«Ich würde nie mehr in dieses Schiff steigen»

Die Familie Al-Sabah gehört zu den Glücklichen, die die Odyssee übers Mittelmeer überstanden haben – wenn auch nur mit viel Glück. Seit mehreren Monaten lebt sie nun im Asylzentrum im bernischen Lyss.

Symbolbild: Ein riesiges Gummiboot, vollgepfercht mit Menschen, dümpelt auf dem offenen Meer.

Bildlegende: Flüchtlinge unterwegs nach Europa: Die Odyssee der Familie Al-Sabah dauerte 13 Tage. Reuters

Niemals würde sie ein zweites Mal an Bord dieses Schiffes gehen, sagt die Mutter der Familie Al-Sbah, Samar. «Lieber würde ich zuhause in Syrien von einer Rakete getötet als noch einmal diese Fahrt übers Mittelmeer zu machen.» Fast ein Jahr ist es her, seit Samar mit ihrem Mann, ihrer Schwester, dem Schwager und den sechs Kindern von Ägypten in Richtung Europa aufbrach.

Das Schiff im Video schwankt bedrohlich

Merhr als 500 weitere Syrer drängten sich an Bord des Schiffes. Samars jüngstes Kind war gerade mal jährig. Ein Handy-Video zeigt die Familie an Bord, die Wellen peitschen gegen das Schiff. Es schwankt bedrohlich. Die Menschen an Bord stehen, sitzen und liegen im Freien. 13 Tage dauerte die Odyssee – einmal trieben sie mit defektem Motor drei Tage lang auf offener See.

«Ich habe gewusst, dass es schlimm wird», sagt Samar. Dass es aber so schlimm wurde, habe sie sich nicht vorstellen können. Die Schlepper hätten sie wie Vieh behandelt. Essen und Wasser seien rasch knapp geworden. Das Wasser hätten sie für die Kleinen aufgespart, sagt Ahmad, der 18-jährige Sohn von Samar. Doch das Wasser war verschmutzt, die Kinder wurden krank.

«Das ist das Ende»

«Wir sterben, wir sterben», hätten die Kinder geschrien. «Nein, Gott ist bei uns», sagte ihnen Samar wieder und wieder. Der Kapitän, ein junger Ägypter, habe die Menschen an Bord terrorisiert. Niemand durfte ihn ansprechen, und einmal drohte er, das Schiff untergehen zu lassen. «Ich war sicher: Das ist jetzt das Ende», sagt Samar und beginnt zu weinen.

Nach 13 Tagen fand die italienische Küstenwache das Schiff schliesslich. Der Kapitän sei festgenommen worden, die völlig erschöpften Kinder kamen ins Spital. Das ist fast ein Jahr her.

Schlepper verlangten 2500 Dollar pro Person

Doch die Fluchtgeschichte dieser syrischen Familie geht viel weiter zurück: Vor dem Krieg arbeiteten die beiden Väter als Handwerker. Als die Kämpfe begannen, ging auch die Arbeit aus, denn selbst in ihrem Quartier in Damaskus wurde plötzlich geschossen. Die Familie floh nach Ägypten und versuchte anderthalb Jahre lang, dort Fuss zu fassen. Doch auch in Ägypten fühlte sie sich unsicher.

Als das Geld allmählich knapp wurde, riefen die Al-Sabahs die Schlepper an. 2500 Dollar pro Erwachsenen und pro Jugendlichen habe die Fahrt gekostet, sagt Samars Ehemann Radvan. Diese Schlepper seien skrupellose Seelen-Händler.

Freunde lassen sich nicht abhalten

Jetzt, mit der neuesten Katastrophe im Mittelmeer mit über 800 Toten, kommt bei der Familie Al Sabah alles wieder hoch. Man müsse mehr tun, um diese Schiffe zu stoppen und die Menschen zu retten, sagt Samar.

Jetzt versucht die Familie, Freunde und Verwandte davon abzuhalten, ebenfalls in ein Schiff Richtung Europa zu steigen. Sie hätten ihnen ihre Handy-Videos geschickt und geschrieben, sie sollten das nicht machen, es sei viel zu gefährlich. Doch es nützt nichts. Obwohl er sie gewarnt habe wisse er von Freunden und Verwandten, die die Fahrt übers Mittelmeer planten, sagt Mahmut, der Schwager von Samar.

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