«Cumhuriyet»-Prozess «In der neuen Türkei ist Erdogan der oberste Chefredaktor»

Die Repression gegen Journalisten wird sich auf die türkischen Wahlen auswirken, sagt Erdogan-Biografin Cigdem Akyol.

Çiğdem Akyol

Bildlegende: Çiğdem Akyol ist Journalistin, lebt in Istanbul und hat unter anderem eine inoffizielle Erdoğan-Biografie geschrieben. zvg

SRF News: Warum geht die türkische Regierung so hart gegen «Cumhuriyet» vor?

Cigdem Akyol: Das hat zwei Gründe. Erstens: «Cumhuriyet» ist die älteste und die letzte regierungskritische und unabhängige Zeitung der Türkei. Erdogan spricht immer wieder von der «Neuen Türkei». Die «Cumhuryet» ist aber Symbol der alten Türkei, der Türkei Atatürks. Für Erdogan gilt es, das Geschichtsbild zu redigieren und seine «Neue Türkei» in die Geschichtsbücher zu installieren. In dieser «Neuen Türkei» ist Erdogan der oberste Chefredaktor. Ein zweiter wesentlicher Punkt ist die Berichterstattung der «Cumhuriyet»: Im Mai 2015 hatte das Blatt Bilder und Berichte veröffentlicht, denen zufolge der türkische Geheimdienst Lastwagen voller Waffen zu islamistischen Kämpfern in Syrien transportierte. Daraufhin ging die Repressionswelle gegen die «Cumhuriyet» vehement los.

Geht es der Regierung Erdogan auch darum, ein Signal an andere türkische Journalisten zu senden?

Selbstverständlich. Die «Cumhuriyet» war lange Zeit lang quasi unantastbar, weil sie so ein altes und wichtiges Symbol ist. Wenn man zeigt, dass man auch dieses Blatt mundtot machen kann, zeigt man damit, dass man es eigentlich mit allen aufnehmen kann.

Ein Demonstrant hält eine Ausgabe der Cumhuriyet (Archivbild).

Bildlegende: Zeitung hinter Gitter: Ein Demonstrant hält eine Ausgabe der Cumhuriyet (Archivbild). Keystone

Für Journalisten wird die Arbeit in der Türkei immer schwieriger und gefährlicher. Gibt es so etwas wie Resignation?

Es ist erstaunlich, wie durchhaltefähig die türkischen Kollegen sind. Pressefreiheit wie wir sie in den demokratischen Ländern des Westens kennen, hat man in der Türkei noch nie gekannt. Man ist es gewohnt, unter Repression zu arbeiten. Alle türkischen Journalisten, die ich frage, sagen aber, sie haben noch nie so starke Repression erlebt wie unter der AKP-Regierung. Es gibt Resignation, das höre ich immer wieder. Die Menschen haben Angst um ihre Familien, fürchten sich vor Sippenhaft und müssen auch schlicht und einfach ihre Kinder ernähren können. Es gibt aber auch ganz viele Kollegen, die durchhalten und noch immer kritisch berichten. Die Frage ist: Wie lange kann das noch andauern.

«  Die «Cumhuriyet» war lange Zeit lang sowas wie unantastbar, weil sie so ein altes und wichtiges Symbol ist. »

Cigdem Akyol
Erdogan-Biografin

Sollten die Journalisten verurteilt werden, würde das bedeuten, dass die türkische Medienlandschaft unkritischer würde. Was würde das für die türkischen Wahlen 2019 bedeuten?

2019 finden in der Türkei Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Für Erdogan sind diese Wahlen enorm wichtig. Wenn er sie für sich und die AKP entscheiden kann, kann er sein Präsidialsystem endlich durchsetzen. Das heisst, es geht darum, die meisten – oder sogar fast alle – Kritiker mundtot zu machen. Es könnte sein, dass bis dahin kaum mehr kritische Medien in der Türkei stattfinden können.

Das Gespräch führte Teresa Delgado