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International Hass und Gewalt im Internet nehmen zu

Das World Wide Web wird immer mehr zum Tummelplatz für Gewaltprediger und Ausländerhass. Zu diesem Ergebnis kommt der Europarat im neuen Jahresbericht. Erst vor wenigen Tagen hatte eine Konferenz der UNO nach Mitteln gegen Terror-Propaganda im Internet gesucht.

Leuchttafel des Cyber Terror Response Center
Legende: Südkoreas Reaktion auf Gewaltprediger im Internet: Das Cyber Terror Response Center in Seoul. Keystone

Das Internet hat sich nach Einschätzung des Europarates zu einem beklagenswerten Medium für Hassreden und Ausländerfeindlichkeit entwickelt. Diese beunruhigende Tendenz habe 2014 in Europa deutlich zugenommen, heisst es im Jahresbericht des Europaratsausschusses, Link öffnet in einem neuen Fenster gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI), der in Strassburg veröffentlicht wird.

Bedrohung für Europas Zukunft

Wachsender Antisemitismus, Islam-Feindlichkeit und Rassismus seien schwere Bedrohungen für die Zukunft Europas, sagte der Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland.

Einzelne Länder wollten die Menschenrechtsexperten der 47 Europaratsländer nicht an den Pranger stellen. Als Gründe für Islamfeindlichkeit und Antisemitismus nannten sie die zunehmende Gewalt von Islamisten und Wahlerfolge populistischer Parteien.

24 Europaratsländer, darunter die Schweiz, Deutschland und Frankreich, haben das Zusatzprotokoll der Konvention über Cyberkriminalität ratifiziert, mit dem rassistische und fremdenfeindliche Äusserungen im Internet unter Strafe gestellt werden.

Impfstoff gegen Hass-Propaganda

Eine Konferenz der Kulturorganisation der Vereinten Nationen hatte kürzlich erst in Paris nach einem Impfstoff gegen Hass-Propaganda im Netz gesucht.

Jugend im Visier des Extremismus: Im Netz verbreiten Islamisten ihre Gewalt-Botschaft und werben neue Anhänger. Experten suchen nach einem Mittel gegen die Propaganda - und das liegt vielleicht eher offline als online.

In Hollywood-Manier

Die professionellen Videoclips sind ein wichtiger Teil der Inszenierung des Grauens, mit der die Terrormiliz Islamischer Staat IS ihre Botschaft verbreitet. In Hollywood-Manier produzierte Videos zeigen nicht nur «Heldentaten» der Mudschaheddin, der «Heiligen Krieger», sondern auch vermeintliche Kriegsromantik.

Und immer wieder völlig entgrenzte Gewalttaten: IS-Extremisten schneiden Gefangenen die Kehlen durch oder zünden sie bei lebendigem Leib an. Das Internet verschaffe Extremisten einen «Lautsprecher der Gewalt», warnte Unesco-Generalsekretärin Irina Bokowa.

Propaganda-Strategie des IS

Der IS hat seine Propaganda gezielt auf diese potenziellen Unterstützer ausgerichtet. Die Videos seien eine Mischung aus radikal-religiösen Inhalten und einer Bildsprache, die sich an Videospielen und populären TV-Serien orientiert, sagt der französische Arabist Gilles Kepel. «Das ist fast wie die Marken-Strategie eines Unternehmens», resümiert der indische Schriftsteller und Politiker Shashi Tharoor. Im Kriegsgebiet erwartet die Jugendlichen dann eine brutale Realität.

Viele der Extremisten aus dem Westen sind für die Kämpfe ungeeignet, da sie keine militärische Erfahrung besitzen. Deshalb hat der IS für sie eine andere Aufgabe: Zu den Selbstmordattentätern, die die Terrormiliz in Scharen auf ihre Feinde hetzt, gehören besonders oft Kämpfer aus dem Westen.

Legende: Video Gewaltvideos für alle: Youtube schützt Kinder schlecht abspielen. Laufzeit 9:50 Minuten.
Aus Kassensturz vom 26.05.2015.

«Gegen-Diskurse» in Frankreich

Frankreich setzt nun darauf, diese Realität möglichst noch vor der Abreise in die Köpfe der Jugendlichen zu bringen: In einem Video, das ebenso schnell geschnitten und mit Musik unterlegt ist wie manche Islamisten-Videos, sollen die Versprechungen der Extremisten gekontert werden. «Gegen-Diskurse» nennen Experten diese Vorgehensweise – und Paris hat bereits angekündigt, weiter in diese Richtung zu arbeiten.

Ein Unesco-Papier setzt auch auf Medienkompetenz und positive Kampagnen in den sozialen Medien, zum Beispiel für den Schutz von Kulturgütern im IS-Gebiet. Doch im Netz allein sei es nicht getan, meint Ahmad Alhendawi, UNO-Sondergesandter für die Jugend. «Wenn wir die Schlacht gegen dschihadistischen Extremismus online gewinnen wollen, müssen wir auch offline arbeiten.»

«Die Väter sind in der Regel verschwunden»

Das Internet sei eher ein Verstärker der Radikalisierung als ihr Grund, sagt auch Hugues Mingarelli, beim Europäischen Auswärtigen Dienst für Nordafrika und den Nahen Osten verantwortlich - der liege eher in den Lebensumständen der Jugendlichen.

Auffällig ist, dass viele der radikalisierten Jugendlichen aus dem Westen in ihrem Leben schwere Brüche erlebt haben: Tod der Eltern, zerstörte Familien oder ein Schulabbruch etwa. «Die Väter sind in der Regel verschwunden», sagt Professor Kepel. Viele haben kriminelle Karrieren hinter sich. Sehr oft kommen sie zudem aus Familien, in denen Religion keine oder kaum eine Rolle spielt. Weil ihnen das religiöse Wissen fehlt, sind sie leichte Opfer von Hasspredigern.

Sozialpolitik gegen Terror

Im radikalen Islam suchen die Jugendlichen Halt und Gemeinschaft. «Was passiert (...) ist eine Suche nach Aufregung, Abenteuer, Sendungsbewusstsein», sagt die britische Bildungsexpertin Lynn Davies, die Aussteiger interviewt hat. «Ihnen einfach zu erzählen, andere zu respektieren und in Harmonie zu leben, bringt nichts.»

Auch Unesco-Chefin Bokowa appellierte, beim Kampf gegen die Radikalisierung die tieferliegenden Faktoren anzugehen, zum Beispiel im Bildungssystem. Francisco Legaz, der in Belgien mit Kindern gearbeitet hat, die von Dschihadisten angeworben wurden, sagte es so: Man müsse den Terror nicht nur mit Militärs und Polizisten bekämpfen, sondern auch mit der Sozialpolitik.

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28 Kommentare

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  • Kommentar von M. Meyer, Dielsdorf
    Ignoranz, Intoleranz und Fremdenhass sind eng mit Narzissmus verbandelt. Deshalb fühlen sich diese Menschen sehr schnell beleidigt und "diffamiert", wenn man ihnen quasi mit ihren eigenen Worten den Spiegel vorhält. Nach dem Motto: "Übel und niveaulos nach allen Seiten austeilen darf nur ich!" Wer mit Beschimpfungen wie "linke Sozialmafia", "Scheinflüchtlingen", "linke Gutmenschen", "Sozialschmarotzer" und dergleichen austeilt, muss auch einstecken können... Oder das Kommentieren sein lassen.
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  • Kommentar von Rolf Bolliger, Orpund
    Nachdem ALLES, jede kritische Besorgtheit über die hohe Einwanderung und deren Problemen, aus völlig fremden Kulturen und Religionen, als Rassismus und Fremdenfeindlichkeit angeprangert wird, müssten sich die "Experten" und "Gutmenschen" auch einmal überlegen, warum viele Europäer das Internet als "Ausweg" benützen! Bevor der Europarat solche Schlüsse zieht "Islamfeindlichkeit und Rassismus sei die grösste Gefahr für die Zukunft Europas", müsste er der Realität nicht mit Scheuklappen ausweichen!
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    1. Antwort von P. Studer, Zug
      Die freie Meinungsäusserung gilt für alle hier. Die darauf folgende Diskussion gehört ebenfalls dazu. Warum äussern Sie ihre Sorge nicht sachlich und belegen diese mit fundierten Fakten? Eine "Flut an Scheinargumenten" hatten wir schon, frei erfundene Zahlen auch "massenhaft". Viele Leser und ich freuen uns auf gesicherte Fakten, gestützt durch seriöse Quellen.
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    2. Antwort von Jürg Sand, Zürich
      P.Studer, falls Sie tatsächlich an Zahlen und Fakten interessiert sind, die nicht den linken MSM zu entnehmen sind, lesen sie mal aufmerksam die Weltwoche. Dass diese Zahlen und Fakten unangreifbar sind, verbürgen die in dieser Hinsicht höchst aufmerksamen MSM selber, die keine Gelegenheit zum Gegenangriff auslassen würden, wo sie eine Chance sähen. Ich empfehle Ihnen diese Lektüre dringend, da ich vermute, dass Sie ein leichtgläubiges, gutwilliges Opfer der MSM sind.
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    3. Antwort von P. Studer, Zug
      Die Weltwoche! Köppels "objektives" Rechtsaussen-Propagandablättchen der SVP! Dann doch lieber gleich svp.ch! Na, das ist aber eine Quelle! Und wie Sie selber sagen, man muss schon recht naiv und gutgläubig sein, um sich von diesem rechtspopulistischen "Mainstream-Medium" Sand in die Augen streuen zu lassen!
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    4. Antwort von Rolf Bolliger, Orpund
      Wer Fakten, Probleme und künftige Folgen einer dermassen hohen Einwanderung fremder Kulturen und Religionen besorgt analysiert und kritisiert, wird von gewissen Ideologen hier im Forum laufend als unmenschlich, fremdenfeindlich und sogar als rassistisch verunglimpft! Ausgerechnet von Leuten, die jeden Eindringling (ob legal, illegal, kriminell oder islamistisch) in höchsten Tönen in "Schutz nimmt", streut den ganzen Tag solche Hassorgien gegen die SVP oder Menschen die ebenfalls besorgt sind!
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  • Kommentar von M.Kaiser, Rebstein
    Solange die Politik aller Parteien Weltweit, ein derart brutales Einkommens-und Wohlstandsgefälle zulässt, werden wir mit Werteverlust , Respektverlust, Solidaritätsverlust und Sicherheitsverlust vermehrt konfrontiert werden . Der Hass und die Gewalt im Internet ist ein Hilferuf der Geknechteten, nun auch jungen Generation mit bis zu 50% Arbeitslosigkeit. Die 2% der Vermögensträger des gesamten Weltvermögen haben dringenden Handlungsbedarf , wenn es nicht schon zu spät ist kurz vor dem Abgrund .
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