Zum Inhalt springen
Inhalt

International «In Griechenland entsteht eine humanitäre Notsituation»

Bei eisiger Kälte setzen weiter tausende Flüchtlinge über die Ägäis nach Griechenland über – weit mehr als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Derweil stauen sich sich die Menschen an der Grenze zu Mazedonien. Beat Schuler vom UNHCR schätzt die Situation als sehr prekär ein.

Ein Mann vor einer Fähre wärmt sich mit einer Kälteschutzdecke.
Legende: Trotz widrigsten Umständen: 35'000 Flüchtlinge haben in diesem Jahr schon Griechenland erreicht. Keystone

Von verschiedenen Seiten wurde angenommen, dass mit Beginn des Winters weniger Flüchtlinge die gefährliche Fahrt über die Ägäis nach Griechenland auf sich nehmen würden. Doch diese Einschätzungen scheinen sich als falsch zu erweisen: Am Freitag sind unweit der türkischen Küste wieder zwei Flüchtlingsboote gekentert. Mindestens 34 Menschen kamen dabei ums Leben – darunter elf Kinder. UNHCR-Experte Beat Schuler spricht von einer dramatischen Situation und Rekordzahlen.

SRF News: Das Wasser in der Ägäis ist sehr kalt. Momentan sind es weniger als 15 Grad. Kommen bei diesem kalten Wetter weniger Flüchtlinge?

Beat Schuler: Nein, überhaupt nicht. Es kommen sehr viele Flüchtlinge. Seit Jahresbeginn haben bereits 35‘000 Personen Griechenland erreicht. Und auch übers Mittelmeer von Libyen nach Italien sind über 1000 gekommen.

Wenn man das hochrechnet, sind es 1500 Menschen täglich. Wie gehen die Länder damit um? Vor allem Griechenland, wo der grosse Teil der Flüchtlinge ankommt?

Die Lage in Griechenland wird schwieriger, weil die Grenzen zu sind. Die Leute können nicht weiter nach Mazedonien und auf der Balkanroute nach Österreich oder Deutschland vorankommen. Die Grenzen sind im Moment geschlossen und es gibt einen Rückstau. In Griechenland entsteht allmälich eine humanitäre Notsituation, weil das Land damit überlastet ist, die Leute aufzunehmen und unterzubringen.

Sollte es so weitergehen, wird es auch 2016 neue Rekordzahlen geben.
Legende: Video Ankunft von Flüchtlingen auf Lesbos am 22.01.2016 (unkommentiert) abspielen. Laufzeit 00:44 Minuten.
Aus News-Clip vom 22.01.2016.

Was muss man sich unter einer «humanitären Notsituation» vorstellen?

Die Menschen schlafen bei winterlichen Temperaturen teilweise im Freien. Es sind nicht genügend Hallen vorhanden, wo die Leute untergebracht werden können. Es gibt zu wenig warme Decken, Mahlzeiten und medizinische Versorgung. Es braucht eine Verstärkung des griechischen Systems. Griechenland braucht Hilfe, um dies alles bewältigen zu können.

Wie ist die Situation verglichen mit derjenigen vor einem Jahr?

Vor allem in Griechenland sind die Zahlen höher als vor einem Jahr. Bis Ende 2015 sind 850‘000 Flüchtlinge und Asylbewerber in Griechenland angekommen. Sollte es so weitergehen, wird es auch 2016 neue Rekordzahlen geben.

Die Panik ist gross, weil man hört, dass Länder ihre Grenzen schliessen werden.

Schrecken die Diskussionen in Europa die Migranten nicht ab? Erreicht sie diese Nachricht gar nicht oder ist ihre Not schlicht zu gross?

Die Not ist gross. Die Situation in der Türkei ist sehr schwierig. Über zwei Millionen Flüchtlinge sind bereits im Land. Die Türkei kann eigentlich nicht mehr Leute aufnehmen. Das heisst, es werden mehr Leute auf den gefährlichen Weg auf sich nehmen. Auch die Panik ist gross, weil man hört, dass eventuell Länder ihre Grenzen schliessen werden. Man versucht, jetzt noch hinüber zu kommen. Aufgrund des Winterwetters gehen die Flüchtlinge und Migranten ein wesentlich höheres Risiko ein.

Was braucht es aus Sicht des UNHCR jetzt am dringendsten?

Es braucht eine verstärkte Nothilfe in Griechenland. Weiter ist eine europäische Lösung notwendig. Es kann nicht sein, dass einzelne Länder vorpreschen und Einzellösungen anbieten, wie das Österreich gemacht hat. Europa muss gemeinsam handeln, um diese Flüchtlingskatastrophe bewältigen zu können.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Beat Schuler

Beat Schuler

Der Schweizer arbeitet für das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Rom.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

31 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Die Schuldzuweisungen für diese humanitäre Katastrophe einzig an die Adresse Europas zu formulieren, halte ich für falsch. Immerhin starten die Boote an den Stränden der sicheren Türkei, die ganz offensichtlich bis heute kein Interesse daran gat, die Menschen an ihren lebensgefährlichen Vorhaben aufzuhalten. Aus der Türkei gibt es aber keine Meldungen für humanitäre Hilfen, sondern einzig über Panzereinsätze gegen die eigene - wie auch die irakische (gstoppt!) und die syrische Zivilbevölkerung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Irgendwann werden alle Grenzen geschlossen und sich das freundliche Gesicht der "Refugees welcome"-Klatscher als Maske entpuppen. Denn trotz allem, trotz offener Grenzen, trotz Millionen Flüchtlingen in Europa, trotz eines tiefen Risses durch Europa, trotz massiven Kosten, die auf Europa zukommen, ertrinken im Meer Menschen. Und das Bild des ertrunkenen Kindes am Strand war ja nur der Auslöser für alles. Man muss sagen: Es hat alles nichts gebracht und nichts verändert. Der totale Misserfolg.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Wo ist eigentlich die Frontex,der Schützer der Grenzen und das Wassertaxi. Hier muss doch sofort Hilfe einsetzen. Sollen die Menschen erfrieren und verhungern? Alle auf Schiffe und zurück nach Afrika, aber nicht gen Norden ziehen lassen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen