Trump zu Besuch in Polen Grosse Erwartungen an den US-Präsidenten

Warschau erhofft sich von der Visite Donald Trumps insbesondere ein Bekenntnis zur Beistandspflicht innerhalb der Nato.

Was ist die Vorgeschichte des Besuchs? Schon seit seiner Wahl im letzten November will Polen Donald Trump einladen. Lange zierte sich der US-Präsident, jetzt kommt er endlich. Der US-Präsident habe begriffen, dass Polen ein wichtiges Land sei, freut sich der polnische Präsident Andrzej Duda öffentlich.

Wieso kommt Trump gerade jetzt? Vielleicht will er nur die Gelegenheit nutzen, die zwölf heute in Polen versammelten Staats- und Regierungschefs aus östlichen EU-Ländern aufs Mal zu treffen. Vielleicht will Trump aber auch beweisen, dass er in Europa noch Freunde hat – sein erster Besuch in Europa im Mai war ein diplomatisches Fiasko, in Erinnerung geblieben sind Streit und Rempeleien. Vielleicht sucht er bewusst die Nähe zu einer Regierung, deren Ansehen in Brüssel und in den Hauptstädten der westeuropäischen Länder ähnlich tief ist wie sein eigenes.

Was erhofft sich Warschau von der Visite? In Polen sind die Erwartungen hoch. Einerseits will man sich über Lieferungen von amerikanischem Gas unterhalten. Andererseits geht es natürlich um Sicherheit. Das heisst in Polen vor allem eines: Schutz vor Russland. Sehnsüchtig wartet das Land darauf, dass Trump sich ausdrücklich zur Nato-Beistandspflicht bekennt, also zum Prinzip, dass im Falle eines Angriffs auf ein Nato-Land alle Bündnispartner dem Angegriffenen zu Hilfe kommen. Trumps Rede in Warschau am Donnerstag wäre eine Gelegenheit für ein solches Bekenntnis

Sind die polnischen Erwartungen realistisch? Trump ist ein unberechenbarer Gast. Nur in einer Hinsicht ist er für die polnische Regierung angenehmer als sein Vorgänger Obama: Tadel für ihren saloppen Umgang mit demokratischen Grundprinzipien und dem Rechtsstaat muss sie von Trump kaum befürchten.

Urs Bruderer

Portrait von Urs Bruderer

Der Journalist wirkt seit 2006 für SRF, zunächst als Produzent der Sendung «Echo der Zeit». 2009 wurde er EU-Korrespondent in Brüssel. Seit 2014 berichtet Bruderer aus Osteuropa. Er hat Philosophie und Geschichte studiert.