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Im Land der Pyramiden Das exotische Deutschland

Im Herzen Deutschlands, im Grenzgebiet zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt, liegt eine unbekannte und geheimnisvolle Region, die von schwarzen Pyramiden geprägt ist, grösser als ihre Vorbilder am Nil. Ein geheimnisvolles bis unheimliches Gravitationszentrum deutscher Geschichte.

Legende: Audio Im Land der Pyramiden – exotisches Deutschland abspielen.
28 min, aus International vom 24.02.2018.

Plötzlich tauchen sie aus dem Grün der Landschaft auf. Auf der A38 zwischen Göttingen und Halle, auf der Höhe von Sangerhausen. Riesige, schwarze Pyramiden, symmetrisch wie die berühmten Vorbilder am Nil, nur höher: Bis zu 150 Meter ragen sie in die Höhe. Wenn man an der Autobahn-Tankstelle aussteigt, liegt ein Summen in der Luft, von den Windrädern und den Hochspannungsleitungen.

Schwarzes Loch der Geschichte

Und so wirkt diese Gegend: wie ein Energiezentrum, wie eine Art schwarzes Loch. In der Physik ist das ein Objekt mit einer solch starken Gravitation, dass weder Materie, noch Licht- oder Radiosignale, diese Umgebung verlassen können. Das Land der Pyramiden ist ein schwarzes Loch der Geschichte: Geschichte und Geschichten, Kultur und Mythen konzentrieren sich in diesem Landstrich. Im Schatten der Pyramiden liegt beispielsweise Eisleben, Geburt- und Sterbeort von Martin Luther.

Der Reformator hat Deutschland wahrscheinlich mehr als alle anderen geprägt, aber er hat nicht nur die Neuzeit eingeleitet, sondern auch negativen Einfluss. Manche Historiker sehen in ihm auch den Anfang einer gefährlichen Obrigkeitsgläubigkeit in Deutschland. Und er war ein Antisemit. In der weiteren Umgebung von Eisleben liegt Eisenach, Geburtsort von Bach. Zwei der wichtigsten deutschen Persönlichkeiten stammen aus derselben Region. Dazwischen ist das Barbarossa-Denkmal auf dem Kyffhäuserberg, das mittlerweile zum Wallfahrtsort des extremen Flügels der rechtspopulistischen AfD geworden ist, weil der Sage nach dort Kaiser Barbarossa schläft und aufwachen wird, wenn des «Reiches Herrlichkeit wiederkehrt».

Schicht im Schacht

Im sogenannten Mansfelder Land wird seit 800 Jahren Kupfer und Silber abgebaut. Der Abraum aus dem Bergbau, das sog. tote oder taube Gestein, wurde zu riesigen Pyramiden aufgeschichtet. 1990, nach dem Untergang der DDR, wurde der Bergbau abrupt eingestellt. Er war längst nicht mehr rentabel. Zehntausende Menschen standen von einem Tag auf den anderen auf der Strasse. Der berühmte Film «Schultze gets the Blues» (2003) mit dem Schauspieler Horst Krause in der Hauptrolle hat dieser Zeit und seinen Menschen ein berührendes Denkmal gesetzt. Die Arbeitslosenquote in der Region gehörte noch lange Jahre zu den höchsten in Deutschland.

Der letzte Schacht, den man noch besichtigen kann, ist der Röhrigschacht Wettelrode bei Sangerhausen. Tief unten im Berg stehen die Maschinen noch genau so da, wie sie vor 28 Jahren abgestellt wurden, sogar das Öl von damals ist noch in den Motoren. Und im Logbuch des Schachts, das noch immer tief im Berg neben den Maschinen liegt, steht auch das Datum: Am 17. April 1990 um 15 Uhr 25 war Schicht im Schacht. Alles ist genau noch so, wie damals.

Bergmann Erich Hartung fand nach dem Ende des Bergbaus zwar Arbeit, «aber es war ein ganz schlimmer Job». Einst als Bergmann geachtet, fuhr er nun als Vertreter von Ort zu Ort und versuchte Baustoffe zu verkaufen: «Klinkenputzen an vielen Türen klingeln, hoffen, dass jemand, was kauft.» Das ging ganz gut, weil er viele Kunden persönlich kannte, aber dennoch zahlten die Käufer nicht. Sie hatten kein Geld oder gingen Pleite.

Plakat der Stadt Sangershausen.
Legende: Die Stadt Sangerhausen spielt ironisch mit dem Bild der Pyramiden. Auf einem Plakat zeigt sie auf einer Fotomontage die Abraumpyramide in Sangerhausen neben einer ägyptische Pyramide mit einer Karawane. Der Spruch «Abgekupfert, na und?» hat auch deshalb Humor, weil in Sangerhausen Kupfer gefördert wurde. SRF/Peter Voegeli

Allmähliches Ende des Blues

Heute macht Hartung Führungen im Röhrigschacht Wettelrode. Nicht nur seine persönliche Situation, auch die Lage in der Region hat sich fast 30 Jahre nach der Wende, dem Zusammenbruch der DDR und der Schliessung des Bergbaus, stabilisiert. Die Abwanderung in den Westen ist gestoppt. Seit wenigen Jahren ziehen gleich viele Menschen nach Ostdeutschland wie in den Westen abwandern. Die Zuzüger finden Arbeit in den boomenden Zentren wie Leipzig oder pendeln in den Westen nach Niedersachsen zu VW. Die neuen Autobahnen ziehen Logistikunternehmen an; die Region selbst allerdings hat nur wenige Jobs in der Landwirtschaft zu bieten. Aber immerhin: Der Wanderungssaldo ist ausgeglichen.

Am Fusse einer der grossen schwarzen Pyramiden in Gerbstedt hat sich ein Schützenverein eingenistet. Und der Vorsitzende Herbert Lange erzählt stolz: «Ich war vor einigen Jahren in Ägypten und habe mich mit Ägyptern vor Ort angefreundet und ihnen gesagt: Wir haben viel grössere Pyramiden als ihr. Dann habe ich unsere im Mansfelder Land fotografiert und per Mail nach Ägypten geschickt. Das glauben die mir heute noch nicht. Die glauben, ich hätte eine Fotomontage geschickt.»

Heute werden die Pyramiden als Kugelfang und illegal von Motocross-Fahrern oder Gleitschirmfliegern genutzt.

Schon zu Luthers Zeiten florierte der Bergbau im Mansfelder Land. Der Vater von Martin Luther hatte es mit dem Bergbau zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Von seiner Tätigkeit zeugt noch eine kleine Pyramide, etwa drei Meter hoch und 15 Meter lang, bestehend aus den Überresten der Kupfergewinnung von damals, dem «tauben Gestein». Die sog. Lutherhalde, irgendwo im Mansfelder Land, ist vielleicht der wichtigste Steinhaufen der deutschen Geschichte. Der Hallenser Sozialgeograf Klaus Friedrich sagt, etwas zugespitzt: «Ich glaube, ohne diesen Steinhaufen gäbe es die Reformation nicht. Denn Luthers Vater hat durch den Bergbau einen bescheidenen Reichtum erwirtschaftet und konnte so das Studium seines Sohnes finanzieren. Und das war wiederum ein wesentlicher Impuls dafür, dass Luther die Reformation anstossen konnte und damit eine völlig neue Sicht auf die Welt und den Beginn der Neuzeit.» Andererseits kennt niemand diesen berühmtesten Steinhaufen Deutschlands in der ostdeutschen Provinz, nicht einmal die Menschen in der Umgebung. Ein Nachbar sagte: «Ich wohne erst seit 1961 hier und weiss nicht, wo diese sog. Lutherhalde sein könnte.» Der berühmteste Steinhaufen der deutschen Geschichte liegt in einem Privatgarten vor einer Leine mit Wäsche und hinter einem vertrockneten Weihnachtsbaum.

Land der Mythen

60 Kilometer südöstlich von der Lutherhalde und der Pyramide in Gerbstedt liegt der Kyffhäuserberg mit dem Barbarossadenkmal, das an die mittelalterliche Sage vom schlafenden Kaiser Barbarossa erinnert, der aufwachen werde, wenn die Herrlichkeit des Reichs wieder auferstehen wird.

Seit 2015 organisiert «Der Flügel», die extreme Rechte der rechtspopulistischen AfD ein sog. Kyffhäusertreffen. Der Chef ist thüringische AfD-Chef Björn Höcke, der Scharfmacher der Partei, der bewusst als «Wolf im Schafspelz» auftritt, um sich dann nach dem Proteststurm auf seine provozierenden Äusserungen («Mahnmal der Schande») als «Schaf im Wolfspelz» zu geben: «War nicht so gemeint.» Er beschwört am Kyffhäuser die mythische Vergangenheit Deutschlands. Mit ihren jährlichen Treffen versucht die AfD diese Gegend für sich zu vereinnahmen.

Höcke ist aus dem Westen, aus Rheinland-Pfalz, nach Thüringen zugezogen. Genauso wie der Vordenker der AfD, Götz Kubitschek, der aus Baden-Württemberg im Schatten der Pyramiden seine Heimat gefunden hat. Er spricht von Deutschland als einem «Reichsvolk». Das bedeute «für andere zu ordnen, für andere zu bluten, überall sein Kontingent zu stellen, wo Ordnung hergestellt werden muss. Das ist doch beinahe eine Erzählung aus mythischer Zeit», sagt Kubitschek im Gespräch mit Radio SRF, um als Fazit zu formulieren: «Deutschland ist kein Land, das im Windschatten der Geschichte gehen kann.»

Das kann Vieles und auch Beunruhigendes bedeuten, sowohl Höcke als auch Kubitschek nutzen bewusst vage Ausdrücke. Beide entkorken wie Zauberlehrlinge eine Flasche mit gefährlichen begrifflichen Nebeln. Kubitschek und Höcke glauben zwar nicht, dass der schlafende Kaiser Barbarossa auferstehen wird, aber sie sehen in dieser Region einen politischen «Gärungsraum», der nach dem Untergang der DDR, der hohen Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation für die AfD gewonnen werden kann. Auch mit dem Rückgriff auf Mythen. Auch deshalb glauben sie, im Land der Pyramiden geografisch ihre Heimat gefunden zu haben. Und sie okkupieren den Ruf «Wir sind das Volk» aus dem Jahr 1989, als die Menschen auf die Strasse gingen und die DDR zu Fall brachten.

Der listige Maler

Auch die DDR versuchte die Geschichte für sich zu vereinnahmen. In Bad Frankenhausen, nur 20 Kilometer vom Kyffhäuser entfernt, liess sie ein kreisrundes Museum mit einem 1800 Quadratmeter grossen Panoramabild erstellen. Thema des Bildes sind die Bauernkriege des 16. Jahrhunderts, denn auf dem Hügel über Bad Frankenhausen, wo das kreisrunde Museum wie eine Revolvertrommel thront, hatte 1525 die entscheidende Schlacht der Bauern gegen die Obrigkeit stattgefunden, welche die Bauern unter Führung des Predigers Thomas Müntzer verloren hatten.

Das Panorama Museum in Bad Frankenhausen.
Legende: Das Panorama Museum in Bad Frankenhausen. SRF/Peter Voegeli

Die kleine DDR wollte mit dem Bild zeigen, dass die Wurzeln ihres Sozialismus bis in das 16. Jahrhundert reichten. Denn in den 1980er-Jahren zerbröckelten nicht nur die Städte, sondern auch die Macht der Partei. Die DDR brauchte Stabilität und suchte einen Anker in der Geschichte.

Der Maler Werner Tübke (1929-2004) fertigte von 1976-1987 dieses riesige Bild im Stil der Renaissance-Maler. Das leuchtende Meisterwerk aber stellte nicht die Vergangenheit dar, sondern die Probleme der Gegenwart, die Besucher sahen und sehen in diesem Bild die Probleme der Zeit. Insofern überlistete Tübke die Staat und Partei der DDR.

«Frühbürgerliche Revolution in Deutschland» von Werner Tübke.
Legende: «Frühbürgerliche Revolution in Deutschland» von Werner Tübke. ZK-MEDIEN/Tübke/VG Bild-Kunst Bonn

Aber auch die Geschichte wehrte sich erfolgreich gegen die Vereinnahmung durch die DDR. Im Zentrum des Bildes steht Thomas Müntzer, dem sinngemäss der Spruch «Wir sind das Volk» zugeschrieben wird. Doch als das Museum im Herbst 1989 offiziell eröffnet wurde, war dieser Ruf bereits auf die Strassen und Plätzen der DDR entwichen. «Wir sind das Volk» riefen die Menschen und brachten die DDR zu Einsturz.

Das Land der Pyramiden ist eine geheimnisvolle und unbekannte Gegend mit einer spannenden Geschichte und zeigt, dass der Nachbar Deutschland so exotisch sein kann wie Ägypten.

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