Im Epizentrum des Wettskandals

Sauber und frei von Korruption: Singapurs Image ist makellos. Doch die Verstrickungen im grössten Betrugsfall der Fussballgeschichte kratzen am Ruf. Die Behörden sind alarmiert. Ändern wird sich kaum etwas.

Blick auf die Skyline Singapurs.

Bildlegende: Es ziehen Wolken auf: Singapur gerät wegen der heimischen Wettmafia vermehrt in den internationalen Fokus. Keystone

Die Behörden in Singapur kennen ihn. Sein Name: Dan Tan. Sein Alter: 47. Seine Adresse: bekannt. Sein Beruf: Geschäftsmann – offiziell zumindest.

Auch die italienischen Behörden kennen Dan Tan. Sie sehen in ihm einen Betrüger. Er soll, so die Anschuldigung, den grössten Wettskandal der Fussballgeschichte finanziert haben. Er soll die Betrügereien gar selbst organisiert haben. 

Europol spricht von insgesamt 380 manipulierten Spielen zwischen 2008 und 2011. Das Epizentrum der Betrügereien liegt in Singapur. Bei wie vielen Spielen hatte Dan Tan seine Finger im Spiel? Das hat die europäische Polizeibehörde nicht mitgeteilt.

Die Polizei in Singapur reagierte auf die Anschuldigungen. Man werde mit den internationalen Behörden zusammenarbeiten, gab sie bekannt. Ein internationaler Haftbefehl wurde ausgestellt. Doch Dan Tan ist immer noch auf freiem Fuss. Warum? Der SRF-Korrespondent in Asien, Urs Morf: «Eventuell liegen nicht genügend Beweise gegen Dan Tan vor. Vielleicht laufen aber auch schon Untersuchungen.»

Der Westen ist entrüstet

Am 4. Februar legte Europol den grössten illegalen Wettsumpf im Fussball offenlegte. Der Aufschrei im Westen war gross. Die Medien empörten sich. Der internationale Druck drohte, das Saubermann-Image Singapurs nachhaltig zu beschmutzen. Die Regierung des südostasiatischen Inselstaates fühlte sich gedemütigt, an den Pranger gestellt. Sie musste reagieren.

Wettbetrug in Singapur – das ist doch das Normalste der Welt. Das sagt zumindest der Autor und Singapur-Kenner Neil Humphreys im australischen Radio.

Betrug im Sport gab es schon immer. Doch nun floriert er. Das hat vor allem zwei Gründe:

  • Singapur ist gut vernetzt. Dazu Korrespondent Morf: «Das Internet ist schneller und besser als im Rest Südostasiens.» Und das Internet ist das Hauptinstrument beim Platzieren von Wetten.
  • Die Insel ist ein Steuer- und Bankenparadies. «Für Finanztransaktionen jeglicher Art gibt es mehr Freiräume als in der Schweiz», sagt Morf. Banken gewähren ihren Kunden eine grössere Anonymität.

Illegale Wettsyndikate konnten jahrzehntelang im Untergrund wachsen und gedeihen. Die Betrüger manipulierten zuerst lokale Ligen und entwickelten das nötige Know-how. 1994 kam der grösste Wettskandal der Region ans Tageslicht. Im renommierten Malaysia Cup hatten die Betrüger die Ergebnisse beeinflusst. Singapur wurde aus dem Wettbewerb ausgeschlossen. Viele Spieler erhielten lebenslängliche Sperren.

Wettbetrug: Na und?

Und die Fans? Sie zeigen sich gleichgültig. «Die Menschen auf der Strasse zucken einfach nur mit den Achseln», sagt Autor Humphreys. Daher werde auch der neuste Skandal nichts ändern – trotz seines gigantischen Ausmasses. Die Behörden des Inselstaates wollten nur eins, so Humphreys: Aus der aufgeblähten Empörung des Westens etwas Luft ablassen.