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International Griechen haben kein Geld für Kinder – Geburtenrate im freien Fall

Das harte Spardiktat in Griechenland vermiest vielen Paaren den Kinderwunsch. Die Geburtenrate sank über die letzten Jahre um fast 15 Prozent. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Legende:
Prozentuale Veränderung der Geburtenraten seit 2008 (* keine Zahl verfügbar für 2012) institute of child health, bfs, eurostat

«Die Troika frisst unsere Kinder!» Mit dieser Schlagzeile sorgte kürzlich die griechische Tageszeitung «Eleftherotypia» für Aufsehen.

Dahinter steckt nichts weniger als ein dramatischer Rückgang der Geburtenrate in Griechenland seit Beginn der Wirtschaftskrise. So kamen 2012 fast 15 Prozent weniger Kinder zur Welt als noch 2008. Die Zahl der Neugeborenen sank innert vier Jahren von 118‘302 auf 100‘980.

Zwei Kinder schwenken hinter einer Absperrung griechische Fahnen.
Legende: Wer Kinder hat, hat Geld und kann deshalb auch mehr Steuern zahlen. Das ist die Logik der Regierung. Reuters

«Der Rückgang ist eine natürliche Konsequenz der drastischen Sparmassnahmen und den Rekordwerten bei der Arbeitslosigkeit – insbesondere bei der jüngeren Generation.» Das sagt Christina Papanikolaou, Generalsekretärin des griechischen Gesundheitsministeriums, im britischen «Guardian».

Nachwuchs als Luxusgut

Damit lässt die Regierung in Athen keine Zweifel: Schuld am Rückgang ist der harte Sparkurs, diktiert und überwacht von der Troika. Sie besteht aus Vertretern der EU, der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF).

Die Folgen: Jeder vierte Grieche ist ohne Job – bei 15- bis 24-Jährigen sind fast 60 Prozent arbeitslos. 2,2 der 11 Millionen Griechen leben in Armut. Als arm gilt, wer mit einem Monatsgehalt von 550 Euro oder weniger auskommen muss.

Im Vergleich dazu stehen die Farakos gut da. SRF-Korrespondentin Rodothea Seralidou hat das Ehepaar in Athen besucht. Beide haben Arbeit, und zusammen verdienen sie 1500 Euro. Doch am Monatsende werde es oft knapp, sagt Antigoni Farakos.

Athen behandle Kinder wie ein Luxusgut: Der Staat geht davon aus: Wer Kinder hat, verdient auch mehr – sonst könnte man sich diesen Luxus ja nicht leisten. Die Steuerlast sei deshalb für Familien mit Kindern höher als für kinderlose Paare. Finanzhilfen an Eltern seien gekürzt oder gestrichen worden. Junge Mütter würden oft als erste entlassen. «All das beeinflusst uns in unserer Entscheidung, ein Kind zu bekommen», sagt Farakos.

1,1 Kinder pro Griechin

Bleibt die Geburtenrate weiterhin tief, droht der Gesellschaft langfristig eine Überalterung. Dass viele junge Griechen auswandern, macht die Situation nicht besser.

Zwar sind sinkende Geburtenraten während Rezessionen kein neues Phänomen. Auch in Europa kamen zwischen 2008 und 2011 rund 3,5 Prozent weniger Kinder zur Welt. In den Jahren zuvor war die Geburtenrate leicht angestiegen.

Doch der dramatische Abfall in Griechenland sticht hervor. «Die Geburtenrate wiederspiegelt den Rückgang des Bruttoinlandproduktes von 25 Prozent seit dem Start der Krise», ist Christina Papanikolaou vom Gesundheitsministerium überzeugt. Derzeit gebärt eine Griechin im Schnitt 1,1 Kinder. In der Schweiz kommen auf eine Frau 1,53. Der europäische Durchschnitt beträgt 1,57 Kinder.

Ein Fünftel mehr Totgeburten

Auch Gesundheitsminister Adonis Georgiadis sieht den Grund für den landesweiten Babyschwund in der Wirtschaftskrise. Und er nennt noch eine weitere besorgniserregende Zahl: Auch die Totgeburten haben stark zugenommen – um über 20 Prozent.

Den Grund dafür orten Fachleute ebenfalls im Spardiktat. Der Kahlschlag im Gesundheitswesen – der Budgetposten wurde seit 2009 mehr als ein Viertel reduziert – traf auch die Schwangerschaftsvorsorge: Sämtliche Tests an Schwangeren, die nach 1999 eingeführt wurden, sind aus der kostenlosen Gesundheitsvorsorge wieder herausgestrichen worden. Wer länger als ein Jahr arbeitslos bleibt, verliert den Zugang zu dieser Gesundheitsvorsorge.

Eine Frau steht mit ihrem Baby vor den Schutzschildern der Polizei
Legende: Auch sie sind von den Sparmassnahmen betroffen: Eine Migrantin demonstriert in Athen. Keystone/archiv

Flucht aus dem Spital

Im September konfrontierte ein Parlamentarier den Gesundheitsminister mit der Befürchtung, dass arbeitslose Schwangere mangels ausreichender Vorsorge ihre Kinder verlieren. Adonis Georgiadis will nun dafür sorgen, dass künftig auch nicht-versicherte und finanziell schwächere Frauen Zugang zu den Tests erhalten.

Auch die Entbindung stellt für manche Frau eine unüberwindbare finanzielle Hürde dar. Sie schlägt mit 600 Euro zu Buche, ein Kaiserschnitt gar mit 1200 Euro. Spitalangestellte berichten von Frauen, die mitten in der Nacht mit ihren Babys aus dem Spital fliehen, um die Gebühr zu umgehen. Viele von ihnen gehören zu den Ärmsten im Land: Nicht-versicherte Migrantinnen.

10 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Den letzten Abschnitte halte ich für am bedenklichsten. Ich halte es für eine Schande, dass eine einfache Geburt nicht kostenlos ist. Wie teuer ist eine Geburt via Hebamme in Griechenland? Ebenfalls bedenklich ist, dass falls in 25 Jahren eine Konjuktur einsetzt, die jungen Arbeitskräfte einfach fehlen.
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    1. Antwort von A.Käser, Zürich
      @H.Knecht/Mensch als kalkulierbares Rendite- Objekt?Ohne Menschen keine Konjuktur.Keine Solchen die davon auf Kosten anderer abzocken und hinterhältig profitieren.KeineVerteilungskriege,keine Ausbeutung/Prositution/Kinderkrieger kein ÜberlebensKampf,kein Elend,keine gezielte Kultivierung von Lieblosigkeit,keine religiöse Angstmacherei,etc.etc.Keine Menschen mehr zeugen,ist die Inversion des Krieges.Er wird obsolet,da es nichts mehr zu erobern,auszubeuten,zu unterdrücken gibt.Versuch zu Frieden.
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  • Kommentar von Ernst Jacob, Moeriken
    Eine gute Nachricht, zumindest für die EU, in ein paar Jahrzehnten werden sie auch kein Geld mehr nach Griechenland senden müssen, da es bis dann keine Griechen mehr geben wird. Zudem, eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, auch wenn unterschwellig im Beitrag fast schon Mitleid zum Vorschein kommt, auch das Argument der nichtversicherten Migrantinnen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Griechenland sich selber in die Misere gewirtschaftet hat, es liegt nicht an Europa, sie zu sanieren.
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    1. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      Es liegt auch nicht an den Griechen, die europäischen Banken zu retten, welche sich verspekuliert haben! Denn genau dies geschieht: Konkursverschleppung zur Rettung der Geldgeberbanken mit Steuergeldern aus Europa. Das Geld der Steuerzahler aus der EU fliesst letztlich zu den Banken in D, F, GB usw. Auf dem Buckel der Menschen, denen man die Möglichkeit eines Neuanfang raubt, wird ein sehr übles Spiel gespielt. Und dabei aufkommende Feindseligkeit zwischen den Nationen in Kauf genommen.
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    2. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Ernst Jacob, "Professionelle Hilfe ist Hilfe zur Selbsthilfe", IKRK. Und jemandem Geld geben durch das er dann via Zinszahlungen in einer finanzielle Abwärtsspirale fällt ist meines Erachtens keine Hilfe, sondern eine Mittäterschaft.
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  • Kommentar von A.Käser, Zürich
    Ein grosses Bravo an die "vernünftigen" Griechen.Wünsche sämtlichen Ländern dieser Erde,in denen sich das Leben nicht mehr"rentiert"die gleiche Intelligenz,den gleichen Weitblick,das gleiche Veranrwortungsbewusstsein und den gleichen Willen zur Vernunft(Verhütung,Abtreibung).Endlich ein Lichtblick,dass sich"was tut".Damit die Gesellschaft nicht überaltert,könnte man allen Sterbewilligen über 50 Jahre,gratis Medikamente für einen selbst gewählten und durchgeführten Suizid zur Verfügung stellen.
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      A.Käser, bitte versuchen sie es mal mit ein bisschen Nächstenliebe und damit auch Liebe zur Spezies Mensch. Des weiteren bedenke man, dass Menschen mit einem unerfüllten Kinderwunsch mit ca. 40 Jahren oftmals einen Frust entwickeln. Und gegen wen oder was wird sich dieser dann wohl richten?
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    2. Antwort von A.Käser, Zürich
      @H.Knecht/Woher beziehen Sie die Begründung für Ihre Aussage?Würde bedeuten,dass der Mensch konstant die gleichen Wünsche aufrecht erhält.Dem ist nicht so.Im direkten Umfeld habe ich die unterschiedlichsten Konstellationen beobachtet.Jüngere Menschen,die motiviert und unmotiviert Eltern wurden und mit dieser Aufgabe sowohl als auch,hoffnungslos überfordert waren.Wie auch solche,die gewollt und ungewollt Kinderlos geblieben sind und ein abwechslungsreiches,sorgloses,interessantes Leben führten.
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    3. Antwort von A.Käser, Zürich
      @H.Knecht/Punkto Nächstenliebe besteht ein Missverständnis.Eben weil mir das Wohlergehen der Menschen am Herzen liegt,schockiert es mich zutiefst wenn ich sehe,was sie mit Ihren Existenzen bewerkstelligen.Zu viele Menschen leben in ständiger Angst und müssen unter grosser Lieblosigkeit leiden.Oftmals werden die Zusammenhänge die dazu führen,verkannt.Mehr Klarheit und Wahrheit könnte mehr Liebe und Glück bewirken.Wir können nur im Kollektiv wirklich glücklich sein.Alles ist eins.
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    4. Antwort von A.Käser, Zürich
      Auf der Basis von Ignoranz(Gleichgültigkeit)Menschenverachtung und Lüge(Falschheit)Ausbeutung,kann keine Nächstenliebe entstehen.
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