Zum Inhalt springen

International Hilferuf aus Kiew – Jazenjuk sucht den Nato-Beitritt

Regierungschef Arseni Jazenjuk will die Ukraine in die Nato führen. Für SRF-Korrespondent Peter Gysling ist das als verzweifelter Appell an den Westen zu verstehen. Während die EU und die USA an der Sanktionsschraube drehen, äussert sich Didier Burkhalter besorgt über die neuesten Entwicklungen.

Legende: Video Didier Burkhalter zur Ukraine-Eskalation abspielen. Laufzeit 2:42 Minuten.
Aus News-Clip vom 29.08.2014.

Nicht nur die militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine drohen zusehends zu eskalieren. Auch die Rhetorik verschärft sich: Der ukrainische

Regierungschef Arseni Jazenjuk hat die Wiederaufnahme des Nato-Kurses des Landes angekündigt. «Gemäss der Entscheidung des Sicherheitsrates legt die Regierung der Ukraine dem Parlament einen Entwurf zur Aufhebung des blockfreien Status vor», sagte er in Kiew. Präsident Petro Poroschenko und das Parlament sollten das Gesetz unverzüglich prüfen.

Innenminister Arsen Awakow stimmte Jazenjuk zu: «Nur Wahnsinnige stimmen in der jetzigen Lage gegen diese Initiative.» Seit 2010 verbietet ein Gesetz der Ukraine den Beitritt zu Militärbündnissen. Die Nato hatte wiederholt betont, eine Debatte über eine Aufnahme der Ex-Sowjetrepublik sei nicht aktuell.

Derweil waren im Laufe des Tages auch aus Moskau martialische Töne zu vernehmen. Die Taktik des ukrainischen Militärs erinnere ihn «an die deutschen Truppen in der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Grossstädte wurden eingekesselt und durch gezielten Beschuss zerstört, samt Einwohner», sagte Putin.

Putin fordert Waffenruhe von Ukraine

Zuvor hatte Russland ein direktes militärisches Eingreifen im Ukraine-Konflikt erneut abgestritten – und trotz der fortschreitenden Eskalation schlichtende Töne angeschlagen. So rief der russische Präsident Wladimir Putin die ukrainische Führung erneut zu einer Waffenruhe auf.

Die Regierung in Kiew solle sich sofort mit den Aufständischen im Osten «an einen Tisch setzen und alle Probleme auf friedlichem Weg lösen», meinte Putin. Das Statement des Kremlchefs folgte wenige Stunden nachdem die Ukraine

Russland vorgeworfen hatte, mit Panzern, Artillerie und Truppen in sein Territorium eingedrungen zu sein.

Die Nato stützt Kiews Verlautbarung und sprach bereits gestern von «deutlich mehr als 1000 russischen Soldaten», die mit schweren Waffen innerhalb der Ukraine operieren sollen. Aussenminister Sergei Lawrow bezeichnete die Vorwürfe als Vermutungen ohne faktische Grundlage.

Appell an den Westen

In seiner Mitteilung appellierte Putin an die Separatisten, einen Fluchtkorridor für eingekesselte ukrainische Einheiten einzurichten. Dies solle den Soldaten ermöglichen, die Kampfzone zu verlassen und «sinnloses Sterben» zu vermeiden. Einen Appell an die Aufständischen, das Feuer einzustellen, enthält die Mitteilung nicht.

Substanziell habe sich Putin bislang zu den Vorwürfen nicht geäussert, sagt SRF-Korrespondent Peter Gysling. Die «Fürsorge» für die Soldaten der ukrainischen Armee stuft Gysling eher als zynische Bemerkung des Kremlführers ein. Ein Nato-Beitritt, wie ihn Regierungschef Jazenjuk heute vorgeschlagen hatte, sei derzeit vollkommen ausgeschlossen, bilanziert Gysling. Das sei auch in der Ukraine klar. Die Idee des Nato-Beitritts sei vielmehr als Hilferuf an den Westen zu interpretieren. «Trotz Finanzhilfen und Zusicherungen vermisst die Ukraine die konkrete Unterstützung des Westens.»

Burkhalter will Verhandlungen

Im Gespräch mit der Tagesschau warb der Bundespräsident und Vorsitzende der OSZE für eine «eine diplomatische Lösung, weil die militärische Lösung eine Katastrophe wäre.» Die OSZE hat derweil gemäss Thomas Greminger, ständiger Vertreter der Schweiz bei der OSZE, bisher keine Beweise für einen Einsatz regulärer russischer Truppen in der Ukraine.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

91 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Eine Rückblende: Im Juni 1961 sagte Ulbricht vor der versammelten internationalen Presse: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Ob er sich wohl verplappert hat? Zwei Monate später, mitten in den Sommerferien, als alle ein wenig heiterer waren, begann in Berlin der Mauerbau. - Zweite Rückblende: Noch vor wenigen Monaten sagte Zar Wladimir am Tag der "Heimholung" der Krim, er wolle die Ukraine nicht weiter teilen - merkt euch, nicht "weiter" teilen. Wie steht es jetzt?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ juha stump: und hier noch eine dritte rückblende; am 7. oktober 1989 feierte honecker 40 jahre ddr und zwei monate danach (ich war grad im zivilschutz) war sie weg...
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M.Kaiser, Rebstein
    Sobald der Verteilungskampf beginnt , brechen die Eiterbeulen auf . Die Nachwehen der EX-Sowjetdiktatur kommen nun klar zu Tage - die in der OSTUKRAINE lebenden Russen wollen lieber im heutigen Russland leben , wie in der maroden UK , also sind Minderheiten im Mehrvölkergemisch der heutigen UK. Nun sehen sie die Möglichkeit auszubrechen . Russland soll allen Russen, die in die Urheimat zurück wollen, eine fundierte neue Lebensexistenz bieten, fertig mit Streiten . Multikulti nur selten gut .
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ m.kaiser: das mit rückführung und urheimat kennen wir doch (und da herrscht seit rückführungsbeginn streit). mit etwas folklore ist es allerdings nicht getan, da haben sie recht, es braucht schon etwas anstrengung (welche die menschheit bis dato aber auch immer wieder unternahm; ich bin da - auch mit einem blick zurück - optimistisch).
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Werner Christmann, Stein am Rhein
    Panik total in Kiew. Die ganze ukrainische Streitmacht wird von ein paar tausend Ostukrainischen Kämpfern in Schach gehalten oder zurückgedrängt. Denkt Jazenjuk im Ernst ein Natobeitritt wäre über Nacht zu schaffen und dass dies etwas daran ändern würde, dass die Ost- und Südukraine verloren ist? Allenfalls würde er das ganze Land in Schutt und Asche legen. Gibt es wirklich niemand der diese Kriegsgurgel endlich stoppt?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Juha Stump, Zürich
      Das glaube ich ebenfalls, dass die Ost- und die Südukraine auf die Dauer nicht gehalten werden können. Die Ukraine wird wohl bald geteilt, so bitter das für das Land auch ist. Putin und Russland werden ihre Ziele erreichen, auch deshalb, weil die NATO nicht eingreifen wird und auch nicht darf, ansonsten könnte es noch bös "tätschen". Eines würde ich von Ihnen aber gern wissen: Wen meinen Sie mit Kriegsgurgel - Jazenjuk, der sicher auch kein lieber Engel zu sein scheint, oder Putin?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Bendicht Häberli, Burgdorf
      @W.Christmann.Eigentlich alles kleinlich. Und alles nur wegen ein paar "Machtmännchen" wie Poroschenko, Putin und ein paar schiesswütige Ukrainern, die russisch sprechen. Keine einziger Toter ist diese Kleinigkeiten wert. Aber Putin hat sich da in eine Sache hineinmanöveriert, wo er fasst nicht mehr herauskommt. Wie bei uns (Schweiz) sollte das Volk die Macht haben und nicht "EINZELNE MARIONETTEN").
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Werner Christmann, Stein am Rhein
      Juha Stump: Ich meine in erster Linie schon Janzenjuk, weil er offensichtlich einen grossen Hass auf die russisch Stämmigen im Osten hat (warum auch immer) und deshalb auch die Militäraktion starten liess, die bis anhin nur Leid über die Zivilbevölkerung gebracht hat. Dass Putin kein Engel ist, ist auch klar. Nur, er hat bis anhin lediglich auf Aktionen aus Kiew reagiert.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen