Jahrestag in der Türkei Im Kopftuch gegen die Panzer: Die neuen Heldinnen der Türkei

Vor einem Jahr versuchte das türkische Militär die Regierung Erdogan zu stürzen. Doch der Putsch scheiterte. Nicht zuletzt, weil unzählige Menschen gegen das Militär und für Präsident Erdogan auf die Strasse gingen.

Video «Im Kopftuch gegen die Panzer» abspielen

Im Kopftuch gegen die Panzer

1:50 min, vom 14.7.2017

Beim Putschversuch vor einem Jahr kamen mehr als 300 Menschen ums Leben, über die Hälfte waren Zivilisten. Unzählige weitere wurden verletzt. Einige Frauen und Männer hatten sich in der Putschnacht vor die Panzer gestellt. Heute werden sie im ganzen Land gefeiert und als Helden und Propagandafiguren herumgereicht.

Sie sind die Vorbilder für die Türkei von Präsident Erdogan: patriotisch, gottesfürchtig und mutig. Eine dieser Heldinnen ist Safiye Bayat: Hausfrau, Mutter, Mitte dreissig.

Safiye Bayat stellte sich vor die Panzer

In der Putschnacht besetzte die Armee wichtige strategische Orte, so wie die Bosporus-Brücke. Doch die Soldaten hatten die Rechnung ohne die Bevölkerung gemacht, die zu Zehntausenden auf die Strasse ging und sich der Armee in den Weg stellte.

Safiye Bayat wollte nichts Geringeres, als die Soldaten zu überzeugen, ihre Panzer abzuziehen. Erbarmungslos wurde auf sie gefeuert, als sie einer verwundeten Frau helfen wollte. Die Kugeln zerschmetterten ihr Schienbein.

Die Muslima ist überzeugt, dass der Militär-Putsch nur dank Allah gescheitert ist. Zu den anhaltenden Säuberungsaktionen gegen Regimekritiker und das Militär sagt sie:

«  Das ist göttliche Gerechtigkeit. Allah wird mir darum auch vergeben, dass ich in der Putsch-Nacht nicht auf meinen Mann gehört habe. »

Als Safiye Bayat auf dem Weg zur Bosporus-Brücke war, rief sie ihr Mann an. Er wollte, dass sie wieder nach Hause geht. Aber sie war schon fast auf der Brücke. Darum sagte sie ihm: «Mein Liebster, bitte vergib mir. Ich muss dahin gehen. Es ist für mein Vaterland.» Es war das erste Mal in ihrer Ehe, dass sie nicht machte, was er sagte.

Von der Hausfrau zur Heldin

Auf ihrer Facebookseite sieht man klar: Seit dieser Nacht ist Safiye Bayat ein Star, der am Tisch mit den Mächtigen sitzt, eine Heldin, die Landesweit Vorträge hält und als patriotisches Vorbild gilt. Auf diesem Bild präsentiert beispielsweise eine Porzellanmanufaktur ihre neue Linie mit den Märtyrern des 15.7.

Manchmal ist die plötzliche Berühmtheit mit den vielen Verpflichtungen Safiye Bayats etwas viel für ihre Familie. Denn eigentlich ist ihre Rolle dort vor allem eines – Mutter und Ehefrau.

«  Klar mag ich es, wenn mir Freunde sagen, Mensch, du hast eine mutige Frau. Doch eigentlich ist sie einfach meine Ehefrau, mit der ich lebe. Und ich merke gar nicht so, dass sie eine Heldin ist. »

Hüsamettin Bayat
Ehemann

Anders sieht das der Präsident des türkischen Schriftstellerverbandes: «Safiye Bayat ist ein Vorbild für die kommenden Generationen. Sie ist eine inspirierende Heldin, die sowohl islamische als auch patriotische Werte verkörpert. Ihre Geschichte sollte in Bücher für Schüler aufgenommen werden.»

Denkmal für die Märtyrer

Am ersten Jahrestag des Putsches will Safiye Bayat zurück auf die Bospurus-Brücke. Diesmal mit ihrer Familie. Bis dann wird auch das Denkmal für die Toten dieser Nacht fertig sein, das sie – zusammen mit anderen Helden und Politikern – offiziell eröffnen wird. Die Bospurus-Brücke heisst heute «Brücke der Märtyrer des 15. Juli».

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • FOKUS: Einschätzungen aus Istanbul Teil 2

    Aus 10vor10 vom 13.7.2017

    Da die Heldin, auf der anderen Seite die Opposition, der man immer vorwirft, schwach zu sein. Am letzten Wochenende versammelte sich die Opposition zu einer Kundgebung. Wird die unterschätzt? «10vor10» fragt Türkei-Korrespondentin Ruth Bossart live in Istanbul.

  • FOKUS: Seit dem Putsch eine Heldin

    Aus 10vor10 vom 13.7.2017

    Seit dem Putsch leben viele in Angst. Doch Safiye Bayats Vitrine ist voll mit Ehrungen und Medaillen. Sogar von Präsident Erdogan persönlich gab es ein Dankeschön und Geschenke. Dies, weil sich die Hausfrau öffentlich gegen die Putschisten wehrte.

  • FOKUS: Einschätzungen aus Istanbul Teil 1

    Aus 10vor10 vom 13.7.2017

    Präsident Erdogan hat im letzten Jahr seine Macht kontinuierlich ausgebaut. Wo führt das noch hin? «10vor10» fragt Türkei-Korrespondentin Ruth Bossart live in Istanbul.