Hoffnung auf bessere Zeiten unter dem russischen Tannenbaum

Innerhalb von knapp 25 Jahren verlieren viele Russen bereits zum dritten Mal ihr Erspartes. Die Menschen leiden unter der Währungskrise, dem tiefen Ölpreis und den Sanktionen des Westens. Dennoch nehmen sie es hin und versuchen zu retten, was sie können – und hoffen auf eine Besserung ihrer Lage.

Ein Mann und ein Kind betrachten eine Reihe brennender, dünner Kerzen. Hintergrund dunkel.

Bildlegende: Viele Russen gehen an Weihnachten in die Kirche – wie hier in Stavrapol im Süden des Landes. Reuters

Der Slawist Ulrich Schmid ist Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen. Er weiss, was es mit der vielbeschworenen Leidensfähigkeit der Russen auf sich hat, und warum sich die Mehrheit trotz Krise nicht von Präsident Wladimir Putin abwendet.

SRF: Die Russen begehen das diesjährige orthodoxe Weihnachtsfest wegen der Rubelkrise, dem tiefen Ölpreis und den Sanktionen unter schwierigen Umständen. Wie schlimm ist die Situation?

Ulrich Schmid: Das Jahr 2014 war ein sehr unruhiges Jahr für Russland. Es gab eine Welle des Patriotismus' nach der Annexion der Krim. Man hat das sehr begrüsst. Präsident Putin hatte es explizit damit begründet, dass Russland im Jahr 988 auf der Krim christianisiert worden sei, dass die Krim so etwas sei wie der Tempelberg für die Juden. Das ist natürlich eine Überzeichnung der Tatsachen. Aber trotzdem: Putin hat es geschafft, 80 Prozent der Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen. Und im Moment müssen die Russen in einem gewissen Sinn den Preis für die Geschehnisse im 2014 zahlen. Das wird vielen den Blick ins 2015 erschweren.

Sie haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im damaligen Leningrad studiert und dort die Währungskrise von 1991 miterlebt. Wie war das?

Die aktuelle Währungskrise ist eigentlich schon die dritte in den letzten 25 Jahren. Als ich Anfang der Neunzigerjahre in Russland war, trat eines Abends plötzlich der Wirtschaftsminister in den Fernsehnachrichten auf. Er sagte, er habe festgestellt, dass mit grossen Noten – von 50 und 100 Rubel – Spekulation betrieben werde. Deshalb seien die ab sofort ungültig. Da zückte ich sofort mein Portemonnaie, um nachzusehen, wie viele 100er-Noten ich hatte. Vielen anderen in Russland ging es ebenso. Das ist natürlich ein Schlag ins Gesicht für die Bürger, wenn die eigene Regierung entscheidet, ein Zahlungsmittel einfach aus dem Verkehr zu ziehen.

Wie haben die Leute damals darauf reagiert?

Erstaunlich ruhig. Man war sich schon allerhand gewohnt. Der Verlust des Bargelds war nicht das Schlimmste. Sondern das Schlimmste war, dass die Guthaben auf den Sparkonti durch die Hyperinflation zusammenschmolzen wie Schnee im Frühling. Man hat sich in den Kauf von Waren in Fremdwährungen geflüchtet. Damals hat man noch hauptsächlich mit Dollar bezahlt.

Sie sagen, das sei schon die dritte Währungskrise seit 1991. Das heisst, einige Menschen haben zum dritten Mal das, was sie mühsam erspart haben, verloren?

Ja, das ist so. Deshalb hat Russland auch eine relativ geringe Sparquote. Die Leute haben wenig Vertrauen in die Stabilität der Währung. Man versucht einfach, das Geld in Immobilien und Waren zu investieren.

Die Leidensfähigkeit derer, die ihr Erspartes verlieren, ist schwer nachzuvollziehen...

Diese Leidensfähigkeit hat auch mit der historischen Erfahrung zu tun. Russland hat im 20. Jahrhundert Hungersnöte erlebt. Es hat einen schlimmen Krieg durchgemacht mit fast 25 Millionen Todesopfern. Und schliesslich ist auch die Wendezeit der Achtziger- und Neunzigerjahre wirtschaftlich schwierig gewesen.

Das Gespräch führte Susanne Brunner.