Grexit – Chance oder Risiko für Europa?

Noch sind die Chancen für eine Einigung zwischen der Europäischen Union und Griechenland intakt. Dennoch bleibt ein Austritt Griechenlands aus dem Euro ein wahrscheinliches Szenario. Doch was würde bei einem Grexit genau passieren? Zwei Europa-Experten äussern sich zu den möglichen Folgen.

Symbolbild

Bildlegende: Ein Grexit birgt viele Risiken, vielleicht aber auch Chancen für die Währungsunion. Imago

Kurz vor dem Sondergipfel laufen die Drähte heiss zwischen Athen und Brüssel. Die Telefondiplomatie ist im vollen Gange. Dennoch ist die Möglichkeit eines Grexit nicht aus der Welt geschafft.

Doch was würde der Austritt Griechenlands aus der Eurozone für die Europäische Union bedeuten? Wäre es eine Katastrophe mit unabsehbaren Folgen? Oder ist ein Grexit vielleicht gar notwendig, um die Zukunft des Euro zu sichern? SRF hat bei den Europa-Experten Thomas Cottier und Dieter Freiburghaus nachgefragt.

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Cottier: «Ein Projekt, aus dem es kein Zurück gibt.»

0:33 min, vom 21.6.2015

Wie wahrscheinlich ist ein Grexit?

Der Berner Europarechts-Professor Thomas Cottier rechnet nicht mit einem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro: «Ich glaube nicht, dass ein Grexit unmittelbar bevorsteht.» Eine Prognose sei natürlich schwierig, aber seiner Einschätzung zufolge werde eine Lösung gefunden. «Griechenland wird in der Währungsunion bleiben», ist Cottier überzeugt.

Der emeritierte Professor für Politologie Dieter Freiburghaus hingegen denkt nicht, dass Griechenland in der Währungsunion verbleiben wird: «Ein Grexit ist unumgänglich, ganz unabhängig davon, welche Chancen es Europa bietet.»

Welche Bedeutung hat die Krise für die Währungsunion?

Für Cottier gehören die Schwierigkeiten mit Griechenland zum Prozess, eine Währungsunion zu schaffen: «Der Euro ist ein sehr langfristiges Projekt. Es war immer mit Schwierigkeiten zu rechnen.» In der Schweiz habe es nach der Einführung des Frankens 110 Jahre gedauert, bis man eine funktionierende Fiskalunion gehabt habe, so Cottier.

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Freiburghaus: «Der Binnenmarkt ist immer noch das Kernstück.»

0:23 min, vom 21.6.2015

Für Freiburghaus ist der drohende Austritt Griechenlands aus dem Euro «nur die Bestätigung dafür, dass das Euro-System massive Fehler hat, die man korrigieren muss». Der Euro mache aber nicht die Europäische Union aus: «Der Binnenmarkt ist immer noch das Kernstück der EU. Ich sehe kein einziges Land inklusive England, das wirklich diesen Binnenmarkt verlassen will.»

Welche Konsequenzen hätte ein Grexit?

Man müsste bei einem Austritt Griechenlands aus dem Euro mit einem Run auf die Banken und mit sozialen Unruhen rechnen. «Die EU würde ihre Solidaritätspflichten, die sie gegenüber Griechenland hat, unter einem anderen Titel wahrnehmen müssen.» Dabei könnten die Kosten für die Währungsunion sogar höher ausfallen als bei einer Einigung, so Cottier.

Auch Freiburghaus rechnet bei einem Grexit kurzfristig mit Turbulenzen: «Da alles miteinander verhängt ist, können wir aber nicht abschätzen, wie diese aussehen würden.» Längerfristig wäre der Austritt Griechenlands aus der Eurozone aber vermutlich die einzige Chance, das Währungssystem zu stabilisieren.

Wäre ein Grexit eine Chance für den Euro?

Für Thomas Cottier hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro vor allem negative Aspekte: «Die Währungsunion ist ein langfristiges Projekt. Ohne sehr hohe Kosten könnte die EU nicht wieder Abstand davon nehmen. Seiner Einschätzung zufolge würde ein Grexit die ganze Union in Mitleidenschaft ziehen. «Es geht auch darum, geopolitisch die richtigen Signale zu senden, so dass sich Länder wie Griechenland nicht von Europa abwenden», so Cottier.

Dieter Freiburghaus hingegen ist überzeugt, dass ein Grexit eine stark disziplinierende Wirkung haben würde: «Zum ersten Mal könnte man sagen ‹Wir haben es jetzt erlebt. Diese Kriterien müssen eingehalten werden›. Das wäre eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung, damit der Euro langfristig eine gute Währung ist.»

Interviews: Marcel Anderwert

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • "Grexit ist kein vordringliches Thema auf der Tagungsliste"

    Aus Echo der Zeit vom 21.6.2015

    Am Montag verhandeln die Finanzminister sowie die Staats- und Regierungschefs der Euro-Gruppe nochmals über die drohende Pleite Griechenlands.

    Jens Bastian, früher Mitglied der EU-Taskforce in Griechenland, sieht das Hauptproblem in der Stabilität des Finanzsektors und dem Vermeiden der staatlichen Insolvenz. Eine vorübergehende Kapitalverkehrskontrolle könnte Griechenland helfen.

    Roman Fillinger