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«Patriarchale Gesellschaftsstrukturen führen zu Vergewaltigungen»
Aus Rendez-vous vom 16.10.2020.
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Häufige Vergewaltigungen Toxische Männlichkeit in Indiens Gesellschaft

Täglich werden in Indien Dutzende Frauen vergewaltigt. Eine Kriminologin hat sich mit der Psyche der Täter beschäftigt.

22 Jahre jung war Madhumita Pandey, als sie 2013 für ihre Doktorarbeit zum ersten Mal im Tihar-Gefängnis in Neu-Delhi verurteilte Vergewaltiger interviewte. Sie ging mit dem Bild von Psychopathen im Kopf ins Gefängnis.

«Doch ich fand gewöhnliche Männer – Männer, welche die Gesellschaft hervorbrachte.» Pandey meint, was sie sagt. Etliche gesellschaftliche Normen in Indien verharmlosen Vergewaltigungen und deren Konsequenzen. So zeigten die meisten Männer, die sie befragte, kaum Reue.

Demonstrantin.
Legende: Der Aufschrei der Frauen verhallt viel zu oft: Immer wieder kommt es in Indien zu Vergewaltigungen. Keystone

Indien sei vielerorts eine stark patriarchale Gesellschaft, in der Frauen in praktisch allen Belangen selten oder nie gefragt werden: «Warum sollten sie es in diesem Falle?», fragt Pandey.

Alarmierende Zahlen

Vergewaltigungen sind in Indien sehr häufig. Laut offiziellen Zahlen wurden in Indien letztes Jahr über 32'000 Vergewaltigungen registriert. Das sind fast 90 täglich. Das ist viel, auch in einem Land mit einer Bevölkerung von über 1.3 Milliarden Menschen.

Letzten Monat wurde wieder eine Frau im indischen Gliedstaat Uttar Pradesh von mehreren Männern erst vergewaltigt, dann verstümmelt. Die Frau erlag zwei Wochen später im Spital ihren Verletzungen.

Für Pandey sind nicht diese Männer per se das Problem, sondern die Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind. Sie richtet den Fokus auf die vielen Probleme im Land: Armut und Arbeitslosigkeit, das schlechte öffentliche Bildungswesen, die Landflucht, das Kastenwesen.

Auch die Frau, die letzten Monat in Uttar Pradesh vergewaltigt wurde, stammte aus einer tiefen Kaste, die mutmasslichen Täter aus einer höheren: «Die allermeisten Frauen, die in Indien vergewaltigt werden, stammen aus tiefen Kasten», sagt Pandey.

Männer von einer höheren Kaste seien ihnen gegenüber doppelt privilegiert und nutzten diese Privilegien aus. Sie könnten das auch, da sich oft die Familien aus tieferen Kasten davor scheuen, Klage einzureichen. Wenn doch, dann nehme sie die Polizei nicht ernst. Wie im Fall der Frau aus Uttar Pradesh.

Man muss nicht erstaunt sein, dass Vergewaltigungen so regelmässig passieren.
Autor: Madhumita PandeyIndische Kriminologin

Das mache diese Frauen besonders gefährdet, sagt die Kriminologin, die heute in London unterrichtet: «Die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen führen oft zu Vergewaltigungen. Die Frauen sind die Hauptleidtragenden.»

Doch auch Männer litten darunter, sagt Pandey: In einer solchen Gesellschaft müssten sie ihre Männlichkeit unter Beweis stellen, um nicht als Weichling dazustehen. Das schaffe eine toxische Vorstellung von Männlichkeit, die Pandey oft bei ihren Interview-Partnern feststellte. Viele der Täter sahen sich durch ihr Opfer, ihre Familie oder Freunde gedemütigt.

Alltägliche Übergriffe

Dieses über-machoide Verständnis von Männlichkeit führe zunehmend zu Konflikten, besonders in einer Zeit, in der sich das Bild der Frauen enorm gewandelt hat. Inderinnen sind heute Professorinnen, CEOs, fahren Autos und Motorräder, gerade in den Städten haben sie nicht mehr ihren «gewohnten Platz am Herd».

Im Bild: Opfer einer Vergewaltigung in Indien.
Legende: Frauen hätten sich viel schneller verändert als die Männer, die oft in ihrem patriarchalen Verständnis der Gesellschaft gefangen blieben, sagt Pandey. «Das schafft Frustrationen, die sich je nach dem in Form sexueller Übergriffe manifestiert.» Im Bild: Opfer einer Vergewaltigung in Indien. Keystone

Auch im alltäglichen Umgang seien diese Verhaltensmuster zu erkennen. Eine gar lockere Hand in der Metro, die kurz über den Rock streift; vieldeutige Gesten und Blicke im Bus; jede Frau in Indien hat Erfahrungen damit gemacht. Selten werden die Männer zur Rechenschaft gezogen. «Die Schuld wird bei der Frau gesucht», sagt Pandey.

«Ich musste ihr eine Lektion erteilen»

Das würden auch viele Eltern ihren Töchtern sagen: «Wechsle den Platz, wenn dich jemand belästigt, oder nimm besser ein Taxi, geh nicht raus in der Nacht.» Fast nie werde aber das Verhalten der Männer hinterfragt. Die indische Gesellschaft habe solche Verhaltensmuster normalisiert, sagt Pandey: «Man muss nicht erstaunt sein, dass Vergewaltigungen so regelmässig passieren.»

Es sind just diese Normalisierungen, welche die Häftlinge in den Gefängnissen als Rechtfertigung ihrer Tat dienen. «Ich musste ihr eine Lektion erteilen.» Eine der vielen Antworten, die Pandey während ihren Interviews erhielt.

Rendez-vous, 16.10.2020, 12:30 Uhr

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Aha. Also die Gesellschaft ist schuld. Frauen sind Teil der Gesellschaft, also die Studie propagiert im Endeffekt, dass Frauen schuld sind. Zumindest teilweise. Enttäuschend.
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    1. Antwort von Andres Mettler  (Medi)
      Die Gesellschaftsstrukturen sind verantwortlich für dieses Leid. Es ist ein wenig unglücklich formuliert, aber es gibt keine Schuldzuweisung. Die Studie propagiert nicht, dass die Frauen Schuld seien. Den Reim haben sie sich selber darauf gemacht. Eine Gesellschaft ist ja auch viel vielschichtiger als nur in Mann und Frau unterteilt. Es wäre auch falsch, pauschal die indischen Männer anzuschuldigen. Es ist der Konsens der indischen Gesellschaft der toxisch männlich belastet ist.
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  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Durch diesen Bericht hoffe ich, dass Sätze wie «wenn einer in den Puff geht hat er ein Beduerfnis... besser ins Freudenhaus als Vergewaltigen!!!» endlich verschwinden. Vergewaltigung hat nichts mit Sexualität zu tun. Vergewaltigen ist ein Instrument der Macht, der beabsichtigten Demütigung, der Verachtung, der Demoralisierung. Plündern, Brandschatzen, Vergewaltigen ist nach wie vor in Kriegen weit verbreitet. Erst seit dem 01.04.2004 ist in der CH Vergewaltigung in der Ehe ein Offizialdelikt.
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  • Kommentar von thomas caluori  (schefzgi)
    In einem Land in welchem ein geborenes Mädchen aufgrund Ihres Geschlechts ,schon eine potenzielle, finanzielle Belastung für die Eltern darstellt. Aufgrund der hohen Mitgift die bei einer Heirat ansteht, wundert mich eine solche Anschauungsweise nicht. Hinzu kommt noch das Kastensystem welches mich an steinzeitliche Hierarchien erinnert. Was für mich eher verwunderlich ist ,dass bei der jungen Generation kein Umdenken statt findet. (?)
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