Zum Inhalt springen

Heikle Mittelbeschaffung Das IKRK sucht die Nähe zu Grosskonzernen

Legende: Audio Heikle IKRK-Partnerschaften mit Privatfirmen abspielen. Laufzeit 5:51 Minuten.
5:51 min, aus Echo der Zeit vom 27.05.2018.
  • Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das IKRK, ist in immer mehr Konfliktherden im Einsatz. Das Jahresbudget ist auf zwei Milliarden Franken gestiegen.
  • Um zusätzliches Geld zu beschaffen, geht das IKRK neuerdings auch Partnerschaften mit privaten Unternehmen ein.
  • Kritiker fürchten nun um die Unabhängigkeit und Neutralität der Hilfsorganisation.

Kaum eine humanitäre Organisation geniesst ein höheres Ansehen als das IKRK. Es ist deshalb kein Wunder, dass eine grosse Recherche in der westschweizer Zeitung «Le Temps» unter dem Titel «die riskanten Beziehungen des IKRK» jüngst für einigen Wirbel sorgte.

Mehr Konflikte, mehr Geld

Das IKRK braucht immer mehr Geld. 1,3 Milliarden Franken betrug der Finanzbedarf 2014, 1,7 Milliarden 2016, und im laufenden Jahr sind es bereits mehr als zwei Milliarden. Immer mehr und immer längere Konflikte verdammen das Rote Kreuz sozusagen zum Wachstum, sagt IKRK-Präsident Peter Maurer. Allerdings sei man sich bewusst, dass es ökonomische Grenzen gebe.

IKRK-Fahrzeug in Strasse
Legende: Immer mehr Einsätze, wie hier in Syrien, treiben das IKRK-Budget in die Höhe. Keystone

Auf der Suche nach neuen Geldquellen

Bisher zahlten fast ausschliesslich Staaten Beiträge, allen voran die USA, aber auch die EU, Deutschland und nicht zuletzt die Schweiz. Als neue Quelle versucht Maurer private Quellen anzuzapfen. Das IKRK könne durch die Qualität seiner Arbeit bei neuen Geldgebern durchaus punkten, meint der IKRK-Präsident.

Ins Leben gerufen wurde eine Firmen-Unterstützungsgruppe, der ein Dutzend namhafte Unternehmen angehören, von ABB über die Credit Suisse bis zu Roche, der Swiss Re oder Adecco. Dank der Kooperation könne man enorm viel voneinander lernen, begründet etwa die Swiss Re ihr Engagement.

Der Fall Lafarge-Holcim

2017 jedoch führte eine solche Zusammenarbeit zum Eklat: Ein IKRK-Partner, der Zementkonzern Lafarge-Holcim soll über seinen Ableger in Syrien Terrororganisationen unterstützt haben. In Frankreich laufen Untersuchungen gegen Kadermitarbeiter. Das IKRK, das in Syrien eine seiner wichtigsten und heikelsten Operationen hat, musste die Verbindung zu Lafarge-Holcim kappen.

Zementfabrik
Legende: Für eine Fabrik in Syrien hat Lafarge-Holcim offenbar Schutzgeld bezahlt. Imago

Der Fall zeigt, wie heikel Partnerschaften sind zwischen einer humanitären Organisation und Firmen, die in einem Krisenland ganz andere Interessen verfolgen.

Widerstand ehemaliger Delegierter

Entsprechend regt sich nun Widerstand gegen solche Partnerschaften. In einem Brief an die IKRK-Führung äussern 25 ehemalige Komiteemitglieder und Delegationsleiter ihre Sorge um den Ruf des IKRK, wie die westschweizer Zeitung «Le Temps» schreibt. Auch etliche heutige Delegierte zeigen sich gegenüber «Le Temps» besorgt. Denn die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des IKRK sei ihre Lebensversicherung und eine zwingende Voraussetzung für eine breite Akzeptanz des IKRK in Kriegsgebieten.

Verschleierte Frau geht an IKRK-Flagge vorbei
Legende: IKRK-Einsatz im Irak (2003). Ehemalige Mitarbeiter fürchten um den Ruf der Organisation. Keystone

IKRK: Der Alleingang ist keine Option

Natürlich ist sich auch die IKRK-Führung der Bedeutung der Neutralität bewusst. Kommunikationsdirektor Ewan Watson betont aber: Die Arbeit in Konflikten sei heute extrem komplex; man müsse jede Chance nützen, von andern, auch von Privatfirmen zu lernen. Es gehe bei diesen Partnerschaften nicht nur um Spendengeld. Der Alleingang sei schlicht keine Option mehr.

So sei etwa die Zusammenarbeit mit Pharmakonzernen bei der medizinischen Versorgung sinnvoll. Und Rückversicherer hätten dasselbe Interesse, Konflikte zu schlichten, wie das IKRK, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Heikler Spagat

Watson räumt aber ein, dass es Risiken gibt. Das IKRK müsse die Firmen sorgfältig auswählen, damit kein Interessenkonflikt oder gar Imageschaden für das IKRK entstehe. Deshalb kämen etwa Rüstungshersteller als Partner nicht in Frage.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Heute sollte das IKRK ausschliesslich durch die UNO finanziert werden. Es ist eine der vielen Sumpfblueten des Neofeudalismus, dass dese wichtige Organisation nicht mehr strikt neutral finanziert wird, sondern auf die Milliarden der Konzerne angewiesen ist. Die Grundversorgungsleistungen des IKRK fuer die Bevoelkerung - aber ohne noch mehr anziehenden Luxus - sollten dann von der UNO den vernachlaessigenden Machthabern, Besatzern und Blockeuren in Rechnung gestellt und beigetrieben werden....
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    "A propos": Neutralität und Unabhängigkeit von grossen, mächtigen Hilfsoragnisationen? Etwa so, wie die Schweizer "Volks-Politik" "neutral und unabhängig" ist? Nämlich gar nicht! Solange bei "Hilfs- Organisationen" die "Manager-Etage" diese unverschämten "Salaire" (Spendengelder - Volks-Subventionen) kassiert, solange wird "Wasser gepredigt ud Wein getrunken"!!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen