Hoffen auf ein neues Leben

Immer mehr Bewohner der Ostukraine fliehen vor den schweren Gefechten. Sie suchen Schutz im Westen des Landes oder in Russland. Das Nachbarland klagt, die Flüchtlinge führten in Südrussland zu einer humanitären Katastrophe. SRF-Korrespondent Peter Gysling war vor Ort.

Ein Junge mit spielt mit einem rosaroten Ball zwischen blauen Zelten in einem Auffanglager.

Bildlegende: Zuflucht in Auffanglagern: Bei Nowoschachtinsk haben die Behörden 30 Gruppenzelte errichtet. Reuters

Um auf die Situation aufmerksam zu machen, hat das russische Aussenministerium etwa 70 Korrespondenten ins russisch-ukrainische Grenzgebiet bei Rostow am Don dirigiert. Dabei darf auch etwas Spektakel für die Kameras und Mikrofone der Journalisten nicht fehlen: Ein Grossraumhelikopter bringt eine völlig unversehrte Kleinfamilie aus einem Auffanglager auf den nur etwa 20 Kilometer entfernten Flugplatz der Stadt Rostow.

Die russischen Behörden scheuen keinen Aufwand, die Situation im Grenzgebiet zur Ostukraine möglichst dramatisch darzustellen. Am derzeit geschlossenen Grenzübergang bei Nowoschachtinsk zeigt Grenzoffizier Wallisli Malajew auf Einschussspuren an einem Gebäude der Grenzbehörden. Aus Minenwerfern seien sie vom ukrainischen Gelände aus beschossen worden. Er will nichts davon wissen, dass über diesen Grenzabschnitt unter Umständen militärisches Nachschubmaterial für die Separatisten in die Ukraine infiltriert worden war.

Auffanglager für Vertriebene

Genauso unbestreitbar, wie dass das Kriegsgeschehen mit schweren Waffen und Kämpfern aus Russland unterstützt wird, ist aber auch, dass nun an der ukrainisch-russischen Grenze die humanitären Folgen des Waffengangs offenbar werden. Täglich queren etwa 3000 Personen die Grenze von der Ostukraine nach Südrussland. Etwa 25'000 Vertriebene halten sich allein im Gebiet von Rostow am Don auf, eine sehr viel grössere Anzahl in anderen russischen Regionen.

Wer nicht bei Bekannten oder Verwandten unterkommen kann, dem wird eine vorübergehende Bleibe in einem Auffanglager zugewiesen: in kleinen Zeltstädten oder in umfunktionierten Kindergärten und Sanatorien. Bei Nowoschachtinsk haben die Behörden 30 Gruppenzelte errichtet.

«Die Aufgenommenen werden hier während etwa drei Tagen mit einem provisorischen Obdach versorgt, bevor sie in den Regionen in andere Unterkünfte überwiesen werden», erklärt Sergej Panow, Offizier der Zivilschutzorganisation, wie man sich um die ukrainischen Neuankömmlinge kümmert. «Hier bekommen sie mehrmals am Tag warmes Essen.»

«Wir haben alles zurückgelassen»

Eine etwa 50-jährige Frau ist nur ein paar Stunden zuvor mit ein paar Taschen von Donezk ins Lager von Nowoschachtinsk gebracht worden, wo ihr ein Feldbett zugewiesen wurde. Alles sei sehr schnell gegangen, berichtet die Frau. «Innerhalb von zwei Stunden haben wir ein paar Sachen gepackt, und alles andere zurückgelassen. Wir sind geflüchtet. Der ukrainische Präsident Poroschenko ist ein Trottel, auch wir sind doch Ukrainer!»

Er sei nach Russland gekommen, um seine Kinder zu retten, sagt ein rüstiger Mann. «Ich bin zusammen mit meiner Frau gekommen. Alles haben wir zurückgelassen, bloss um die Kinder in Sicherheit zu bringen», erzählt er. Einerseits beklagt der Mann die angebliche Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine. Andererseits sagt er: «Wir haben eigentlich gar keine inter-ethnischen oder nationalen Konflikte. Ich habe weissrussische und ukrainische Nachbarn. Wir verstehen uns alle in einer Sprache, in Surschik, dem gemischten russisch-ukrainischen Dialekt.»

Neue Lebensperspektive im hohen Norden?

Viele, die den Entschluss gefasst haben, einem befürchteten Kugelhagel in der Ostukraine zu entkommen, setzen jetzt auf eine rosige Zukunft in Russland. «Russland wird uns nie im Stich lassen», sagt eine junge Mutter. Sie trat die Flucht zusammen mit ihren zwei Kindern Richtung Osten an.

Auch ihre etwas ältere Kollegin gibt sich zuversichtlich: «Ich werde mit meinen Kindern nach Murmansk verlegt. Man hat uns dort eine Wohnung in einer Militärsiedlung angeboten und versprochen, dass wir dort eine Lebensperspektive finden werden. Wir glauben das nun auch.» Sie gehe davon aus, auch in einem halben Jahr noch dort zu wohnen. Dass sie und ihre Kinder dort, oberhalb des nördlichen Polarkreises, im Winterhalbjahr die Sonne nie sehen werden, dass es dort im Winter auch tagsüber stets dunkel ist, scheint die Mutter nicht zu wissen – oder zumindest zu verdrängen.