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International Gnadenstoss für Venezuelas Wirtschaft

Venezuela lockert erstmals seit elf Jahren sein strenges Devisenregime. Die Folge: Die gebeutelte Landeswährung, der Bolivar, hat nochmals drastisch an Wert verloren – das Land steht wirtschaftlich am Abgrund.

Maduro mit Hut in rotem Hemd winkt der Menge zu.
Legende: Präsident Nicolás Maduro müsste endlich seine Scheuklappen ablegen, wenn Venezuela noch zu retten sein soll. Keystone

«Kurz vor dem Tagesanbruch ist die Nacht am dunkelsten», besagt ein lateinamerikanisches Sprichwort. Sinngemäss auf sein aufgewühltes Land angewendet, kommt der oppositionelle Soziologe und Gewaltforscher Roberto Briceno in Caracas zu einem klaren Urteil: «Präsident Maduro und seine Regierung liegen in den letzten Zügen.» Gleichzeitig sei dies der Anfang vom Ende des bolivarischen Revolutionsmodelles, also der Hinterlassenschaft des verstorbenen Hugo Chávez.

Preise werden sich verfünffachen

Die seit zwei Tagen geltende massive Abwertung der Landeswährung Bolivar ist so etwas wie der Gnadenstoss für eine Volkswirtschaft, in der Lebensnotwendiges kaum mehr aufzutreiben ist und die ausser Öl und Inflation so gut wie gar nichts mehr produziert. Der Wert des Bolivars ist aufgerieben; er kostet jetzt soviel wie bisher auf dem Devisen-Schwarzmarkt. Für jeden Dollar müssen nun fünfmal mehr Bolivares aufgewendet werden.

Die Abwertung verhilft dem hochdefizitären Staat zwar zu höheren Einnahmen, anderseits müssen die Sozialisten um Nicolás Maduro für die Lebensmittel- und anderen Importe fünfmal mehr aufwenden. Mit anderen Worten: Auch die Preise werden sich zumindest verfünffachen. Damit sind die Voraussetzungen für eine mehrere Tausend Prozent hohe Hyperinflation geschaffen, so wie sie zuletzt Argentinien in den 1980er Jahren erlebt hat.

Lage schreit nach einer Notstandsregierung

Dass man die Hälfte der lebensnotwendigen Güter wie Mehl oder Zucker nicht mehr erhalte, sorge wohl für breite Unzufriedenheit, aber verglichen mit dem Gesamtzustand Venezuelas sei das trotz allem noch das geringere Übel, sagt der Soziologe Briceno.

Tatsächlich hat der wirtschaftliche Zerfall Venezuelas ein Ausmass erreicht, das nach einer Notstandsregierung ruft. Zu begrenzen wäre der Schaden allenfalls dann noch, wenn Chávez-Nachfolger Maduro seine Scheuklappen abstreifen, die bürgerliche Opposition in sein Kabinett aufnehmen und den Spielraum für die Privatinitiative deutlich erweitern würde. Aber das steht nicht im Drehbuch der Chavisten.

Importe könnten bald versiegen

Maduro steht ausserdem unter Druck von internen Rivalen, mit denen er täglich neue Pakte schliessen muss. Ein Ergebnis davon ist die wirtschaftspolitische Improvisation. In den befreundeten Ländern Argentinien und Brasilien erhält Maduro vorderhand noch Lebensmittel gegen venezolanische Schuldscheine. Spätestens wenn diese Regierungen ihre Exportwirtschaften wegen des Wertzerfalls venezolanischer Schuldscheine aus eigenen Mitteln entschädigen müssen, ist aber auch damit Schluss. Bereits murren auch die brasilianischen Unternehmer, denen Venezuela mehrere Milliarden Dollar schuldet.

Brutale Repression gegen Protestierende

Ein anderes Ergebnis des Drucks, unter dem Maduro und das chavistische Revolutionsmodell stehen, ist der massive Rückbau von dem bisschen Rechtsstaatlichkeit, die in Venezuela übriggeblieben ist.

Konkrete Beispiele gibt es viele. Die Maduro-Regierung kriminalisiert die von den Studenten angeführten Proteste für einen Kurswechsel in Politik und Wirtschaft. Die Repression ist brutal, aber auch irregulär. Regierungstreue Banden gehen mit Waffen und bei völliger Straflosigkeit gegen Demonstrierende vor. Fast 40 Menschenleben innert sechs Wochen sind zu beklagen, die meisten Opfer starben an Kopfschüssen.

Dieselben noch von Chávez bewaffneten Colectivos sorgen aber auch in den Reihen des chavistischen Fussvolks für Panik und Schrecken. Unter den sozial Schwächeren ist die Unzufriedenheit nicht geringer als in der Mittelschicht. Nur äussert sie sich nicht. Denn in den Arbeitervierteln ersticken die paramilitärischen Banden sofort jeden Protest im Keim.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Marianne Roe, Gwatt
    Nicht nur Maduro hat Scheuklappen, die wären vielleicht noch mit Erfolg zu entfernen, aber fast das ganze Volk (vor allem die Armen) hat die Scheuklappen auf. Sie können nicht sehen, dass wenn man ihnen alles gibt oder wenigstens schon mal verspricht, das eben nicht ein gutes Zeichen ist. Erzählen Sie dies einmal einem armen Menschen, der glaubt das nie! Viele Menschen können nur kurzfristig denken. An Besserung auf lange Sicht glauben sie nicht, man hat es ihnen auch nicht beigebracht..
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  • Kommentar von kari huber, surin
    Bullshit! Der Ursprung des Sprichwortes ist der Dichter und Kleriker Thomas Fulle, der in der ersten Häfte des 17. Jahrhunderts lebte. Zitat: "Thus, as it is always darkest just before the day dawneth, so God useth to visit His servants with greatest afflictions when he intendeth their speedy advancement. " Wo ist hier Südamerika vertreten? Da waren dort nur Wilde! Wie auch heute?
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