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International Giorgio Napolitano: Ein Staatschef mit Nachkriegsgeschichte

In den nächsten zwei Tagen besucht der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano die Schweiz. Erst wird er in Bern mit militärischen Ehren empfangen, am Mittwoch reist er weiter ins Tessin. Wer ist der 89-Jährige, auf den Italien nicht verzichten kann? Ein Porträt.

Bei aller Kritik an Giorgio Napolitano, er gehört zweifellos zu den beliebtesten lebenden Politikern in Italien. Das ist einiges, in Anbetracht der grassierenden Politikverdrossenheit. Zu seiner Beliebtheit beigetragen haben auch die Tränen, die er hin und wieder öffentlich vergiesst, besonders wenn er von der Einheit Italiens spricht.

In der persönlichen Geschichte von Giorgio Napolitano spiegelt sich auch ein Teil italienische Nachkriegsgeschichte. Das hat mit seinem Alter zu tun – im Juli wird er 89 – aber auch mit seinem politischen Werdegang. Als Student war er während des Krieges aktiv im antifaschistischen Untergrund, der im Gegensatz zu Frankreich praktisch zu hundert Prozent nur von der Linken getragen wurde.

Nach dem Krieg trat Napolitano der kommunistischen Partei KPI an, distanzierte sich aber schon früh von der Sowjetunion. Den Einmarsch in Ungarn 1959 verteidigte er zwar noch, doch schon 1968, bei der Niederschlagung des Aufstandes in der Tschechoslowakei gehörte Napolitano zu den ersten, die den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen verurteilte.

Moderater Kommunist und Patriot

Napolitano war moderater Kommunist, aber noch viel mehr Patriot: 1961 sagte er in einer Fernsehdiskussion: «Unser Internationalismus bedeutet Solidarität mit den unterdrückten Völkern, dieser Internationalismus basiert aber auf dem Einsatz und der Liebe zur eigenen Heimat. Wir Kommunisten habe das gezeigt: 42'000 meiner Genossen starben im Widerstand gegen die Faschisten in diesem Land.»

Als sich in den 70er-Jahren abzeichnete, dass die kommunistische Partei die alte Democrazia Cristiana bei den Wahlen überholen könnte, mindestens aber ein nicht mehr zu umgehender Machtfaktor werden würde, gehörte Napolitano zu jener Fraktion innerhalb der KPI, die einen «historischen Kompromiss» mit der Democrazia Cristiana wollte. Er wollte so verhindern, dass der seit dem 2. Weltkrieg schwärende Konflikt zwischen Links und Rechts noch mehr aufbrach.

Für eine Transformation der Partei

Napolitano sprach sich auch stets für eine Annäherung an die USA aus, ungewöhnlich für einen Kommunisten. Er verteidigte gar die Invasion der USA in Irak 1991. Und als die KPI nach dem Fall der Mauer in eine tiefe Identitätskrise fiel, gehörte Napolitano zu jenen, welche eine Transformation der Partei in eine moderne sozialdemokratische Partei unterstützte. Napolitano gehörte zeitlebens zu den Miglioristi, also jenem kommunistischen Flügel, der auf eine Reform des Landes setzte und nicht auf eine Revolution.

Sein bescheidenes, aber beharrliches Auftreten, seine gewählte Sprache – beides Kennzeichen vieler gebildeter Neapolitaner, taten ihr Übriges, um ihn auf politischem Parkett vorwärts zu bringen: Parlamentspräsident, Innenminister, Senator auf Lebenszeit, 2006 Staatspräsident, der Erste mit kommunistischer Vergangenheit. Und letztes Jahr liess er sich – widerwillig – im Amt bestätigen, da das Parlament unfähig war, einen andern Kandidaten zu wählen.

Napolitano zog die Fäden

Als 2011 die Eurokrise voll ausbrach und Silvio Berlusconi vor der Weltöffentlichkeit seine absolute Unfähigkeit demonstrierte, schlüpfte Napolitano aus seiner Rolle als primus inter pares. Er dürfte nicht zu knapp hinter den Kulissen agiert haben, um den Stümper Berlusconi aus dem Amt zu drängen.

Um in diesem Augenblick grösster internationaler Krise Neuwahlen zu verhindern, zwang er Links und Rechts zu einer Art Einheitsregierung mit dem Unabhängigen Mario Monti als Ministerpräsident. Und auch danach legte er sich jedes Mal quer, wenn die Parteien wieder mit dem Gedanken an vorgezogene Neuwahlen spielten. Neuwahlen, so sein Credo, brächten keine neuen Mehrheitsverhältnisse. Er hatte damit wohl Recht.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Doch dieses ungewöhnlich starke Eingreifen eines Staatspräsidenten in die Tagespolitik brachte ihm auch schon den Titel König Napolitano ein. Sein wundester Punkt ist freilich, dass er auch heute, über 20 Jahre nach der Bombenserie der Mafia in den 90er-Jahren zu den damaligen Vorgängen schweigt.

Die sizilianische Cosa Nostra versuchte damals mit blutigen Bombenanschlägen ihre Bosse aus den Hochsicherheitsgefängnissen herauszubomben. Um diesen blutigen Anschlägen ein Ende zu setzen, soll der Staat mit der Mafia Verhandlungen aufgenommen haben. Napolitano war damals Parlamentspräsident, also die Nummer Drei im Staat und später Innenminister. Es ist kaum vorstellbar, dass er nichts von allfälligen Verhandlungen wusste. Aber er schweigt.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Elsbeth Blatter, Bern
    Sehr geehrter Herr Funk Was Sie sagen, nenne ich billiges Stammtischgeschwätz! Die Schweiz konnte jahrelang auf Kosten von Italien viel Geld verdienen (zum Beispiel mit billigen, gut ausgebildeten Arbeitern, illegalen Geldern, die vom Bankkundengeheimnis gedeckt wurden und natürlich vom Exporthandel). Daher können wir Italien auch einen winzigen Bruchteil davon wieder zurückgeben, ohne gleich neidisch zu werden. Gruss Elsbeth Blatter
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  • Kommentar von Manuel Sender, Basel
    @Tobias Funk. Es liegt nur noch im Interesse der CH und sie soll alles bis Mailand zahlen. Italien ist an den Bahnen hier gar nicht mehr interessiert (siehe Geschichte der Frecciarossa). Die Neat ist ein Fiasko gewollt von der CH. Die anderen wollen aber schnelle und grosse Autobahnen und wenn Züge dann solche mit Ziel 360km/h und sicher nicht Schnecken die kaum 250 km/h fahren. Alle haben es doch schon gemerkt mit der falschen Investition der Neat nur ein paar idealistische Schweizer nicht.
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  • Kommentar von Tobias Funk, Winterthur
    Und, lieber Bundesrat, was sagen sie dem italienischen Staats-Chef? Wie wärs damit: "Bauen und finanzieren sie ihre Bahnlinie bis zur Grenze selber! Schluss mit Almosen."
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