Hungerstreik am Bahnhof Bicske

Die ungarische Polizei hat einen in Richtung österreichische Grenze fahrenden Zug mit Flüchtlingen angehalten. Einige Reisende wurden in ein Lager gebracht, andere harren im Zug aus und verweigern die Nahrungsaufnahme.

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Die Situation im Bahnhof von Bicske spitzt sich zu

1:24 min, aus Tagesschau Nacht vom 4.9.2015


Journalist Bernhard Odehnal berichtet aus Bicske

5:41 min, aus SRF 4 News aktuell vom 04.09.2015

Ein Zug mit Flüchtlingen hatte den Ostbahnhof von Budapest verlassen, um nach Sopron in der Nähe der österreichischen Grenze zu fahren. Doch die Reise endete abrupt. Kaum angerollt ist er – in der Nähe eines der grössten Aufnahmelager Ungarns – auch schon wieder angehalten worden.

«Kein Lager, kein Lager»

Wie die amtliche ungarische Nachrichtenagentur MTI meldete, wurden die Menschen von der Polizei angewiesen, den Zug in Bicske, rund 40 Kilometer westlich von Budapest, wieder zu verlassen. Diese aber wehrten sich.

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SRF-Sonderkorrespondent Marcel Anderwert aus Bicske

2:05 min, aus 10vor10 vom 3.9.2015

Sie drängten zurück in den Wagen. Sie schlugen – einem Reuters-Reporter zufolge – an die Fenster und riefen «Kein Lager, kein Lager». Einige von ihnen legten sich gar auf die Gleise, um gegen den Transport in das Lager zu protestieren.

Zuletzt wurden einige Flüchtlinge ins Lager gebracht, andere verharren noch immer im Zug, einige verweigern die Nahrungsaufnahme.

Am frühen Nachmittag erklärte die ungarische Polizei den Bahnhof von Bicske dann zum Einsatzgebiet. Alle Medienvertreter wurden zum Verlassen aufgefordert. Die Einsatzkräfte hätten dabei auch Schlagstöcke gegen Journalisten eingesetzt, berichtet ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters. Später erklärte die Polizei, man habe nur die Personalien der Flüchtlinge kontrollieren wollen, was im Bahnhof in Budapest nicht möglich gewesen sei.

Flüchtlinge waren in Scharen zu den Gleisen geströmt

Zuvor hatte sich die ungarische Polizei nach fast zweitägiger Blockade erneut vom Budapester Ostbahnhof zurückgezogen. Daraufhin waren am Morgen Hunderte Flüchtlinge auf die Bahnsteige geströmt und hatten erfolgslos versucht, an Bord von Zügen zu gelangen.

Die Flüchtlinge drängten sich auf den Bahnsteigen und vor den Zügen. Viele hatten Fahrkarten in der Hand. Rund um den Hauptbahnhof warten seit Tagen Tausende Migranten auf ihre Weiterreise, Hauptzielland ist Deutschland.

Am späteren Nachmittag meldete die österreichische Polizei, dass sie keine weiteren Flüchtlingszüge aus Ungarn mehr erwarte. In den regulären Zügen seien während des Tages über 40 Flüchtlinge in den beiden grössten Bahnhöfen Wiens angekommen.

Die Glückskette ruft zu Spenden für die Flüchtlinge auf. Diese können auf das Konto 10-15000-6 (Vermerk «Flüchtlinge»), auf www.glueckskette.ch oder via App «Swiss Solidarity» überwiesen werden.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Flüchtlinge: Krise in Ungarn

    Aus 10vor10 vom 3.9.2015

    Heute hat der Bahnhof Budapest für die Flüchtlinge wieder seine Tore geöffnet. Weit kamen sie jedoch nicht. Beunruhigend sind auch die Nationalisten in Ungarn, die die Flüchtlinge wüst beschimpfen. Präsident Orban weilte derzeit in Brüssel und äusserte sich zur kritischen Situation. Sonderkorrespondent Marcel Anderwert ist am Ort des Geschehens.