinung nach warum die Briten den Russen kein Zugang zu den Ermittlungsergebnissen geben,das erinnert mich an Tony Blair als er von sicheren Erkenntnissen sprach das der Irak Chemiewaffen besitzt.Das zu den sogenannten "sicheren" Erkenntnissen...
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  • Kommentar von Kari Raeschter (K. Raeschter)
    Grossbritannien geht wahrscheinlich einen richtigen Weg, indem es den russischen Oligarchen entweder die Narren-Freiheit entzieht, so dass ihr Geld nichts mehr nützt oder dann zurück nach Russland schickt. Ohne diese Oligarchen im Westen wird Putin's Macht sehr beschränkt werden, da er weniger "Narren-freie Ohren" hat im Westen.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Aber diese Oligarchen sind ja auch gut für die Wirtschaft in GB. Für die teueren Labels auf den Flaniermeilen in London sind sie gute Kunden. Durch den Brexit schon viele Banken GB verlassen haben, könnten ihnen dann diese Unternehmen folgen. Aber fast könnte man glauben, dass es der Preis ist, den GB zahlen muss, damit sie trotz Brexit im Binnenmarkt der EU bleiben dürfen. T. May hat sich da schon ziemlich rasch betr. Anschuldigungen gegenüber RU sehr weit aus dem Fenster gelehnt.
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  • Kommentar von Matthias Lemblé (mlemble)
    Ein böser Spiel das hier läuft! Auf ARTE lief diesen Dienstag die Dokumentation Propaganda 3.0 - Putin und der Westen. Ja, das ist nur eine Seite und die Amis sind garantiert nicht besser aber am Schluss sagt eine ehemalige russische Kriegsgeschädigte in die Kamera „ sagt allen wir wollen keinen Krieg mehr!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
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