Selbstbewusster Kosovo Hashim Thaçi: «Ein starker Staat hat eine Armee»

Kosovos Präsident auf der Flucht nach vorne: In einem Interview mit SRF verteidigt Hashim Thaçi seine Pläne einer eigenen Armee. Ausserdem fordert er eine umfassende Regelung mit Serbien. Das Machtgefüge auf dem Balkan ist in Bewegung geraten.

Drill nach amerikanischem Vorbild für die Rekruten der Kosovo Security Force.

Bildlegende: Bei der riesigen Jugendarbeitslosigkeit ist die Rekrutierung bei der Kosovo Security Force eine Chance für viele Junge. SRF

Es sind Szenen wie aus dem amerikanischen Kriegsfilm «Full Metal Jacket»: Zimmerkontrolle in der kosovarischen Militärakademie – totale Disziplin. Für jedes Staubkorn im Spind gibt’s Liegestützen.

Die Kosovo Security Force (KSF) ist der Kern einer zukünftigen Armee Kosovos, ausgebildet und gedrillt nach amerikanischem Vorbild. «10vor10» hatte exklusiv Zugang zur Adem-Jashari-Kaserne ausserhalb der Hauptstadt Prishtina: Die Kosovo-Armee ist de facto längst im Aufbau.

Swisscoy weiterhin willkommen

Anfang Jahr hat Präsident Hashim Thaçi nun versucht, die Kosovo Security Force auf dem Gesetzesweg als Armee zu installieren. Die Nato hat darauf mit Skepsis reagiert.

Im Interview mit SRF bekräftig Thaçi seine Armee-Pläne: «Kosovo ist ein souveräner Staat und jeder souveräne Staat hat eine Armee. Unser Ziel ist es, der Nato beizutreten. Ohne Armee können wir nicht einmal beim Nato-Programm ‹Partnerschaft für Frieden› mitmachen.» Kosovo habe viel zu lange gewartet, konkrete Schritte zu unternehmen. Aus Rücksicht auf die internationalen Partner und Unterstützer Kosovos.

Denn die Unabhängigkeit des Landes ist umstritten. Belgrad betrachtet Kosovo immer noch als Teil Serbiens und akzeptiert die gegenwärtige Situation nur unter der Bedingung, dass eine Friedenstruppe unter der Führung der Nato für Sicherheit sorgt.

«  Kosovo und die Schweiz haben ein fast familiäres Verhältnis. »

Hashim Thaçi
Kosovos Präsident

Seit 1999 dienen deshalb auch Soldaten der Schweizer Armee in Kosovo. Für Tahçi ist die Swisscoy auch weiterhin willkommen in Kosovo: «Die Schweizer Soldaten leisten im Rahmen der KFOR einen wichtigen Beitrag für die Sicherheit und Stabilität in der Region. Kosovo und die Schweiz haben ein fast familiäres Verhältnis.»

Angespanntes Verhältnis mit Belgrad

Die Stabilität auf dem Balkan ist ein fragiles Gut. Das Machtgefüge in der Region ist in den letzten Monaten in Bewegung gekommen. Wie so oft, sind hier weltpolitische Veränderungen zuerst spürbar. Die kalten Konflikte Südosteuropas werden auch von aussen bewirtschaftet: Von der EU, den USA, Russland und der Türkei.

Belgrad agiert geschickt zwischen Moskau und Berlin. So geniesst der starke Mann Serbiens, Aleksandar Vučić, die Unterstützung Merkels und Putins. Vordergründig betreibt er eine Politik der Entspannung und stärkt so die serbische Position in der Kosovo-Frage.

Deshalb hat Präsident Thaçi die Flucht nach vorne angetreten: Das Armee-Projekt ist nur einer seiner Schritte im Machtkampf mit Belgrad. Er will Serbien auch wegen Genozids an den Kosovo-Albanern im Krieg 1998/1999 verklagen. Ausserdem hat Kosovo die Normalisierungsgespräche in Brüssel sistiert. Dies, weil der ehemalige Regierungschef Ramush Haradinaj bis heute wegen eines serbischen Haftbefehls in Frankreich festsass.

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Thaci: «Belgrad ist die Hauptstadt aller Probleme»

2:09 min, vom 27.4.2017

Doch Präsident Thaçi gehen die Gespräche unter Schirmherrschaft der EU-Aussenbeauftragten Federica Mogherini ohnehin zu langsam voran: «Ich bin dagegen, den Prozess zu einer ‹never ending story› auszudehnen. Wir sollten zusammensitzen und auf dynamische Weise diskutieren. Nach einer klaren Agenda, die uns zu einem grösseren, politischen Abkommen führt.»

Doch das Haupthindernis ist für Kosovos Präsident Thaçi Serbien: «Belgrad ist die Hauptstadt der Probleme.» Der Ton zwischen den Balkan-Politikern wird zunehmend härter. Unterdessen ist sogar von einer Union der Länder mit albanischer Bevölkerung die Rede. Das Gespenst von Grossalbanien. Brüssel hat lange auf die Kraft der EU-Beitrittsperspektive vertraut. Doch diese europäische «soft power» schwindet – und damit auch die Stabilität in der Region.

Sendebezug: «10vor10» 27.04.17