«In den Augen Moskaus kann nicht sein, was nicht sein darf»

Dass MH17 abgeschossen wurde, darüber gibt es keine Zweifel. Allerdings ist nach wie vor unklar, wer den Schiessbefehl gab. Russland und die Ukrainer beschuldigen sich gegenseitig, wobei eine Seite ganz klar die besseren Argumente hat, analysiert SRF-Korrespondent Peter Gysling in Moskau.

Zwei Männer sitzen vor einem Bildschirm, auf dem ein Flugzeugflug simuliert wird.

Bildlegende: Den niederländischen Untersuchungsbericht kontert Russland mit eigenen Recherchen. Keystone

Kein menschliches oder technisches Versagen war am Absturz der Malaysia-Airlines-Passagiermaschine MH17 über der Ostukraine Schuld. Es war eine BUK-Rakete, die das Flugzeug vom Himmel holte. So zeigt es der Abschlussbericht aus den Niederlanden.

SRF News: Solche BUK-Raketen werden in Russland gebaut. Ist also klar, dass Russland den Abschuss verschuldet?

Peter Gysling: Nein, solche Raketen befinden sich auch in den ukrainischen Armeebeständen. Man geht zudem auch davon aus, dass sich die von Russland unterstützten Separatisten bei ihren Eroberungen in der Ostukraine auch ukrainische BUK-Raketen aneignen konnten. Es sind vielmehr zahlreiche Indizien, die darauf hindeuten, dass Russland zumindest indirekt am Abschuss dieser MH17 beteiligt ist.

Es gibt Video- und Fotoaufnahmen, die belegen, dass eine russische BUK aus Südrussland in die Ostukraine und dann nach dem Abschuss sofort wieder nach Russland zurück transportiert wurde. Es gibt auch Tonmitschnitte des Funkverkehrs der Separatisten, die unmittelbar nach dem Abschuss zuerst frohlockten und dann erschraken, als sie realisierten, dass es sich um ein Passagierflugzeug handelt.

Neu liegt nun der niederländische Abschlussbericht vor. Wie reagiert Moskau darauf?

Moskau hat vorsorglich gekontert und gleichzeitig mit der Präsentation des niederländischen Untersuchungsberichts eigene Recherchen vorgestellt. Der BUK-Hersteller, die Firma Almas Antej, hat heute erklärt, ballistische Untersuchungen zeigten, dass das Flugzeug nicht vom ukrainischen Separatistengebiet abgeschossen worden sein könne und dass der Sprengsatz, welcher die Passagiermaschine zerstört habe, nicht aus jüngeren russischen Armeebeständen stammen könne. Deshalb deute alles darauf hin, dass die Ukrainer selbst die Maschine abgeschossen hätten.

Glauben die Russen das der eigenen Regierung?

Jene, welche sich vor allem im russischen Staatsfernsehen informieren, werden das glauben. Auch wenn es ziemlich unglaubhaft ist, dass die Ukrainer das Passagierflugzeug abgeschossen haben. Die Separatisten haben im Juli 2014 eine ganze Serie von ukrainischen Militärflugzeugen vom Himmel geholt, während die Ukrainer überhaupt nie ein Flugzeug abgeschossen haben. Und die MH17 flog von Westen Richtung Osten. Von daher konnten die Ukrainer die Maschine wohl kaum mit einer feindlichen Maschine, welche von Osten hätte kommen müssen, verwechseln. Solche Gegenargumente hört man aber hier in Russland kaum und wenn, dann nur in den kleinen liberalen Medien oder im Internet.

Ein UNO-Tribunal sollte die Schuldigen ermitteln. Das kam nicht zustande, aber ein internationales Tribunal zur Untersuchung ist nicht vom Tisch. Was würde das für Russland bedeuten?

«  Russland muss jede Mitschuld weit von sich weisen, denn es behauptet ja nach wie vor, am Krieg in der Ostukraine nicht beteiligt zu sein. »

Peter Gysling
SRF-Korrespondent

Russland hat sich vor allem deshalb gegen ein UNO-Tribunal gewehrt, weil es Russland schwer gefallen wäre, allfällige Schuldzuweisungen dieser Instanz von sich zu weisen. Die Ergebnisse einer anderen internationalen Untersuchungskommission, welche nicht das UNO-Gütesiegel tragen, kann Russland viel leichter anzweifeln. Und es scheint mir klar, dass Russland jede Mitschuld weit von sich weisen wird. Das muss es ja auch, denn Russland behauptet ja nach wie vor, am Krieg in der Ostukraine nicht beteiligt zu sein. Deshalb kann in den Augen Moskaus nicht sein, was nicht sein darf.

Peter Gysling

Porträt von Peter Gysling.

Peter Gysling arbeitet seit 1980 als Journalist für SRF. Während des Mauerfalls war er Korrespondent in Deutschland. Von 1990 bis 2004 und erneut seit 2008 ist er Korrespondent in Moskau.