Happige Anschuldigung: Vergewaltigte Schweizerin «mitschuldig»

Die Schweizer Touristin, die in Indien vergewaltigt wurde, sei mitverantwortlich für die Tat. Das behauptet der Innenminister des Bundesstaates Madhya Pradesh. Dort fand das Verbrechen statt. Wie kommt es zu diesem Vorwurf?

Fünf verhaftete Männer mit schwarzen Tüchern mit Augenlöchern um den Kopf und ein Polizist.

Bildlegende: Mehrere Männer wurden festgenommen. Sie gehören zu einem Stamm, der für Überfälle und Entführungen berüchtigt ist. Keystone

Nach der Gruppenvergewaltigung einer Schweizer Touristin in Indien sind sechs Verdächtige festgenommen worden. Vier Männer werden der Vergewaltigung beschuldigt, die anderen sein nach Angaben des Opfers bei der Tat lediglich anwesend gewesen. Alle sechs müssen sich wegen Raubes verantworten.

Alle Beschuldigten hätten ihre Beteiligung am Überfall gestanden, teilte die Polizei mit. Für die jungen Männer wurde eine eintägige Untersuchungshaft angeordnet.

Selbstschutz von Polizei und Innenministerium

Unterdessen geriet der Innenminister des Bundesstaates Madhya Pradesh in die Kritik, weil er die Schweizerin und ihren Partner für die Tat mitverantwortlich machte. Touristen würden oft die Regeln missachten, sagte Uma Shankar Gupta am Sonntag in Bhopal. «Wenn ausländische Touristen kommen, dann (...) sollten sie die Polizeipräsidenten der Distrikte, die sie besuchen, über ihre Reisepläne informieren», sagte der Minister. Dann könne für ihre Sicherheit gesorgt werden.

«Diese Aussage muss man vor allem als Selbstschutz der Polizei und des Innenministeriums sehen», sagt SRF-Korrespondentin Karin Wenger in Delhi. Diese seien momentan unter sehr grossem Beschuss und wollten ihre Köpfe retten. «Da ist natürlich die einfachste Strategie, die Verantwortung abzuschieben.»

Allerdings sei das Gebiet, in dem das Schweizer Paar campieren wollte, bekannt für seine Banditen. «Die Männer, die jetzt verhaftet wurden, gehören einem Stamm an, der sein Geld auch mit Entführungen und Überfällen macht», weiss Wenger. Man müsse sich also im Vorfeld sehr gut darüber informieren, wo man sein Zelt aufschlagen kann. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten hatte schon vor der Tat in einem Reisehinweis vor zunehmender sexueller Gewalt in Indien gewarnt.

«Gelegenheit erkannt»

Die 39jährige Schweizerin ist in der Nacht zum Samstag im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh von mehreren Männern ausgeraubt und vergewaltigt worden. Ihr gefesselter Ehemann musste die Tat mitansehen. Die beiden waren per Velo auf dem Weg nach Agra. Dort befindet sich das berühmte Mausoleum Taj Mahal.

Die Polizei hat ein Laptop, Geld und ein Mobiltelefon gefunden, die dem Paar bei dem Angriff gestohlen worden waren. Die Kleinbauern hätten beobachtet, wie das Paar sein Zelt aufstellte und die «Gelegenheit erkannt, die Frau anzugreifen und zu vergewaltigen», so die Polizei.

In Schweizer Botschaft

Die Schweizerin war zunächst in ein Spital in der Stadt Gwalior gebracht worden. Zurzeit befindet sich das Touristenpaar in der Schweizer Botschaft in Delhi, wie das EDA mitteilte. Dort wird das Paar auch medizinisch versorgt. Es werde «noch eine gewisse Zeit» lang in Indien bleiben, heisst es weiter. Die beiden seien bereit, die lokalen Behörden bei den laufenden Ermittlungen und dem damit zusammenhängenden Identifizierungsprozess zu unterstützen.

Das EDA äusserte sich am Samstag in einer Stellungnahme schockiert über den Vorfall. Diplomatische Vertreter der Schweiz unterstützten die Opfer im Rahmen des konsularischen Schutzes, hiess es. Man stehe mit den lokalen Behörden in Kontakt, damit sich die Täter möglichst rasch vor einem Gericht verantworten müssen.

Gesellschaftliches Problem

Die Tat wirft erneut ein Schlaglicht auf die weitverbreitete Gewalt gegen Frauen in Indien. Vergewaltigungen und der respektlose Umgang mit Frauen sind ein grosses gesellschaftliches Problem in dem Land.

2011 zählten die Behörden über 24'000 Vergewaltigungen, die Dunkelziffer dürfte jedoch um ein Vielfaches höher liegen. Viele Frauen gehen nicht zur Polizei, weil sie mit der Veröffentlichung Schande über ihre Familie bringen würden. Viele Anzeigen werden nicht aufgenommen, andere verlaufen im Sand. Nur etwa ein Viertel der Angeklagten, die vor Gericht müssen, werden schliesslich verurteilt.

Im Dezember hatten sechs Männer eine 23jährige indische Studentin in einem Bus in Delhi vergewaltigt. Die Frau wurde so schwer verletzt, dass sie starb. Das Verbrechen sorgte in Indien und weltweit für Entsetzen.