Grönland will weg von Dänemark

Die Grönländer wählen heute ihr Parlament. Noch nie war das Interesse an Wahlen so gross. Denn es steht viel auf dem Spiel.

Die kleine grönländische Stadt Ilulissat.

Bildlegende: Eines Tages wird die Eisinsel Grönland wohl tatsächlich zu Grünland. Im Bild: Die kleine Stadt Ilulissat. Keystone

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts gehört die riesige Eisinsel Grönland zu einem kleinen europäischen Königreich: Dänemark. Grönland, Grünland, so nennen die Dänen die Polarinsel. Die Einwohner haben einen andern Namen – «Land der Kalaallit».

Kalaallit – das ist das grösste Inuit-Volk Grönlands. Fast 90 Prozent der Grönländer sind Inuit. Der Rest der Bevölkerung hat europäischen Ursprung.

Eigene Identität stärken

Heute wählen die Grönländer ein neues Parlament. Sie haben zwei grosse Anliegen: Sie wollen ihr Selbstvertrauen stärken, und sie wollen mehr Wohlstand.

Grönland verwaltet sich seit vier Jahren weitgehend selbstständig. Doch Aussen- und Verteidigungspolitik werden noch immer von Dänemark geregelt.

Und noch immer hängt Grönland finanziell am Tropf des Mutterlands. Rund 40 Prozent der grönländischen Staatseinnahmen kommen von der Regierung aus Kopenhagen. Das nagt am Selbstvertrauen der Inuit.

Das andere grosse Thema ist die Armut. Die Wirtschaft schwächelt. Viele Grönländer verdienen ihr Geld im Tourismus. Zudem exportiert das Land Robben, Walrosse und Wale. Die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 10 Prozent, es herrscht Wohnungsnot, die Bildung ist schlecht.

Politiker riechen das grosse Geld

Die Politiker haben diese Nöte im Wahlkampf aufgegriffen, sie versprachen mehr Unabhängigkeit, mehr Reichtum. Doch woher soll der Reichtum kommen? Im Boden schlummern Öl, Gas und Zink. Auch von Erz, seltenen Erden und Uran ist die Rede. Das Klima wandelt sich, das Eis taut. Je dünner die Eisdecke, desto einfacher können die Schätze gehoben werden.

Auch von ausländischen Investoren redeten die Politiker. Sie redeten von China und anderen Ländern, die Interesse an den Bodenschätzen zeigen. Wie weit soll man ihnen entgegenkommen?

Die Wahlen weisen den Weg

Noch nie ist das Interesse an einem Urnengang so gross gewesen. Die Inuit wissen, dass die Wahlen über Grönlands Zukunft entscheiden.

«Bei der letzten Wahl konnten wir keine Schulaula füllen», schreibt eine heimische Journalistin in der Kopenhagener Zeitung «Politiken» über den Wahlkampf in Grönland. «Jetzt kommen zehnmal so viele Leute.»

Kopenhagen hat versprochen, die Grönländer eines Tages in die Freiheit zu entlassen. Voraussetzung: Sie stehen bis dahin finanziell auf eigenen Beinen. Der Planet Erde hätte dann einen neuen Staat. Es wäre der vierzehntgrösste von allen. Dem Selbstvertrauen der Inuit wäre dies sicher nicht abträglich.

Die Kontrahenten

Derzeit regiert eine linkssozialistische Partei Grönland mit seinen 57'000 Bürgern. Ihr Name: Inuit Ataqatigiit (IA). Die IA fordert die schnellstmögliche Autonomie Grönlands. Laut Umfragen steht sie in der Wählergunst vorn. Die sozialdemokratische Herausforderin Aloqa Hammond liegt knapp hinter der IA. Das Wahlergebnis wird am Mittwoch erwartet.