Globale Bestürzung – USA sagen gemeinsame Militärtrainings ab

Nach der blutigen Niederschlagung der Demonstrantencamps in Ägypten haben mehrere Staaten die Botschafter einbestellt, auch die Schweiz. US-Präsident Barack Obama verurteilt die Gewalt in Ägypten ebenfalls mit deutlichen Worten – und Taten.

Video «Obama meldet sich erstmals zu Ägypten» abspielen

Obama meldet sich erstmals zu Ägypten

0:35 min, aus Tagesschau vom 15.8.2013

Nach der Eskalation in Ägypten hat US-Präsident Barack Obama die Anwendung von Gewalt mit klaren Worten verurteilt. Ägypten sei auf einem «gefährlichen Weg», warnte Obama von seinem Ferienort aus.

Der US-Präsident stellte klar, dass sein Land angesichts der Vorkommnisse ihre Beziehung mit Ägypten nicht wie gewohnt weiterführen könne. Als erste Massnahme sagte er eine traditionelle gemeinsame Trainingseinheit beider Streitkräfte ab. Zudem habe er den Nationalen Sicherheitsrat aufgefordert, zu ermitteln, ob weitere Konsequenzen notwendig seien.

Beunruhigung rund um den Globus

Weltweit reagieren die Regierungen mit Wut, Besorgnis und Verurteilung. Mehrere Staaten haben die ägyptischen Botschafter einbestellt.

Das Schweizer Aussendepartement EDA hat den ägyptischen Botschafter in Bern ins Bundeshaus geladen. Man sei zutiefst besorgt über die Gewalteskalation in Ägypten, so das EDA in einer Stellungnahme.

In Deutschland wurde der ägyptische Botschafter ins Auswärtige Amt in Berlin einbestellt. Damit wolle man der ägyptischen Regierung noch einmal sehr deutlich machen, dass das Blutvergiessen ein Ende haben müsse. Deutschland rät generell von Reisen nach Ägypten dringend ab, ausgenommen sind die Badeorte am Roten Meer.

Momentan sind 60'000 Russen in Ägypten in den den Ferien, so der Kreml. Russland warnt seine Bürger vor Grossstädten und Menschenansammlungen.

Erdogan verbündet sich mit Demonstranten

In Frankreich hatte Präsident François Hollande persönlich den ägyptischen Botschafter zu sich bestellt. Es ist ungewöhnlich, dass der Präsident persönlich und nicht sein Aussenminister diesen Schritt vollzieht. Hollande verurteilte die Gewalt «in stärkster Form».

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte eine Sitzung des Weltsicherheitsrates. Den ägyptischen Sicherheitskräften warf er erneut vor, beim gewaltsamen Vorgehen gegen Protestlager der Muslimbrüder in Kairo Massaker begangen zu haben.

«Wenn der Westen nun keine entschiedenen Schritte unternimmt, wird die Demokratie weltweit in Frage gestellt», so der islamisch-konservative Politiker. Wer schweige und gleichgültig bleibe, mache sich mitschuldig.

Unterstützung gibt es auch

Dänemark hat Hilfsgelder an Ägypten vorerst eingefroren. Norwegen exportiert momentan keine Waffen mehr an den Nil. Der Papst betete für «Frieden, Dialog und Lösungen für das Land».

Ägyptens Armee bekommt aber auch Unterstützung und Verständnis. Bahrain bezeichnete das Einschreiten als «notwendig, um die Ordnung wieder herzustellen». Die Vereinigten Arabischen Emirate sprachen davon, dass erst die Haltung der Islamisten die Situation hätte eskalieren lassen. Die Emirate sind Hauptgeldgeber der Finanzhilfe an Ägypten.

«Massaker»

Die deutsche Fluggesellschaft Air-Berlin liess verlauten, die Flüge nach Ägypten seien reduziert worden. Allerdings sei der Entscheid schon vor der aktuellen Gewalteskalation getroffen worden. Der Reiseveranstalter Tui berichtet von einem deutlichen Rückgang der Anfragen für Ägypten.

Die internationalen Medien zeigen sich geschockt vom Ausmass der Gewalt. Die britische «Times» spricht von einem «Massaker» und «Mord in Kairo». Der niederländische «Telegraaf» unterstellt der Armee mangelnde Geduld mit den Demonstranten.

Ölpreis steigt

Spekulationen auf Lieferengpässe haben den Ölpreis steigen lassen. Brent-Öl verteuerte sich um 0,3 Prozent auf 110,58 Dollar je Barrel. Anleger fürchten um den sicheren Öltransport durch den Suez-Kanal. Zudem könnten die Unruhen auf andere Länder übergreifen.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Zahl der Toten in Ägypten steigt weiter

    Aus Tagesschau vom 15.8.2013

    Bei der gewaltsamen Räumung der Protestlager der Muslimbrüder in Kairo und den anschliessenden Unruhen im ganzen Land sind nach neusten Angaben der Übergangsregierung mindestens 464 Menschen getötet worden.

  • Reaktionen auf die Unruhen in Ägypten

    Aus Tagesschau vom 15.8.2013

    Der französische Präsident François Hollande beispielsweise hat den ägyptischen Botschafter zu sich persönlich bestellt. Eine ungewöhnliche Geste.