«Ich weiss, wie man Schleppern das Handwerk legt»

Eine Million Flüchtlinge sind zur Zeit in Libyen. Sie haben alle das Ziel, von dort nach Europa zu gelangen. Der Schlüssel, den Menschenstrom zu regulieren und den Schleppern beizukommen, liege nicht in der militärischen Überwachung der Küsten Libyens, sagt ein örtlicher Grenzwächter.

Eine Gruppe von weiblichen Flüchtlingen in einem Auffanglager bei Tripolis.

Bildlegende: Gestrandet im Transitland Libyen: Abertausende Menschen warten in Nordafrika auf die Überfahrt nach Europa. Reuters

Salam Ismail, libyscher Grenzwächter

Bildlegende: Will Europa helfen, gegen Schlepper vorzugehen? Einer der libyschen Grenzwächter fordert Hilfe. SRF

Der jugendlich wirkende Salam Ismail war zu Gaddafi-Zeiten Kapitän eines Fischkutters und hat sich dann revolutionären Brigaden im Kampf gegen den Despoten angeschlossen. Heute arbeitet er als Kommandant einer Grenzbrigade unter der Regierung in Tripolis und hat die Aufgabe, die Südgrenze des Landes zu beschützen. Die international anerkannte Tripoliser Regierung kontrolliert rund drei Viertel des Landes, die offizielle Regierung in Tobruk nur einen Viertel.

Der Süden Libyens ist der wichtigste Zugang für Migranten und Flüchtlinge aus den Sahelstaaten und Ländern Schwarzafrikas, sagt Salam Ismail: «Die Region im Süden Libyens an den Grenzen zu Niger, Tschad und Algerien ist das weitaus bedeutendste Einfallstor für sogenannte klandestine Migranten. Dort sind die Schleuser aktiv, dort werden aber auch Drogen geschmuggelt.» Die Region sei zurzeit sehr instabil, und die Grenzen faktisch ungesichert. Er hoffe, schliesst der Grenzwächter, dass die Regierung in Tripolis ihnen helfe, ihre Aufgabe besser wahrzunehmen.

«Hauptproblem sind die Schlepper»

Das Vordringen von Dschihadisten aus Mali sowie anderen Ländern der Sahelzone erachtet Ismail hingegen als kein dringendes Problem: «Das Hauptproblem sind die Schleuser und die Drogenschmuggler. Diese importieren Marihuana, Heroin, aber auch alkoholische Getränke nach Libyen.» Viele der klandestinen Migranten aus dem Süden brächten selber Drogen mit sich, um sich auf solche Weise die Reise in den Norden zu finanzieren.

Die Schlepper, die Flüchtlinge und Migranten nach Libyen und von dort weiter nach Europa schleusen, seien mehrheitlich Libyer, erklärt der Kommandant Ismail. Die meisten von ihnen seien schon unter Ghaddafi im Schleppergeschäft tätig gewesen. Ghaddafi habe sie auf europäischen Druck lediglich eine Zeitlang aus dem Verkehr gezogen. Jetzt aber hätten sie freie Hand.

Preise für Überfahrt sind gesunken

Ismail beobachtet, dass die Preise für Schlepperdienste in letzter Zeit deutlich gefallen sind: «Noch vor fünf Jahren bezahlten Migranten einem Schlepper rund 5000 Dollar. Heute liegen die Preise zwischen 500 und 700 Dollar. Dennoch können Schlepper pro Fahrt brutto noch immer bis zu 200'000 Dollar verdienen.»

Und dann sagt Salam Ismail, der Kommandant einer Einheit der libyschen Grenzwache, plötzlich etwas aus europäischer Sicht Erstaunliches und wechselt auf arabisch. «Wir kennen diese Schmuggler. Es sind maximal 25 Personen. Wir kennen ihr Netzwerk. Ich habe sogar ihre Mobilfunknummern und diejenige ihrer Kontaktpersonen in Libyen und in Europa, vor allem in Italien.» Sie verfügten auch über Videoaufnahmen, welche die Aktivitäten dieser Schlepper dokumentieren.

Ismail legt noch nach: «Ich habe eine Lösung für diese Probleme. Voraussetzung ist, dass Europa mit uns zusammenarbeitet und uns Vertrauen schenkt.»

Der wichtigste Kampf finde an den libyschen Südgrenzen statt, nicht an der Küste. Doch dafür brauche er eine bessere Ausrüstung für die Truppen. Er brauche Geld, um meine Grenzwächter zu bezahlen. Er brauche Lastwagen, Funkgeräte, vielerlei Ausrüstung, sagt Ismail.

Europa muss mithelfen

Es sei möglich, den Schleppern das Handwerk zu legen und den Strom klandestiner Migranten zu stoppen, sagt Ismail weiter. Falls Europa aber zu keiner Zusammenarbeit bereit sei, dann stelle auch Libyen seinen Kampf gegen die illegale Immigration ein, sagt Salam Ismail. Das bestätigt Jamal Zubia vom Aussenministerium der Tripolis-Regierung. Er ergänzt: «Falls Europa nicht interessiert ist, mit uns zusammenzuarbeiten und uns in dieser Sache zu unterstützen, dann ist es besser für uns, die Migranten ungehindert nach Europa ziehen zu lassen statt sie mit viel Aufwand festzunehmen und sie in ihre Länder zurückzuschicken.»

Eine militärische Aktion vor den Küsten Libyens lehnt Salam Ismail aber strikte ab: «Eine militärische Aktion – etwa die Bombardierung von Häfen in Schlepperhochburgen – wäre in jeder Hinsicht kontraproduktiv.» Die libysche Bevölkerung würde sich in dem Fall mit den klandestinen Migranten solidarisieren und sie nach Europa ziehen lassen, sagt er. Es gebe nur eine Lösung: Europa muss sich mit der Tripolis-Regierung zusammensetzen und gemeinsam eine Strategie ausarbeiten.