Harte Zeiten fürs republikanische Establishment

Ein Jahr vor den US-Präsidentschaftswahlen führen bei den Republikanern politische Quereinsteiger wie Donald Trump oder Ben Carson die Umfragen an. Die etablierten Politiker wie Jeb Bush oder Chris Christie sind weit abgeschlagen. Warum haben es die traditionellen Kandidaten dieses Mal so schwer?

Bush steht vor einer braunen Backsteinmauer in einer nachdenklichen Pose. Er hat die Arme verschränkt und schaut nach unten.

Bildlegende: Jeb Bush will wie sein Bruder ins Weisse Haus. Doch die politischen Quereinsteiger machen ihm das Leben schwer. Keystone

Es rumort an der Parteibasis. «Wir wählen Politikerinnen und Politiker, und wenn sie mal in Washington sind, vergessen sie, mit welchem Auftrag wir sie hingeschickt haben», sagt Tyrone Jones Senior. Er leitet in Fayette im Bundesstaat Georgia die Ortspartei der Republikaner.

Seine Parteimitglieder würden sich ärgern: Immer mehr Gesetze, immer mehr Schulden gäbe es, doch die Politiker seien allein auf den eigenen Vorteil bedacht. Nicht nur die Demokraten, sondern auch die eigenen Republikaner. «Die Leute haben die Nase voll. Wir wollen das Land neu ausrichten. Wir wollen eine Regierung, die sich für das Volk einsetzt, eine, die von unten führt und nicht von oben herab.»

«  Die Leute haben die Nase voll. Wir wollen das Land neu ausrichten. »

Tyrone Jones Sr.
Leiter der republikanischen Ortspartei

Jones und die Republikaner von Fayette sind überzeugt: Das gelingt am besten mit neuem Personal im Weissen Haus. Besonders hoch im Kurs stehen hier Donald Trump, Ben Carson und Carly Fiorina. Keine Karriere-Politiker, sondern Quereinsteiger. «Sie sind nun an der Reihe, nicht die, die jahrelang Politik respektive ‹Politricks› betrieben haben», sagt der Lokalpolitiker – und muss kurz über das eigene Wortspiel lachen.

Doch für die republikanische Parteileitung in Washington D.C. ist die Sache längst nicht mehr zum Lachen. Nie hätte man dort gedacht, dass ein Immobilienmogul, ein Hirnchirurg und eine Managerin aus dem Silicon-Valley, die über keinen politischen Leistungsausweis verfügen und primär gegen das Partei-Establishment wettern, ein Jahr vor den Wahlen mehr als die Hälfte der Umfrage-Stimmen auf sich vereinen werden. Politisch etablierte Kandidaten wie Jeb Bush, Chris Christie oder John Kasich kommen zusammen nicht mal auf zwanzig Prozent.

Die Stimmung kippt

Die Stimmung in Fayette sei kein Einzelfall, sagt Professor Daniel Franklin von der Georgia State University. «Ein Grossteil der Mitglieder in der Republikanischen Partei begehrt auf, vor allem hier im Süden der USA sind die Leute von den Quereinsteigern begeistert», sagt der Politologe. Grund seien Wut und Enttäuschung, die sich seit den 1980er-Jahren angestaut hätten.

Damals gelang es Ronald Reagan, einfache Arbeiter und Evangelikale für die Republikanische Partei zu gewinnen, obwohl sie mit den wohlhabenden Establishment-Parteimitgliedern nicht viel gemeinsam hatten. «Das Establishment hat seither stets versprochen, auch für die Anliegen dieser übrigen Gruppierungen zu kämpfen – gegen Abtreibungen, gegen Einwanderung und gegen Freihandelsabkommen.»

Doch nichts sei geschehen. 2010 habe dann der Tea-Party-Flügel rebelliert, die einfachen, weissen Arbeiter in der Republikanischen Partei. «Jetzt kommt der sozialkonservative Flügel dazu. Das ist im ganzen Land spürbar, aber besonders stark im Süden der USA. Die klassischen Kandidaten kommen unter die Räder.»

«  Die klassischen Kandidaten kommen unter die Räder. »

Daniel Franklin
Professor Georgia State University

Allerdings: Das parteiinterne Verfahren ist so angelegt, dass es grundsätzlich Establishment-Politiker wie Jeb Bush, John Kasich, Chris Christie oder Marco Rubio favorisiert. Etwa beim Sammeln von Delegierten: Rund ein Viertel werden von der Parteileitung und nicht den Wählern bestimmt, und die Parteileitung ist auf der Seite des Establishments. Das heisst, trotz der Rebellion an der Basis könnte am Ende nochmals ein Washington-Insider für die Republikaner ins Rennen ums Weisse Haus steigen.

In Fayette will der republikanische Parteipräsident Tyrone Jones Senior von solchen Planspielchen nichts wissen. Ihm ist bewusst, dass auch ein Präsident Carson oder ein Präsident Trump das Ruder nicht über Nacht herumreissen kann. Aber, sagt Jones: «Mehr Leute müssen wieder eine Arbeit haben, müssen weg von der Sozialhilfe. Die USA sind doch das beste Land der Welt, die glänzende Stadt auf dem Hügel, der Leader der freien Welt.»

Washington müsse sich ändern, sagt Tyrone Jones, damit Amerika – wie es Donald Trump so treffend formuliere – «wieder grossartig werden kann».